Nach zwei APRA Silver Scroll-Nominierungen und dem globalen Hype um den „Borderlands 4“-Trailer liefert das Ausnahmetalent WHO SHOT SCOTT aus Aotearoa (Neuseeland) nun endlich das lang erwartete Debüt-Album ab. „HAIRY“ erscheint am 05. Juni 2026 via Tenfold Records und ist weit mehr als nur eine Sammlung neuer Tracks – es ist eine radikale Rückeroberung der eigenen Geschichte. Es gibt Alben, die wie ein sanfter Sommerregen einsetzen, und es gibt Alben, die wie ein explodierender Transformator die Nachbarschaft in Dunkelheit hüllen, nur um kurz darauf im gleißenden Neonlicht wiederaufzuerstehen. WHO SHOT SCOTT hat sich für Letzteres entschieden. Der Titel, inspiriert von jahrelangem Mobbing aufgrund der eigenen Körperbehaarung, verwandelt die Narben der Schulzeit in ein Symbol für Trotz, Ironie und unbändige Stärke.
Zwischen Punk-Rap-Chaos und gläserner Selbstbeobachtung
Das Album führt uns auf einer wilden Achterbahnfahrt durch neun Tracks, die sich konsequent weigern, in eine Schublade zu passen. Der Opener „LFTBU“ setzt direkt ein Statement: Roher Alternative Rap trifft auf aggressive Punk-Elemente. Über einen minimalistischen, aber treibenden Basslauf entlädt sich die Wut über Ausgrenzung und falsche Loyalität. Die Vocals wechseln hier meisterhaft zwischen fast schon gehetzten Sprechpassagen und wütenden Hooklines, die wie ein Ventil für jahrelang aufgestauten Frust wirken. Nahtlos geht die Reise über in „BAD GIRLS“, wo WHO SHOT SCOTT die stimmliche Range voll ausspielt. Hier mischt sich Hip-Hop mit Neo-Soul-Flächen, getragen von weichen Synths und groovigen Basslines. Inhaltlich ist der Song eine scharfe Beobachtung sozialer Hierarchien: Er erzählt von einer alten Schulfreundschaft, die zerbrach, weil sich das Gegenüber für den Aufstieg in die „coole Clique“ komplett verbog – eine bittere Abrechnung mit dem Anpassungsdruck unter dem ironischen Banner „Bad girls do it better“.
Die Rückeroberung der Identität: Wenn Mobbing zum Motor wird
Die emotionale Dichte nimmt mit „FRENCH FEVER“ weiter zu. Der Track ist ein nervöser, fast tanzbarer Ritt durch Erinnerungen an eine Lehrerin, die WHO SHOT SCOTT aufgrund seiner Herkunft und seines Aussehens diskriminierte. Die glitchigen Beats spiegeln die damalige Verwirrung und Angst wider, transformieren sich aber in einen empowernden Rhythmus. Düsterer wird es in „PROBLEMS IN MY HEAD“. Mit „wobbeligen“ Synths und einer melancholischen Grundstimmung werden Panikattacken und die Isolation im eigenen Kopf klanglich greifbar gemacht. Es ist ein moderner Alternative-Rap-Track, der die innere Zerrissenheit nicht nur beschreibt, sondern durch seine unruhige Produktion physisch spürbar macht.
Der Sound der inneren Zerrissenheit
Mit der vorab veröffentlichten Single „FAST CAR“ erreicht das Album einen energetischen Peak: Explosive Drums und verzerrter Bass symbolisieren die Sehnsucht nach Status und Sichtbarkeit, die der Künstler im Musikvideo ironisch im Schulbus sitzend gegenüberstellt. Es folgt die experimentelle Pop-Ästhetik von „I’M YOUR ALIEN“, die mit kosmischen Vibes und einer einprägsamen Melodie das Gefühl von Fremdheit perfekt einfängt. Hier zeigt WHO SHOT SCOTT, dass auch verletzliche Selbstbeobachtung in einem schwebenden, atmosphärischen Gewand Platz findet. In „EVERYDAY STRUGGLE“ zementiert sich der tägliche Überlebenskampf durch mantra-artige, elektronisch verzerrte Vocals tief ins Gedächtnis. Der Sound ist hier besonders kantig und erinnert in seiner rohen Energie an moderne Punk-Hybride.
Ein spannendes Finale
Bevor das Finale eingeläutet wird, fegt der kürzeste Song des Albums, „EW HAIRY ARAB“, als wütender, kathartischer Befreiungsschlag durch die Gehörgänge. Mit drückendem Bass und einer aggressiven Delivery wird die rassistische Beleidigung der Jugendzeit zurückerobert und als Schutzschild getragen – ein intensiver Moment der Selbstbehauptung. Den krönenden Abschluss bildet „PEAKED IN HIGHSCHOOL“. Ein wahrer Ohrwurm-Garant, der mit seiner ungeschliffenen Produktion, einer druckvollen Bassline und einer beeindruckenden stimmlichen Performance die Zuhörerschaft elektrisiert in die Stille entlässt.
Fazit
Mit „HAIRY“ hat WHO SHOT SCOTT nicht nur ein Album, sondern ein Manifest der Selbstbehauptung geschaffen. Ein mutiges, erfrischend unverschämtes Werk, das die Musiklandschaft im Jahr 2026 nachhaltig prägen wird. Das Werk lebt von den Widersprüchen: Es ist laut, hässlich, wunderschön, tanzbar und zutiefst verletzlich zugleich. „HAIRY“ ist ein Mittelfinger gegen die Anpassung und eine herzliche Einladung an alle Außenseiter*innen dieser Welt, den eigenen Schmerz als Treibstoff zu nutzen. Wer dieses Album hört, wird vielleicht weinen, garantiert lachen – aber vor allem eines: Den Bass im tiefsten Inneren spüren. Ein absolutes Must-Listen für alle, die Musik mit Ecken, Kanten und Herz suchen.
Fotocredit: Albumcover / Artwork