Es gibt kein Handbuch dafür, wie man vernünftig erwachsen wird. Was insofern beruhigend ist, als vermutlich ohnehin kaum jemand darin lesen würde. Die schwedischen Zwillingsschwestern Inez und Ella Johansson vergleichen das Leben in den späten Zwanzigern auf ihrem zweiten 7ebra-Album lieber mit dem Versuch, ein Flugzeug zu landen, ohne so genau zu wissen, welcher der vielen Hebel eigentlich wofür zuständig ist. Ein ziemlich schönes Bild für eine Lebensphase zwischen Selbstzweifeln und der langsam einsetzenden Erkenntnis, dass die anderen ihre Maschine vermutlich auch nur irgendwie auf die Landebahn bekommen.
„How to Land a Plane“ heißt folgerichtig das zweite Album des Duos aus Malmö und folgt drei Jahre auf das Debüt „Bird Hour“. Inez Johansson übernimmt dabei hauptsächlich Gitarre und Gesang, Schwester Ella Keyboards, Drumcomputer und ebenfalls Gesang. Mehr braucht es bei 7ebra häufig nicht. Manchmal allerdings schon.
Denn so sympathisch die reduzierte Herangehensweise der beiden grundsätzlich ist: Auf „How to Land a Plane“ klingt sie an einigen Stellen schlicht zu dünn. Natürlich gehört das Unpolierte zum Lo-Fi-Indie und natürlich muss nicht jeder Song so lange mit zusätzlichen Gitarrenspuren, Synthesizern und Effekten zugeschüttet werden, bis vom ursprünglichen Charme nichts mehr übrig ist. Trotzdem entsteht mehrfach das Gefühl, dass hier deutlich mehr möglich gewesen wäre. Wo ein Song nach zusätzlicher Dynamik, einer zweiten Ebene oder schlicht etwas mehr Druck verlangt, ziehen sich 7ebra gerne auf die sichere Erklärung zurück, dass Reduktion eben Teil des Konzepts sei. Lo-Fi kann aber Stilmittel sein – Freifahrtschein sollte es nicht werden.
Dabei beginnt die Platte durchaus vielversprechend. „Magical Thinking“ schwebt mit vernebelten Synthesizern, zurückgenommenen Beats und der wunderbaren Stimme von Inez durch einen Ambient-Pop-Nebel, in dem man sich gerne ein paar Minuten verirrt. Überhaupt ist diese Stimme eines der stärksten Argumente für 7ebra. Unaufgeregt, manchmal fast beiläufig und mit einer angenehmen Brüchigkeit versehen, passt sie hervorragend zu Songs, die von Menschen erzählen, die zwar irgendwie funktionieren, dabei aber längst nicht alles im Griff haben.
„Dinner and a Movie“ zeigt anschließend, wie gut das funktionieren kann, wenn auch die Melodie entsprechend zupackt. Eine Gitarrenfigur, die durchaus an The xx erinnert, trägt den Song, während der Refrain zunächst wesentlich unbeschwerter wirkt als die Geschichte dahinter. Genau dieses Spiel beherrschen die Schwestern: Unter der Oberfläche ihrer vermeintlich kleinen Indie-Popsongs lauern Scham, Überforderung und die eher unschönen Begleiterscheinungen des Erwachsenwerdens.
Das Problem von „How to Land a Plane“ liegt deshalb weniger in einzelnen Songs als in ihrer Summe. Die Melodien sind angenehm, aber zu selten wirklich einnehmend. Vieles plätschert charmant vorbei, ohne den Wunsch auszulösen, sofort noch einmal zurückzuspringen. Und irgendwann stellt sich bei zwölf Songs leider der gegenteilige Effekt ein: Es gibt erstaunlich viele Momente, in denen der Finger Richtung Skip-Taste wandert.
Das ist schade, weil man 7ebra eigentlich gerne mögen möchte. Vielleicht sogar mehr, als man „How to Land a Plane“ am Ende tatsächlich mag. Die beiden Schwestern besitzen Charme, gute Ideen, einen angenehm trockenen Humor und mit Inez eine Sängerin, der man gerne zuhört. Auch die Idee, das Chaos der späten Zwanziger nicht mit großen Lebensweisheiten, sondern mit Selbstzweifeln, Einkäufen, durchgemachten Nächten und alltäglichen Absurditäten zu erzählen, funktioniert. Selbst ein Song wie „Normal Song“, der im Grunde davon handelt, einen normalen Popsong schreiben zu wollen und auf einem offenen Feld zu weinen, besitzt genau jene leicht verschrobene Liebenswürdigkeit, die 7ebra interessant macht. Nur reicht interessant eben nicht automatisch für ein durchgehend gutes Album. Man hört zu, mag die Atmosphäre und findet die Menschen dahinter wahrscheinlich ziemlich sympathisch – und wartet trotzdem darauf, dass musikalisch noch irgendetwas passiert.
Fotocredit: Albumcover / Artwork