Wenn es eine Band gibt, die die Balance zwischen erdrückender metallischer Schwere und tiefgreifender emotionaler Verletzlichkeit in Perfektion beherrscht, dann ist es die 2010 in Tel Aviv gegründete Formation Walkways. Spätestens seit ihrem von der Kritik hochgelobten Werk „Bleed Out, Heal Out“ (2019, Nuclear Blast) und mitreißenden Auftritten auf internationalen Festivalbühnen wie dem Wacken Open Air gehört das Fünfergespann um Sänger Ran Yerushalmi, die Gitarre Spielenden Bar Caspi und Yoni Menner, Bassist Avihai Levy sowie Drumming-Talent Priel Horesh zur Speerspitze des modernen Alternative Metal. Am 28. August 2026 erscheint via Wild Thing Records nun ihr sehnlichst erwartetes drittes Studioalbum „A Reminder“. Es ist die bislang intimste und zugleich kompromissloseste Veröffentlichung der Band – ein musikalisches Manifest über Rückfälle und Wiederaufbau, Wut, Akzeptanz und die stille Ausdauer weiterzumachen.
Ein doppelter Boden aus Befreiung, Heilung und cineastischer Tiefe
Walkways verstehen ihre Musik seit jeher als Schutzraum und Ventil gleichermaßen. Das neue Album führt diese Philosophie konsequent fort und widmet sich den Narben der Vergangenheit, die nicht länger verdrängt, sondern als notwendige Schritte des persönlichen Wachstums akzeptiert werden. Ran Yerushalmi bringt die emotionale Tragweite des Albums schlicht auf den Punkt: „Ich wünschte, ich hätte dieses Album schon damals hören können, als ich extrem verzweifelt war und niemanden hatte, an den ich mich festhalten konnte.“ Musikalisch bewegt sich „A Reminder“ zwischen erdrückender Nu-Metal- und Groove-Wucht sowie Momenten zerbrechlicher, fast cineastischer Ruhe. Jedes Stück reflektiert dabei die bewusste Entscheidung, den eigenen Weg zu gehen – die ganz persönlichen „Walkways“.
Der Aufbruch: Cineastische Weite und wütende Abrechnungen
Mit dem fulminanten Titelsong „A Reminder“ eröffnen Walkways das Album mit getragener Ruhe, orchestraler Weite und cineastischer Größe. Druckvolle Gitarren und ein markanter Rhythmus verleihen dem Stück Gewicht, während Yerushalmis Gesang zwischen verletzlichem Klargesang und mächtigen Ausbrüchen pendelt – ein Plädoyer dafür, Narben als Zeichen der Heilung zu akzeptieren. Direkt im Anschluss folgt mit „A Fuck You, A Thank You“ eine dynamische, unberechenbare Abrechnung mit der Vergangenheit. Wuchtige Riffs treffen auf chaotisch-kontrollierte Vocals, angelehnt an den Film Split, und verarbeiten die Erkenntnis, dass Brüche im Leben die eigentliche Stärke formen. Düster und massiv zeigt sich daraufhin „A Devil’s Mist (Fire)“, eine gesellschaftskritische Groove-Metal-Breitseite mit mantraartigen „Sick“-Rufen und explosivem Refrain gegen Konsum und Selbstinszenierung. Das direkt anschließende „A Virus. Prove Me Wrong“ setzt die Konfrontation mit stampfenden Rhythmen und aggressiven Vocals fort: Die steile These „Der Mensch ist ein Virus“ wird dabei als scharfe Anklage gegen Gier formuliert, reicht den Ball als Aufforderung zur Veränderung aber direkt an die Hörenden weiter.
Zwischen elektronischer Entschleunigung und emotionalem Halt
Als atmosphärische Brücke fungiert das bedrückende, nur gut einminütige Zwischenspiel „Abiding Stress To Unstress“, in dem sich Roboterstimmen überlagern und zur Atemfokussierung aufrufen. Es bereitet den Nährboden für „Again & Again & Again“, das mit rasendem Tempo, treibenden Drums und hemmungsloser Dynamik einbricht; Yerushalmi glänzt hier mit einer breiten Gesangspalette, ehe der Track nach aggressiven Shouts langsam ausläuft. Nach dem knapp einminütigen, klassisch angehauchten Interlude „Alone Together“ zeigt „All For You“ die tröstende Seite von Walkways. Der ergreifende, Yerushalmis Sohn gewidmete Song verbindet schwere Riffs mit warmen Melodien über bedingungslose Hingabe und lässt selbst in tiefster Dunkelheit ein kleines Licht brennen. Ein absolutes Highlight bildet „A Kiss On The Forehead“, das von einer sanften Melodie zu dramatischer Arena-Tauglichkeit heranwächst, ehe Yerushalmis stimmliche Ausbrüche den Track zu einer echten Hit-Hymne vollenden.
Der Ausklang einer Reise
Mit „A Programmed Mistake“ arbeiten Walkways eine toxische Vergangenheit voller Manipulation auf; spürbare Dynamikwechsel wandeln Wut und Bitterkeit schrittweise in eine befreiende Katharsis um. Der mit über fünf Minuten längste Track „Autonomic Wrath“ entfaltet daraufhin eine mystisch-schwebende Tiefe mit warmen Vocals, ehe er sich gegen Ende in brechenden Riffs entlädt. Das verstörend-schöne Zwischenspiel „Another Relapse, Another Release“ deutet mit rauschartigen Sounds, Monologen und Schreien im Hintergrund einen inneren Zwiespalt an, ehe die wunderschöne Gänsehaut-Ballade „A Smile (Soul Deep)“ das Album beschließt. Intim, melancholisch und von Yerushalmis warmem Gesang getragen, entlässt dieser magische Schlusspunkt die Hörenden mit einem Nachhall purer Emotionen zurück in die Realität.
Fazit
Mit „A Reminder“ gelingt Walkways ein wahrhaftiges Kunstwerk des modernen Alternative Metal. Die Band aus Tel Aviv beweist eindrucksvoll, dass musikalische Härte und kompromisslose emotionale Ehrlichkeit Hand in Hand gehen können, ohne jemals in Kitsch oder Belanglosigkeit abzudriften. Durch die organische Einbindung der cineastischen Zwischenspiele wirkt das Album wie aus einem Guss – ein perfekt strukturiertes Konzeptwerk über das Heilen, Wachsen und Standhalten. „A Reminder“ ist genau das Album geworden, das Ran Yerushalmi sich einst in dunklen Stunden herbeigewünscht hat: Ein stärkender, wärmender Anker für alle, die nach Licht in der Dunkelheit suchen.
Fotocredit: Albumcover / Artwork