Wer In This Moment über die vergangenen Jahre verfolgt hat, weiß ziemlich genau, was einen bei einem neuen Album der US-Amerikaner*innen erwartet: große Gesten, düstere Ästhetik, schwere Gitarren und eine Maria Brink, die nicht einfach nur Frontfrau ist, sondern längst das Zentrum eines kompletten audiovisuellen Kosmos bildet. Auf „Witch“ setzt die Band genau dort an – und liefert erneut großes Kino, auch wenn wirkliche Überraschungen dieses Mal weitgehend ausbleiben.
Seit „Blood“ ihren Aufstieg deutlich beschleunigte und spätestens mit „Black Widow“ und „Ritual“ hat sich die Handschrift von In This Moment immer stärker herauskristallisiert. Metal, Industrial, Alternative und elektronische Elemente bilden das Fundament, darüber thront die enorme Präsenz von Maria Brink. „Witch“ verändert an dieser Formel grundsätzlich wenig. Statt einer Neuerfindung bekommen Hörer*innen vielmehr eine weitere, ausgesprochen aufwendig inszenierte Ausarbeitung dessen, was diese Band seit Jahren auszeichnet.
Und das funktioniert weiterhin erstaunlich gut. „Witch“ besitzt eine massive und moderne Produktion, die zwischen drückender Härte und atmosphärischen Passagen ausreichend Platz für Brinks Stimme schafft. Gerade diese Gegensätze gehören weiterhin zu den größten Stärken der Band. Verletzlichkeit und Aggression stehen sich nicht gegenüber, sondern ergänzen sich. Aus ruhigen Momenten können innerhalb kürzester Zeit gewaltige Klangwände entstehen, während die elektronischen und industriellen Elemente dem Material die typische dunkle Atmosphäre verleihen.
Inhaltlich beschäftigt sich das Album stark mit Veränderung, Selbstbestimmung und dem Umgang mit schmerzhaften Erfahrungen. Der Begriff der „Hexe“ wird dabei weniger als klassische Horrorfigur verstanden, sondern vielmehr als Symbol für eine Person, die ihre eigene Stärke entdeckt und sich nicht länger von äußeren Erwartungen definieren lässt.
Das passt hervorragend zu der Figur, die Maria Brink innerhalb von Band über viele Jahre aufgebaut hat. Weiblichkeit wird hier nicht als Gegenpol zu Härte präsentiert, sondern als selbstverständlicher Bestandteil davon.
Gleichzeitig liegt genau hier auch die größte Schwäche des Albums. Vieles auf „Witch“ fühlt sich vertraut an. Die Band beherrscht ihre eigene Dramaturgie inzwischen nahezu perfekt, bewegt sich dadurch aber auch in einem Rahmen, den sie selbst vor Jahren geschaffen hat. Wer auf eine größere musikalische Kursänderung oder eine völlig neue Seite von In This Moment gehofft hat, dürfte entsprechend wenig davon finden.
Nach „Godmode“ (hier unsere Review zur Platte)wirkt „Witch“ deshalb weniger wie der Beginn einer neuen Ära und vielmehr wie eine weitere Verfeinerung des etablierten Sounds. Das muss grundsätzlich nichts Negatives sein. Schließlich besitzt die Band eine Identität, die innerhalb der modernen Heavy-Szene unmittelbar wiederzuerkennen ist. Nur entsteht gelegentlich das Gefühl, dass Maria und ihre Band durchaus das Potenzial hätten, ihre selbst gesetzten Grenzen noch stärker einzureißen.
Dass die Platte trotzdem funktioniert, liegt nicht zuletzt an Maria Brink. Sie bleibt das unübersehbare und unüberhörbare Zentrum der Band und die Featuregäste sind wirklich großartig so sind Dayseeker, Kim Dracula & Kate Von D dabei. Gerade der Song „Another Brick in the Wall“, bei dem Kat Von D gemeinsam mit In This Moment den Pink Floyd Klassiker covert, ist großes Kino!Ihre Fähigkeit, zwischen zerbrechlichen, beinahe intimen Momenten und explosiver Aggressivität zu wechseln, prägt auch diese Werk entscheidend. Rund um sie entsteht erneut eine Welt, die gleichermaßen Musik, Theater und düstere Inszenierung sein möchte. Man hört dieses Album nicht nur – vor dem inneren Auge entstehen beinahe automatisch Bilder dazu.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten Bandgeschichte müssen In This Moment niemandem mehr beweisen, dass sie eine der markantesten Identitäten der modernen Heavy-Musik besitzen. „Witch“ unterstreicht genau das. Die Platte ist laut, atmosphärisch geprägt und theatralisch angehaucht und bietet alles, was Fans an der Band schätzen.
Der ganz große Überraschungsmoment fehlt allerdings. Das Album ist erneut großes Kino rund um Maria Brink – nur läuft der Film dieses Mal nach einem Drehbuch, dessen Grundzüge wir bereits kennen. Für Fans funktioniert das weiterhin hervorragend. Für den nächsten Schritt dürfte die Band aber gerne wieder etwas mehr riskieren.
Fotocredit: Albumcover / Artwork