Am Freitagmorgen brauchte es keinen Blick auf den Wetterbericht, um zu wissen, was uns erwartete. Schon beim ersten Schritt nach draußen lag die Wärme schwer in der Luft. Mit jedem Festivaltag schien die Sonne noch ein wenig entschlossener zu werden, und langsam war die Hitze nicht mehr nur eine Randnotiz, sondern Teil jeder Entscheidung. Wie weit ist die nächste Bühne entfernt? Muss ich wirklich sofort los? Oder reicht es vielleicht auch, noch fünf Minuten sitzen zu bleiben und das kalte Getränk nicht ganz so schnell auszutrinken?
Die Nacht war vergleichsweise ruhig gewesen, richtig erholt fühlte ich mich trotzdem nicht mehr. Der Staub der vergangenen Tage hatte sich längst überall festgesetzt, die Beine meldeten die ersten Kilometer zurück und mein Timetable sah für den Nachmittag weniger nach entspanntem Festival als nach Intervalltraining aus. Denn obwohl die Hitze inzwischen ordentlich an den Kräften zehrte, gab es wieder viel zu viele Bands, zwischen denen ich mich nicht entscheiden wollte. Der offizielle Zeitplan machte es mir mit mehreren Überschneidungen zusätzlich schwer.
Der Freitag braucht keinen Anlauf
Gegen Mittag zog es mich zur T-Stage, wo SETYØURSAILS den musikalischen Start in den Tag übernahmen. Die Fläche vor der Bühne war noch nicht komplett gefüllt, doch die Menschen, die sich bereits aus ihren schattigen Ecken herausgewagt hatten, waren offensichtlich nicht für ein vorsichtiges Warmwerden gekommen. Zwischen den schweren Gitarren und den persönlichen, melodischen Passagen der Kölner Metalcore-Band gingen immer wieder Hände nach oben, während weiter vorne die verbliebene Müdigkeit endgültig aus den Körpern geschüttelt wurde.
Gerade Sängerin Jules Mitch gibt den Songs mit dem Wechsel zwischen aggressiven Vocals und klaren Melodien eine enorme Dringlichkeit. Das funktionierte auch zu dieser frühen Uhrzeit erstaunlich gut. Die harten Stellen schoben ordentlich nach vorne, die Refrains boten gleichzeitig genug Platz zum Mitsingen. So begann der Freitag nicht mit einem langsamen Herantasten, sondern direkt mit der Erinnerung daran, weshalb man trotz Hitze, Staub und müder Beine immer wieder vor den Bühnen landet.

Direkt danach stellte mich der Timetable vor die erste unangenehme Entscheidung. Auf der T-Stage begann Brainstorm mit ihrem kraftvollen, eher dunkel gefärbten Power Metal, während auf der Hauptbühne zur selben Zeit Das Lumpenpack wartete. Musikalisch hätten die beiden Auftritte kaum weiter auseinanderliegen können. Gerade deshalb fiel meine Wahl am Ende auf die Band, die auf einem Metal-Festival zunächst ein wenig so wirkte, als hätte sie sich im Programm verirrt.
Aber genau das machte Das Lumpenpack so reizvoll. Statt martialischer Bühnenshow oder möglichst finsterer Mienen gab es Rock und Pop mit pointierten deutschen Texten, viel Selbstironie und einem Humor, der mal herrlich albern und im nächsten Moment überraschend scharf wurde. Die Band nahm dabei nicht nur sich selbst, sondern auch den ganz normalen Festivalwahnsinn ordentlich aufs Korn. Dabei blitzte immer wieder ihre klare Haltung durch – pointiert, unbequem und ohne sich den Mund verbieten zu lassen. Das Publikum quittierte die Mischung aus bissigem Humor und deutlicher Kante mit entsprechendem Jubel.
Vor der Bühne entstand keine typische Metal-Eskalation. Stattdessen wurde gemeinsam gelacht, gehüpft und jede Pointe gefeiert, als wäre sie der Refrain eines großen Headlinersongs. Einige kannten offensichtlich jede Zeile, andere blieben zunächst nur neugierig stehen und ließen sich dann doch von dieser angenehm absurden Stimmung mitziehen. Zwischendurch sah man immer wieder Menschen, die sich ungläubig angrinsten, weil das hier eigentlich überhaupt nicht ins klassische Summer-Breeze-Schema passte und gerade deshalb wunderbar funktionierte. Nach mehreren Tagen harter Gitarren tat diese Leichtigkeit richtig gut.
Den Platz vor der Hauptbühne gab ich anschließend gar nicht erst auf. Future Palace knüpften zwar nicht musikalisch, aber zumindest emotional an die Intensität des bisherigen Tages an. Das Berliner Trio verbindet Post-Hardcore und modernen Metal mit elektronischen Flächen und Songs, die Verletzlichkeit nicht hinter der Härte verstecken. Auf der großen Bühne wechselten sich dichte, fast bedrückende Momente mit Refrains ab, die weit über das Gelände getragen wurden.

Während Sängerin Maria Lessing zwischen klaren Passagen und kraftvollen Screams wechselte, wurde es vor der Bühne spürbar ernster. Wo bei Das Lumpenpack noch gelacht und herumgesprungen wurde, gingen nun viele vollkommen in den Songs auf. Trotzdem blieb die Energie hoch: Haare flogen, Arme wurden im Takt gehoben und die großen Melodien kamen laut aus der Menge zurück. Dass sich solche unterschiedlichen Auftritte direkt hintereinander auf derselben Bühne so selbstverständlich anfühlen können, gehört zu den Dingen, die ich an Festivals besonders mag.
Eigentlich hätte ich zu dieser Zeit gerne noch Pridian auf der Wera Tool Rebel Stage gesehen. Die estnische Band verbindet modernen Metal mit dunklen elektronischen Elementen, schweren Grooves und einer beinahe filmischen Atmosphäre – genau die Art von Newcomer, für die sich ein Abstecher normalerweise lohnt. An diesem Tag hätte das allerdings bedeutet, einmal quer über das Gelände zu laufen und kurz darauf direkt wieder zurückzumüssen.
Bei normalen Temperaturen hätte ich darüber vermutlich kaum nachgedacht. Inzwischen fühlte sich aber jeder zusätzliche Weg doppelt so lang an. Also blieb ich, wo ich war, und akzeptierte schweren Herzens, dass auch ein guter Festivalplan irgendwann an Hitze, Entfernungen und der schlichten Tatsache scheitert, dass man nicht gleichzeitig vor drei Bühnen stehen kann.
Der Timetable wird zum Ausdauersport
Auf der Main Stage wurde es anschließend nordisch. Brothers of Metal setzen auf Power Metal, Wikinger, nordische Mythologie und eine Inszenierung, die ihre Übertreibung ganz bewusst vor sich herträgt. Mehrere Sänger, große Melodien und eine Band, die aussieht, als wäre sie direkt aus einer besonders enthusiastischen Walhalla-Mottoparty auf die Bühne gestiegen: Das kann man eigentlich nur mit einem gewissen Grinsen betrachten.
Ein paar Songs lang funktionierte dieser bombastische Ausflug auch hervorragend. Vor der Bühne wurden die Fäuste gehoben, während die großen Refrains über das Gelände rollten. Für mich blieb es trotzdem bei einem kurzen Besuch. Zu viele andere Bands warteten, und mein persönlicher Bühnenmarathon war noch lange nicht vorbei.
Ein paar Minuten später stand ich deshalb an der Wera Tool Rebel Stage vor Luna Kills. Die Finnen mischen Alternative und Nu Metal mit elektronischen Sounds und wirkten auf der kleineren Bühne deutlich unmittelbarer als der große Wikingeraufmarsch zuvor. Die Musik war modern, kantig und gleichzeitig überraschend eingängig. Schwere Gitarren trafen auf Beats, zu denen man ebenso gut springen wie bangen konnte.
Viel Zeit blieb mir auch hier nicht, aber genau für solche kurzen Eindrücke nehme ich das Hin und Her in Kauf. Manchmal reichen schon wenige Songs, um eine Band anschließend auf die persönliche Liste für ein vollständiges Konzert zu setzen. Luna Kills gehörten für mich in genau diese Kategorie.
Denn schon bald musste ich zurück zur Hauptbühne. The Butcher Sisters lässt man nicht einfach nebenbei laufen. Zumindest nicht, wenn man auch nur ein kleines bisschen Freude an vollkommen überdrehtem Crossover-Chaos hat.
Musikalisch werfen die Mannheimer Deutschrap, Metal und Beatdown Hardcore zusammen und machen daraus eine Show, bei der man nie genau weiß, ob man als Nächstes einen harten Breakdown, eine Rap-Passage oder irgendeinen völlig absurden Moment serviert bekommt. Ernsthaftigkeit ist dabei höchstens in sehr kleinen Dosen vorgesehen. Viel wichtiger sind Sonnenbrillen, dicke Beats, ein gewisser Hang zum kontrollierten Kontrollverlust und der feste Wille, gemeinsam möglichst viel Spaß zu haben.
Das Publikum musste nicht lange überzeugt werden. Überall wurde gemosht, Texte wurden mit einem breiten Grinsen zurückgerufen und selbst in den härteren Passagen wirkte das Geschehen weniger bedrohlich als herrlich ausgelassen. Weiter vorne wurde ordentlich geschoben, während daneben Menschen tanzten, die mit klassischen Beatdown-Bewegungen offensichtlich eher wenig anfangen konnten. Genau darin liegt für mich der Reiz dieser Band: Man muss sich nicht entscheiden, ob man gerade eine Metalshow, ein Rapkonzert oder eine große Party besucht. Es ist einfach alles gleichzeitig – laut, albern und ausgesprochen unterhaltsam.

Nach diesem Spaßprogramm wartete an der T-Stage ein deutlicher musikalischer Gegenentwurf. Bei Unprocessed rückte plötzlich die Gitarre in den Mittelpunkt – und zwar auf eine Weise, bei der man zwischendurch fast vergaß, selbst den Kopf zu bewegen, weil man lieber genau beobachtete, was da auf dem Griffbrett passierte.
Die Wiesbadener kommen ursprünglich aus Progressive Metal und Djent, lassen inzwischen aber ebenso Alternative, Metalcore und moderne elektronische Einflüsse in ihren Sound einfließen. Komplexe Rhythmen trafen auf erstaunlich leichtfüßige Melodien, technische Präzision auf Momente, die beinahe schwebend wirkten. Besonders das Gitarrenspiel von Manuel Gardner Fernandes sorgte immer wieder für dieses kollektive Staunen, das man im Publikum fast körperlich spüren konnte.
Während einige vorne jeden rhythmischen Wechsel mit dem ganzen Körper mitgingen, standen andere einfach nur da und versuchten vermutlich, den Fingern auf der Bühne zu folgen. Trotz aller technischen Feinheiten klang der Auftritt aber nie wie eine reine Demonstration musikalischer Fähigkeiten. Die Songs hatten genug Druck, um das Publikum mitzunehmen, und genug Melodie, um nicht im mathematischen Gitarrenrätsel zu verschwinden.
Für Avalanche Effect reichte es leider nicht mehr. Die Münsteraner spielten im Campsite Circus und wären mit ihrem modernen, emotionalen Metalcore eigentlich genau eine dieser kleineren Bands gewesen, die ich gerne unterstützt hätte. Zwischen The Butcher Sisters, Unprocessed und dem unmittelbar folgenden Auftritt von The Ghost Inside ließ sich dieser zusätzliche Weg aber einfach nicht sinnvoll unterbringen. Das war keine Entscheidung gegen die Band, sondern gegen noch mehr hektisches Hin und Her. Trotzdem bleibt Avalanche Effect eine dieser Newcomer-Bands, die man im Blick behalten und bei nächster Gelegenheit unbedingt auschecken sollte.
Viel Zeit zum Ärgern blieb ohnehin nicht, denn auf der Main Stage ging es direkt mit The Ghost Inside weiter. Die Kalifornier verbinden Metalcore mit melodischem Hardcore und schreiben Songs, die gerade live von ihrer gemeinschaftlichen Energie leben. Harte Breakdowns sind dabei nur eine Seite. Mindestens genauso wichtig sind die großen, emotionalen Refrains, bei denen plötzlich tausende Stimmen zusammenfinden.
Nach all den Wegen und der inzwischen beinahe stehenden Hitze hätte mein Körper eigentlich auf eine Pause bestehen dürfen. Stattdessen zog mich die Musik noch einmal mitten ins Geschehen. Fäuste gingen nach oben, die Menge bewegte sich in Wellen und bei den eingängigeren Passagen war der Gesang aus dem Publikum beinahe genauso präsent wie der von der Bühne. The Ghost Inside waren der passende Abschluss für den hektischen Teil meines Freitags: kraftvoll, emotional und noch einmal fordernd genug, um die letzten Reserven des Nachmittags anzuzapfen.

Der Abend darf aus der Entfernung passieren
Danach war irgendwann der Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr für jede Band möglichst nah an einer Bühne stehen musste. Der Freitag hatte bis dahin aus Bühnenwechseln, kurzen Aufenthalten und ständigem Blick auf die Uhr bestanden. Dazu kam die Hitze, die sich selbst am Abend noch im Boden und in der Luft hielt. Also suchte ich mir lieber einen Platz etwas abseits, setzte mich hin, ließ die Beine in Ruhe und machte aus dem weiteren Programm den Soundtrack eines deutlich entspannteren Abends.
Das bedeutete nicht, dass auf den Bühnen plötzlich weniger Qualität geboten wurde. Im Gegenteil: Mit Lamb of God drückte der schwere Groove von der Hauptbühne über das Gelände, während Terror später die T-Stage mit kompromisslosem Hardcore übernahmen. Beides sind Bands, bei denen weiter vorne mit Sicherheit kein Körper lange an derselben Stelle blieb. Ich hatte sie allerdings bereits gesehen und musste mir nicht noch einmal beweisen, dass ich nach diesem Tag unbedingt mitten im größten Gedränge stehen konnte.
Auch Arch Enemy kenne ich inzwischen gut. Ihr melodischer Death Metal funktioniert auf einer großen Bühne zuverlässig: scharfe Gitarrenläufe, schwere Riffs und Melodien, die selbst aus größerer Entfernung sofort ihren Weg finden. Auch mit der neuen Sängerin Lauren Hart Dieses Mal reichte es mir vollkommen, die Show mit etwas Abstand mitzunehmen, mich zu unterhalten und nur bei einzelnen Songs den Blick wieder ganz zur Bühne wandern zu lassen.
Später wurde es mit Der Weg einer Freiheit noch einmal deutlich dichter und dunkler. Ihr Black Metal verbindet rasende Intensität mit langen atmosphärischen Passagen, in denen sich die Musik beinahe vollständig um einen herum schließt. Danach stellte Versengold mit deutschsprachigem Folk-Rock, akustischen Instrumenten und Irish-Folk-Einflüssen das komplette musikalische Bild erneut auf den Kopf. Beide Bands beherrschen das, was sie tun, und beide haben ihr Publikum. An diesem Abend waren sie für mich trotzdem eher hochwertiges Hintergrundrauschen als ein Grund, noch einmal die Poleposition vor einer Bühne einzunehmen.
Und genau das war vollkommen in Ordnung. Ein Festival muss nicht vier Tage lang aus dem Versuch bestehen, möglichst viele Konzerte aus der ersten Reihe zu sehen. Manchmal ist es viel angenehmer, etwas abseits zu sitzen, die Gespräche um sich herum mitzubekommen und trotzdem jederzeit zu wissen, welche Band gerade spielt. Die Musik wird dadurch nicht unwichtiger. Sie wird nur Teil eines größeren Ganzen – aus warmer Nachtluft, müden Beinen, kalten Getränken und diesem zufriedenen Gefühl, heute wirklich genug gesehen zu haben.
Eine letzte Kraftreserve
Zumindest dachte ich das bis kurz vor ein Uhr.
Denn für Skindred musste ich doch noch einmal aufstehen. Es gibt Bands, bei denen ich schon vor dem ersten Ton weiß, dass sie aus einem müden Festivalpublikum noch eine letzte Party herausholen werden. Die Waliser verbinden Metal mit Reggae, Punk und Hip-Hop und klingen damit selbst nach mehr als zwei Jahrzehnten noch immer wie kaum eine andere Band. Vor allem live wird aus diesem eigenwilligen Mix keine bloße Genreübung, sondern eine einzige große Aufforderung, sich zu bewegen.
Kaum stand Benji Webbe auf der Bühne, war die Müdigkeit zumindest für eine Weile erstaunlich weit weg. Statt düster vor sich hinzunicken, sprang das Publikum, tanzte und ließ sich von ihm durch die Show dirigieren. Die Reggae-Rhythmen sorgten dafür, dass selbst die schweren Gitarren leichtfüßig wirkten, während die härteren Passagen immer wieder neue Energie in die Menge schoben. Menschen, die wenige Minuten zuvor noch erschöpft am Rand gesessen hatten, standen plötzlich wieder vor der Bühne und bewegten sich, als hätte der Freitag gerade erst begonnen.
Aus diesem Grund wollte ich Skindred unbedingt noch sehen. Diese Band schafft es regelmäßig, aus einem normalen Konzert eine gemeinsame Feier zu machen. Man muss nicht jeden Song kennen und auch nicht mehr genug Kraft für das nächste große Gedränge haben. Es reicht, sich von dieser ansteckenden Mischung aus Groove, Härte und guter Laune noch einmal mitnehmen zu lassen.

Als ich mich danach wirklich auf den Rückweg machte, hatte sich die Luft endlich ein wenig abgekühlt. Die Beine fühlten sich trotzdem an, als sei ich tagelang umhergewandert. Am Mittag hatte ich noch überlegt, ob der nächste Weg bei dieser Hitze wirklich nötig war. Dreizehn Stunden später hatte mich Skindred trotzdem noch einmal vor die Hauptbühne gelockt.
Vielleicht ist genau das der Freitag auf einem Festival: Der Körper beginnt längst, vernünftige Vorschläge zu machen, während der Timetable immer noch sehr überzeugende Gegenargumente liefert.
Fotocredit: Lara Kramer
Review: Hannah Lea Fritz