Vier Jahre hat es gedauert, bis Interpol wieder mit einem neuen Album zurückkehren. „This Mirror Weighs a Ton“ ist das erste seit „The Other Side of Make Believe“ (2022) und markiert zugleich das Debüt bei Partisan Records. Produziert von Andrew Wyatt (ROSALÍA, Charli XCX) und abgemischt von David Fridmann (Sleater-Kinney, MGMT), erweitert das Album die Klangpalette der New Yorker ohne dabei den charakteristischen und melodischen Ansatz aus den Augen zu verlieren.
Als Interpol im Rahmen ihrer diesjährigen US-Tour Station in San Diego machten, ließ es sich Skate-Legende Tony Hawk nicht nehmen die Band auf der Bühne anzukündigen. Hawk erinnerte sich daran, wie er die New Yorker vor über zwei Jahrzehnten zu deren Album „Turn On The Bright Lights“ (2002) entdeckte. „Ich habe ihnen beim Spielen von ‚Slow Hands‘ zugesehen. Sie haben mir dabei zugesehen, wie ich Slow-Hand-Plants gemacht habe.“ Hawk zog Parallelen zwischen ihren Karrieren: „Keiner von uns hat aufgehört, das zu tun, was wir lieben … Ich werde nicht mit dem Skaten aufhören, bis Interpol aufhören, zu touren.“ Diese Anekdote passt perfekt zu einer Band, die seit über zwei Jahrzehnten ihren eigenen Weg geht, ohne sich zu verbiegen.
Und alle Anzeichen deuten auf eine große Platte hin. Nicht nur, dass man mit Wyatt einen der momentan angesagtesten Produzenten verpflichten konnte, auch in einem Interview von Paul Banks mit dem Guardian, betitelte die britische Zeitung das neuste Werk als Interpols „Masterpiece“. Das Album wurde in Wyatts Studio in Manhattans Lower East Side aufgenommen und markiert damit das erste Mal seit über einem Jahrzehnt, dass die Band an ihrem ursprünglichen Heimatort eine Platte aufnimmt. Themen wie Reflexion, Wahrnehmung und emotionale Spannung ziehen sich durch das gesamte Album.
Der Opener und Titeltrack „This Mirror Weighs a Ton“ erinnert tatsächlich zunächst an Walgesänge. Der Song mäandert ziemlich vor sich hin, was an die letzten AM-Alben erinnert. Beim ersten Hören bleibt wenig hängen, funktioniert aber im Albumkontext deutlich besser als es bei der losgelösten Single der Fall war. Spannend ist, dass der Track fast ohne Gitarren daherkommt und weibliche Background Vocals zum Einsatz kommen, die an Caves Wild God Album erinnern.
„See Out Loud“ gefällt richtig gut – ein klassischer Interpol-Song, der auch auf „El Pintor“ gepasst hätte. Erinnert von der Produktion her jedoch eher an „Marauder“. Die Frage bleibt nur: Wer singt bei ca. 1:50 min? Klingt wie Alex Turner. Tatsächlich handelt es sich um Gitarrist Daniel Kessler, der hier seine ersten Vocals auf einem Interpol-Album seit „PDA“ auf „Turn On The Bright Lights“ beisteuert.
„Iron City“, die dritte Single, findet die Band in einer Spannung zwischen Vergangenheit und Zukunft, die das gesamte Album durchzieht. „Wounded Soldier“ shimmerd superb in the dark, mit Paul Banks‚ Zeile „I dream violence“, die perfekt die düstere Atmosphäre des Tracks einfängt. „Wings On Fire“ und „Wake Up“ gehören zu den eher hellen Songs der Platte, doch selbst hier gelingt es Interpol, ein düsteres Fragezeichen zu setzen. Ebenso wenn Banks in „Wings On Fire“ zaghaft appellierend „Find out who you are“ singt, deuten die Instrumente an, dass sich unter Umständen auch eine grausige Fratze zeigen könnte.
„Ever The Actor“ klingt ebenfalls deutlich düster und sticht mit einem entfremdeten Gesang heraus. Eine musikalisch herausfordernde Nummer, die nicht nach Single schreit, aber definitiv ihre Fans finden wird. „So Rides The Reindeer“ sorgt ebenfalls für einen dunklen Klang, verwoben mit einem akustischen Gitarren-Loop. Und dann ist da noch das klaviergetragene „Enemy“, das für mich klarer Fixpunkt dieser Platte sein dürfte. Düster, melancholisch, hypnotisierend – ein Song, der zeigt, dass Interpol auch nach über zwei Jahrzehnten noch wissen, wie man Atmosphäre schafft.
Man kann sagen, dass „This Mirror Weighs a Ton“ kein radikaler Bruch, sondern eine konsequente Weiterentwicklung der Band darstellt. Interpol klingen nicht wie eine Band, die sich neu erfinden muss, sondern wie eine, die weiß, was sie kann. Ob es nun das vom Guardian prophezeite Meisterwerk sein wird, wird die Zeit zeigen. Aber im Fanlager der Band, dürfte man nach zwei eher mäßig gefeierten Alben, durchaus zufrieden sein.
Fotocredit: Elliot Lee Hazel