Der zweite Tag auf dem Sziget Festival begann spürbar kühler – was nach dem ersten langen Festivaltag allerdings alles andere als schlecht war.
Wir waren früh auf der Insel unterwegs, denn direkt zu Beginn wartete eines unserer persönlichen Highlights auf uns: ALT BLK ERA auf der Revolut Stage. Das britische Duo hatten wir bereits im vergangenen Jahr für uns entdeckt. Damals durften wir die beiden als Support von Pendulum in London erleben – und seitdem war für uns klar: Diese zwei Powerfrauen sollte man definitiv im Auge behalten. ALT BLK ERA verbinden Rock, elektronische Elemente, Rap und jede Menge Energie zu einem Sound, der sich nur schwer in eine Schublade stecken lässt.
Auch auf dem Sziget zeigten sie, warum sie gerade zu den spannendsten jungen Acts der britischen Alternative-Szene gehören. Die Mischung aus wuchtigen Beats, Gitarren und einer enormen Bühnenpräsenz funktionierte schon am frühen Nachmittag erstaunlich gut. Wir kamen ordentlich ins Schwitzen – und danach waren wir definitiv wach.
Biffy Clyro: Eine Herzensband, die vor zu wenig Publikum spielte
Viel Zeit zum Durchatmen blieb uns allerdings nicht. Für uns ging es weiter zur Mainstage, denn dort wartete mit Biffy Clyro eine unserer absoluten Herzensbands. Erst in der vergangenen Woche hatten wir die schottische Rockband noch beim Taubertal Festival vor der Kamera. Hier findet ihr die Bilder. Nur wenige Tage später trafen wir sie nun wieder – dieses Mal vor der riesigen Kulisse des Sziget.
Biffy Clyro gehören seit Jahren zu den großen Namen des Alternative- und Indie-Rocks. Ihre Songs können gleichzeitig gewaltig und verletzlich sein. Große Melodien, treibende Gitarren und Refrains, die geradezu dafür gemacht sind, von tausenden Menschen mitgesungen zu werden, gehören zu ihrem Markenzeichen. Und genau deshalb war es für uns umso enttäuschender, dass die Mainstage bei ihrem Auftritt ziemlich leer war.
Dabei lag das definitiv nicht an der Band. Ganz im Gegenteil: Biffy Clyro lieferten genau die Show ab, die man von einer Band mit ihrem Status erwarten darf. Simon Neil und seine Band hatten das Publikum musikalisch im Griff und zeigten, warum sie auf vielen Festivals längst Headliner-Status besitzen.
Unserer Meinung nach war die Platzierung allerdings ein Fehler. Biffy Clyro hätten diesen Headliner-Spot verdient – und wahrscheinlich auch ein Publikum, das genau wegen ihnen vor der Bühne steht. Stattdessen spielten sie vor einer für das Sziget überraschend kleinen Menge. Das war schade, denn musikalisch hätte dieser Auftritt problemlos einen späteren Slot verdient gehabt. Wer Biffy Clyro kennt, weiß allerdings: Die Band braucht keine riesige Menschenmenge, um abzuliefern. Und genau das taten sie auch in Budapest.
Natasha Bedingfield: Viel besser als erwartet
Danach ging es für uns musikalisch in eine völlig andere Richtung. Natasha Bedingfield stand auf unserer Liste – und ehrlich gesagt waren unsere Erwartungen nicht ganz so hoch. Umso größer war die Überraschung. Ihr Auftritt war deutlich stärker als noch bei unserem Besuch beim Hurricane Festival. Während ihr Auftritt dort für uns etwas gelangweilter wirkte, präsentierte sie sich auf dem Sziget deutlich kraftvoller und überzeugender.
Bedingfield zeigte mehr Energie, ging stärker in ihre Performance und wirkte insgesamt deutlich präsenter auf der Bühne. Vor allem ihre bekannten Songs funktionierten beim Sziget-Publikum hervorragend ( internationales Publikum eben ) und sorgten für deutlich mehr Bewegung vor der Bühne, als wir erwartet hatten. Manchmal sind es eben genau diese Auftritte, bei denen man mit relativ niedrigen Erwartungen hingeht und anschließend positiv überrascht wird.
HEALTH: Das hätte auch zum M’era Luna gepasst
Zwischendurch führte uns unser Weg auch zu HEALTH – und spätestens hier wurde wieder deutlich, wie breit das musikalische Spektrum des Sziget eigentlich ist. Das Trio aus Los Angeles bewegt sich irgendwo zwischen Industrial Rock, Noise Rock und elektronischer Musik. Ihre Musik klingt kalt, düster, wuchtig und teilweise geradezu dystopisch. Verzerrte Sounds, massive Beats und hypnotische Rhythmen treffen auf eine Atmosphäre, die sich deutlich vom klassischen Rock unterscheidet. Gerade deshalb mussten wir während des Auftritts unweigerlich an das vergangene Wochenende denken. HEALTH hätten nämlich auch hervorragend zum M’era Luna Festival in Hildesheim gepasst. Dieses dunkle, industrielle und teilweise apokalyptische Klangbild fügt sich geradezu perfekt in die Atmosphäre des Gothic-Festivals ein. Wer am vergangenen Wochenende beim M’era Luna war, weiß, welche musikalischen Welten dort aufeinandertreffen. Und HEALTH hätten dort definitiv ihre Fans gefunden. Hier findet ihr unsere Bilder vom M’era Luna.
Twenty One Pilots: Wie beim Hurricane – nur mit der besseren Crowd
Wir hatten Tyler Joseph und Josh Dun bereits im Juni beim Hurricane und Southside Festival erlebt. Die Show war uns also noch bestens im Gedächtnis – und trotzdem funktionierte sie auch beim Sziget wieder hervorragend. Musikalisch verbinden Twenty One Pilots Alternative Rock, Pop, Hip-Hop und elektronische Elemente. Genau diese Mischung macht die Band so schwer einzuordnen. Vor allem live entwickeln ihre Songs aber eine ganz eigene Dynamik.
Was uns dieses Mal besonders auffiel, war die Crowd. Die Show war ähnlich aufgebaut wie beim Hurricane, aber das Publikum in Budapest ging deutlich stärker mit. Es wurde gesungen, gesprungen und gefeiert – und dadurch bekam die gesamte Show noch einmal eine andere Energie. Ein Punkt muss bei Twenty One Pilots außerdem unbedingt hervorgehoben werden: Diese Band besteht live tatsächlich nur aus zwei Personen. Tyler Joseph und Josh Dun sind zu zweit auf der Bühne und übernehmen dabei trotzdem eine unglaubliche Anzahl an Instrumenten und Aufgaben. Tyler wechselt zwischen Gesang, Gitarre, Piano und weiteren Instrumenten, während Josh am Schlagzeug nicht einfach nur seinen Part spielt, sondern die gesamte Show mit seiner Energie trägt.
Gerade deshalb ist es beeindruckend, wie groß ihre Konzerte trotz dieser kleinen Besetzung wirken. Und dann kam noch ein besonderer Moment(einer von vielen) : Twenty One Pilots spielten „Stolen Dance“ von Milky Chance. Dass ausgerechnet eine US-amerikanische Band einen Song einer deutschen Band covert, war natürlich ein schöner Moment. Gleichzeitig zeigt der Song aber auch, wie international erfolgreich Milky Chance inzwischen sind. „Stolen Dance“ ist längst nicht mehr nur ein deutscher Indie-Hit, sondern ein international bekannter Song. Für uns war das Cover deshalb ein ziemlich cooler Moment in einer ohnehin starken Show. Wir hatten Twenty One Pilots zwar erst wenige Wochen zuvor gesehen – langweilig wurde es trotzdem nie.
Ikkimel: Provokation ist Programm
Was diesen Sziget-Tag für uns besonders machte, war die musikalische Vielfalt. Unsere Liste führte einmal quer durch die Genres – und ein ganz besonderer Programmpunkt war für uns Ikkimel.
Die Berlinerin gehört zu den Acts, die bewusst provoziert, Erwartungen bricht und sich nicht darum bemüht, es allen recht zu machen. Ihr Stil ist laut, sexuell aufgeladen und bewusst überzeichnet. Sie spielt mit Rollenbildern, Geschlechterklischees und der Frage, wer eigentlich bestimmen darf, wie sich eine Frau in der Öffentlichkeit zu präsentieren hat. Dabei war gerade die Mischung aus Provokation und Selbstbestimmung spannend. Ikkimel macht sich männliche Codes, Sprache und Sexualität zu eigen und dreht sie teilweise bewusst um. Man muss das nicht mögen – aber genau diese Reibung gehört zu ihrem Konzept und muss einfach sein. Ihre Texte und ihre Inszenierung wollen nicht unbedingt gefallen. Sie wollen eine Reaktion provozieren. Und ehrlich gesagt: Warum auch nicht?
Wie gut das funktioniert, zeigte auch ihr Auftritt im ZDF-Morgenmagazin. Dort performte sie ihren Song „Fußballmänner“ – ausgerechnet in einem Format, das normalerweise eher für Nachrichten, Politik und Frühstücksfernsehen steht. Zwischen klassischer Morgen-TV-Atmosphäre und Ikkimels provokantem Rap entstand ein Moment, der definitiv ungewöhnlich war. Genau diese bewusste Konfrontation mit einem eher klassischen Fernsehformat passt perfekt zu ihrer Art, mit Erwartungen zu spielen. Und genau deshalb passt Ikkimel auch hervorragend auf ein Festival wie das Sziget: Hier darf Kunst anecken, laut sein und Grenzen austesten.
Ashnikko: Willkommen im Chaos
Kurz nach Mitternacht trieb es uns schließlich zurück zur Revolut Stage. Dort wartete Ashnikko – und spätestens nach den ersten Minuten war klar: Diese Frau braucht keine fünf Minuten, um eine Festivalbühne komplett zu übernehmen. Ashnikko ist eine Künstlerin, bei der Musik und visuelle Inszenierung untrennbar miteinander verbunden sind. Ihr Sound bewegt sich zwischen Hip-Hop, Pop, elektronischen Beats und einer gehörigen Portion Punk-Attitüde. Dazu kommt eine Bühnenfigur, die irgendwo zwischen Cyber-Fairy, Comicfigur und komplettem Chaos angesiedelt ist.
Live funktionierte das besonders gut. Ashnikko bewegte sich permanent, spielte mit ihrer Körpersprache und verband aggressive Energie mit einer fast schon verspielten Art. Dazu kamen auffällige Visuals, Licht und eine Inszenierung, die ihre Songs noch größer wirken ließ. Ihre Shows werden deshalb nicht einfach abgespult – sie fühlen sich eher wie ein kontrollierter Ausnahmezustand an. Und genau das passierte auch auf dem Sziget. Die Revolut Stage wurde zur Spielwiese, Ashnikko wurde zur Hauptfigur und wir fragten uns kurz, wie man nach so einem Tag eigentlich noch Energie haben kann.
TOMORA: Ein ungewöhnliches Finale
Unser Festival-Tag endete schließlich weit nach Mitternacht mit einem Projekt, das musikalisch kaum besser zu diesem Tag passen konnte: TOMORA. Hinter TOMORA stehen zwei Namen, die auf den ersten Blick für völlig unterschiedliche musikalische Welten stehen: Tom Rowlands, eine Hälfte der legendären The Chemical Brothers, und die norwegische Sängerin AURORA.
Aus dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit entsteht etwas, das weder klassische Chemical-Brothers-Elektronik noch typische AURORA-Popmusik ist. Vielmehr treffen Rowlands‘ elektronische Klangwelten auf AURORAs außergewöhnliche, beinahe entrückte Stimme. Das Ergebnis ist atmosphärisch, elektronisch und teilweise düster, dann aber wieder unglaublich leicht und schwebend. Genau diese Mischung macht TOMORA so interessant. Und genau deshalb war TOMORA für uns der perfekte Abschluss für diesen zweiten Sziget-Tag. Nach Gitarren, Rap, Pop, Alternative Rock und einer völlig eskalierenden Ashnikko-Show tauchten wir noch einmal in eine vollkommen andere Welt ein.
Ein Tag, der eigentlich alles hatte
Der zweite Tag auf dem Sziget zeigte einmal mehr, was dieses Festival so besonders macht: Es gibt keinen musikalischen roten Faden – und genau das ist der rote Faden. Aber genau das gehört für uns zum Sziget dazu. Tag zwei war vorbei – und wir waren längst noch nicht bereit, die Insel zu verlassen.
Fotocredit: Kevin Randy Emmers