Nach einem bereits energiegeladenen Auftakt am Vortag ging das Hurricane Festival am Samstag in die nächste Runde und knüpfte nahtlos an die besondere Atmosphäre des Jubiläumswochenendes an. Während die Temperaturen bereits wieder auf dem Thermometer kletterten, zeigte sich das Gelände am Eichenring bereits früh wieder bestens gefüllt. Zehntausende Besuchende machten sich auf den Weg zwischen den Bühnen, um den zweiten offiziellen Festivaltag des ausverkauften Spektakels in vollen Zügen auszukosten. Für den Samstag standen jede Menge Highlights ins Haus, die versprachen den Tag zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.
Mit einer der ersten Vertreter am Samstag war die Punkrockband Drei Meter Feldweg. Zu einer Uhrzeit zu der die Band normalerweise erst übers Aufstehen nachdachte, wurde sich bereits vor der roten Bühne versammelt. Doch das reichte den Jungs aus der Lüneburger Heide an dieser Stelle noch lange nicht. „Kommt schon, bewegt euch“ lautete die Ansage und das Publikum wurde dem Wunsch gerecht. Schließlich war das Set zum 30ten Geburstag auch für die Band selbst besonders, da sie anfangs noch hier gecampt haben, um Bands zu schauen. Plötzlich sind sie die Band, die geschaut werden soll. Und auch hier darf man von größerem träumen, immerhin gibt es noch zwei größere Bühnen auf dem Gelände, die es zu erobern gilt. Erstmal wurde sich aber der sportlichen Gymnastik bedient, um das Publikum mit Spaß wachzurütteln. Für beste Laune auf und vor der Bühne sorgten unter anderem die Lieder „Alle deine Bilder“, „Die Nacht, der Alkohol und wir“ oder „Eine Lovestory“. So scherzte Frontmann Bennet Ramm augenzwinkernd, dass die Green Stage in diesem Fall die falsche Farbe abbekommen hatte und erntete dafür große Zustimmung aus dem Publikum. Ganz nebenbei verflog die Dreiviertelstunde Punkrock wie im Flug. Wem das zu kurz war, der sollte im November ein Auge auf den Double Birthday Bash von Drei Meter Feldweg vs. 100 Kilo Herz werfen, welche von uns präsentiert werden.
Anschließend stand eine Reise zurück zur Mitte der 2000er-Jahre auf dem Programm. Kaum eine Band kann diese Zeit so gut verkörpern wie All Time Low. Mit Songs wie „Weightless“, „Time-Bomb“ oder „Backseat Serenade“ wurden unzählige Teenagerträume wieder lebendig. Dabei wirkte die Band keineswegs wie ein nostalgischer Rückblick, sondern präsentierte sich frisch und spielfreudig. Bereits nach kurzer Zeit hatten sie das Publikum vollständig auf ihrer Seite und verwandelten die Fläche vor der Bühne in ein Meer aus lächelnden Gesichtern. Obwohl die Band inzwischen auf eine fast drei Jahrzehnte lange Karriere zurückblicken kann, war es für die überragende Mehrheit tatsächlich das erste Mal, sie live zu erleben. Umso bemerkenswerter war die Begeisterung, mit der die Songs aufgenommen wurden und gefeiert wurden. Somit wurde ein kollektives und zugleich entspanntes Erlebnis geschaffen, welches einfach nur Lust auf mehr machte. Das Hurricane Festival hatte an diesem Tag definitiv dieses „Mehr“ noch in petto. Normalerweise hätte man bei der guten Stimmung, die sich so leicht anfühlte, schon von einem Highlight sprechen können, aber zu der Zeit wussten wir nicht, was am Abend noch auf uns warten sollte.
Zunächst setzte direkt im Anschluss Natasha Bedingfield den Nostalgietrip fort. Schon bevor die Britin überhaupt dazu ansetzen konnte, ihre größten Hits zu singen, wäre das Publikum schon bereit gewesen die kompletten Tracks in Originalgeschwindigkeit von Anfang bis Ende durchzusingen. Bedingfield behielt es sich jedoch vor einzelne Stücke lieber in einer „laid back“-Version zu präsentieren und ihre Stimme mehr in den Fokus zu rücken. Wenngleich diese Herangehensweise bestimmt nicht bei allen für Begeisterung sorgte, fand sie trotzdem ihre Fans. Immerhin umspielte sie damit neue Facetten. Nichtsdestotrotz zog die Strahlkraft der bekannten Songs ein riesiges Publikum an, welches bereit für die Nostalgiereise war. Zum Abschluss gab es dann doch noch das Lied auf das alle gewartet haben. Zu „Unwritten“ wurde ein Moment geschaffen, der für immer mietfrei in unserem Herzen wohnen wird: Als das gesamte Infield den Song gemeinsam sang, tanzte und für einige Minuten vollkommen im Moment aufging, entstand einer dieser Augenblicke für die jedes Festival lebt. Alle Menschen genossen maximal den Moment zur Nachmittagssonne unbeschwert und leicht zu tanzen, sodass es sich wie im Film anfühlte.
Diesen besonderen Moment konnte man auf dem Weg zur Wild Coast Stage bestaunen. Hier stand RØRY auf dem Programm, die dem Publikum und sich selbst beweisen wollte, dass es nie zu spät ist um anzufangen und seinen Träumen zu folgen. Die Sängerin sprach während ihres Sets immer wieder offen darüber, wie viel ihr dieser Moment auf dem Festival bedeutete und dass sie ihre Musikkarriere zuvor bereits mehrfach infrage gestellt hatte. Umso smehr war ihr die Freude buchstäblich ins Gesicht geschrieben, heute auf einer Hurricane-Bühne zu stehen und das tun zu können, wovon sie immer geträumt hatte. Musikalisch überzeugte RØRY dabei mit einer Mischung aus Alternative Rock mit starken Growls sowie emotionalen Texten. Stellvertretend dafür standen zum Beispiel die Songs „Uncomplicated“ oder „Alternative„, wobei letzterer Menschen sogar zu Tränen rührte. Trotz all der Sentimentalität vergass das Publikum nicht gemeinsam ordentlich das Zelt zu rocken. Damit empfahl sich die 41-jährige Britin, die bei den Heavy Music Awards 2024 als Best UK Breakthrough Artist ausgezeichnet wurde, für ihre anstehende Tour im Januar des nächsten Jahres, welche von uns präsentiert wird.
Raus aus dem schwitzingen Zelt, das im Begriff stand von Leoniden-Anhängenden überrannt zu werden, schließlich sind der heiße Überraschungsbesuch ins Haus. So blieb Zeit sich an den zahlreichen Essensständen zu versorgen und wenn man ein bisschen Glück hatte einen beschatteten Essensplatz abzustauben. Es gab weitaus mehr überdachte Pavillons als in den vorherigen Jahren, wenngleich natürlich nicht permanent für alle ein Schattenplatz zur Verfügung stand. Musikalisch ging es anschließend mit Papa Roach weiter. Die Kalifornier lieferten genau die Mischung aus Energie, Härte und Nostalgie, die man von ihnen erwarten durfte. Highlight des Konzertes blieb die Beteiligung von Jacoby Shaddix‘ Söhnen, welche demonstrierten, wer die Zukunft des Genres sein könnte. Dabei muss man sagen, dass sie ihre Sache wirklich brillant gemacht haben und für Bewunderung aus dem Publikum sorgten: „Wtf, wie kann man als Kind so krass sein?!“. Krass war es allerdings vor knapp 80.000 Leuten zu stehen und es sich nicht anmerken zu lassen. Immerhin hatte der jüngste Sohn schon Erfahrung während ihrer Tour sammeln können. Abgesehen davon blieb die Show aufgrund ihrer wiederkehrenden Elementen, wie der New Metal Time Maschine, jedoch leicht vorhersehbar für die glühenden Anhängenden, die sie schon mehrmals erleben konnten. Das tat der Stimmung allerdings keinen Abbruch und in Scheeßel wurde einbahnfrei gerockt, dass das Infield erbebte.
Einen deutlichen Kontrast dazu bildete wenig später Florence + The Machine. Was am Anfang der Performance noch leicht merkwürdig wirkte, also ihre Bewegungen, die ihrer eigenen Rhythmik folgten, die Tatsache, dass sie barfuß auf der Bühne stand oder dass es gar kein Bühnenbild brauchte, hypnotisierte einen auf eine schon fast mythische Weise geradezu nach und nach. Florence Welch schaffte es mühelos ihre magische Aura zu entfalten und sie über ganz Scheeßel zu legen. Als erstes konnte man feststellen, dass sie eine unfassbar hohe Qualität an den Tag legte. Sie startete mit dem Titel der aktuellen gleichnamigen Tour „Everybody Scream“ bevor direkt mit „Shake it out“ ein Klassiker nachgelegt wurde, an dem man die Güte hervorragend ablesen konnte, so oft wie man dieses Leid schon gehört hatte. Zudem war die Sängerin bei allem, was sie tat, maximal ästhetisch und hat alles zu 100 % gefühlt. Das hat dazu beigetragen, dass man immer weiter in Trance versunken ist und sie nur noch gebannt anschauen konnte. Ihre Ausstrahlung ist einmalig und allumfassend faszinierend. So wie man selbst die Energie von Florence aufsog, so ging sie mehrere Male in den Bühnengraben und interagierte mit den Fans in den ersten Reihen in dem sie mit ihnen sang und sie durchdringend anschaute. Auch weit hinten hat man dies aber irgendwie genau so gespürt und war gänzlich gefesselt. Dieser Energieaustausch hat der 39-jährigen so gut gefallen, dass sie spontan „Never let me go“ gespielt hat, welcher überhaupt nicht vorgesehen war. Das Publikum dankte es ihr und die Symbiose zwischen ihr und dem Publikum verschmolz umso mehr. Was man bezeugen konnte, war kein Konzert mehr, sondern Kunst auf einem ganz hohen Level. Es war so episch, dass man viel mehr das Gefühl hatte ein Theater oder ein Musical anzuschauen. Die Songs „Dog Days Are Over“ und „Free“ schloßen diese Ausnahmeperformance berührend ab und generierten noch einmal ihre ganz eigenen, besonderen Festivalmomente.
Eigentlich ließ einen der Auftritt von Florence + The Machine mit dem Gefühl zurück an dem Samstag überhaupt kein anderes Konzert sehen zu wollen, weil die Erfahrung sich so entscheidend von allen anderen Auftritten abhob, dass man mit Fug und Recht behaupten konnte, dass man das beste jetzt gesehen hatte. Nur, dass die beiden Acts, die noch im Time Table standen, keine Geringeren als Twenty One Pilots und Finch hießen. Mit einer kleinen Pause zum neu orientieren ging es dann doch noch rüber zur Forest Bühne, um die Schlussphase von Twenty One Pilots zu erleben, die ins Eingemachte ging. Auf dem Weg aus dem Publikum zurück auf die Bühne las Sänger Tyler Joseph den kleinen Jungen Guillermo auf, der todesaufgeregt mit seinem Idol den Refrain zu „Ride“ sang. Nach dem White Stripes Cover „Seven Nation Army“ und dem Hit „Stressed out“ stand das finale „Trees an“, welches Joseph auf einer Platte gehalten vom Publikum auf einer ebenfalls vom Publikum gehaltenen Trommel spielte. Dazu gab es eine Reihe an Effekten auf der Bühne, sodass ein irrer Abschluss kreiert wurde, der sehr wirkungsvoll aufgezogen wurde. Als besondere Überraschung gab es vor dem Set von Finch noch eine Grußbotschaft zum 30ten Bestehen über die Videoleinwände sowie ein Feuerwerk. Finch blieb dann als letzte Tagesaufgabe nichts anderes mehr übrig als die River Stage förmlich abzureißen. Die Crowd war in maximaler Feierlaune und es wurde sich noch einmal komplett verausgabt, um einen fantastischen Festivaltag, wie er besser nicht hätte sein können, abzuschließen.
Fotocredit: Jan Sebastian Tegelkamp