Der Donnerstag auf dem Sziget Festival sollte für uns ein Tag werden, an dem wir nicht nur musikalisch einiges mitnehmen konnten. Zwischen großen Namen, spontanen Abstechern, überraschenden Neuentdeckungen und den vielen kleinen Dingen abseits der Bühnen zeigte sich einmal mehr, warum dieses Festival so viel mehr ist als einfach nur eine Aneinanderreihung von Konzerten.
Den Anfang machte für uns Lewis Capaldi – und manchmal braucht es gar keine riesige Inszenierung, um zehntausende Menschen für sich einzunehmen. Capaldi schafft das mit seiner unglaublich entspannten, sympathischen und herrlich unaufgeregten Art. Für einen Moment scheint alles um einen herum ein bisschen leichter zu werden. Sorgen, Stress und der ganz normale Festivalwahnsinn rücken in den Hintergrund und man lässt sich einfach von seiner Stimme und seinem Humor tragen. Genau die richtige Vorbereitung also für das, was später am Abend mit Florence + The Machine noch auf uns warten sollte.
Eine ganz besondere Beziehung scheint Lewis während seines Auftritts allerdings zu den Bungee-Springern des Sziget entwickelt zu haben. Immer wieder schweifte sein Blick zum riesigen Kran, von dessen Spitze sich Festivalbesucherinin in die Tiefe stürzten. Und jedes Mal wirkte er aufs Neue vollkommen fasziniert davon. Diese Begeisterung teilte er natürlich auch direkt mit dem Publikum – herrlich ehrlich und irgendwie typisch Lewis. Fast hätte man meinen können, er wartet nur darauf, dass sich der nächste Mensch vom Kran wirft.
Nach Lewis ging es für uns weiter zu LEAP. Eine Band, die uns mittlerweile schon seit einigen Jahren begleitet und bei der es besonders spannend ist, die Entwicklung aus nächster Nähe mitzuerleben. Von Auftritt zu Auftritt scheint nicht nur die Band selbst weiter zu wachsen, sondern auch die Fangemeinschaft davor. Immer mehr Menschen kennen die Songs, immer mehr Stimmen singen mit und immer mehr Energie kommt aus dem Publikum zurück auf die Bühne. LEAP gehören zu diesen Bands, bei denen man das Gefühl bekommt, gerade mitten in einer Entwicklung zu stecken, die noch lange nicht an ihrem Ende angekommen ist. Gleichzeitig haben sie sich genau das bewahrt, was uns von Anfang an begeistert hat: eine unmittelbare, ehrliche Live-Energie, die schnell auf das Publikum überspringt.
Währenddessen lief auf der Revolut Stage mit Fcukers eine unserer Überraschungen des Tages. Bis zu diesem Tage hatten wir die Band tatsächlich überhaupt nicht auf dem Schirm – manchmal sind genau das aber die besten Festivalmomente. Ohne große Erwartungen vor einer Bühne zu landen und wenige Minuten später zu merken, dass man gerade etwas entdeckt hat, das definitiv hängen bleiben wird. Fcukers überzeugten uns mit einem Sound, der irgendwo zwischen elektronischen Elementen, Dance, Indie und einer ordentlichen Portion Club-Atmosphäre seinen eigenen Platz findet. Locker, tanzbar und gleichzeitig interessant genug, um nicht einfach im Hintergrundrauschen eines langen Festivaltages zu verschwinden. Definitiv ein Name, den wir nach dem Sziget weiterverfolgen werden.
Zwischendurch führte uns unser Weg dann tatsächlich einmal zum Merchandising – und dort mussten wir kurz überprüfen, ob wir die ungarischen Forint vielleicht falsch in Euro umgerechnet hatten. Rund 43 Euro für ein Festival-Line-up-Shirt sind bereits eine Ansage. Wer allerdings dachte, damit sei das obere Ende erreicht, wurde bei Bring Me The Horizon eines Besseren belehrt: 68 Euro für ein Tour-Shirt. Merchpreise sind seit Jahren ein Thema, aber irgendwann erreicht man dann doch einen Punkt, an dem selbst leidenschaftliche Sammler zweimal überlegen dürften, ob das Shirt wirklich mit nach Hause muss.
Der Donnerstag bestand für uns allerdings nicht nur aus Musik. Wir haben uns bewusst etwas mehr Zeit genommen, das wahrzunehmen, was auf dem Sziget abseits der großen Bühnen passiert. Dabei ist uns etwas besonders positiv aufgefallen, das unserer Meinung nach deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient: Auf dem Festival gibt es die Möglichkeit einer psychologischen Erstberatung.
Gerade auf einem Festival, auf dem über mehrere Tage hunderttausende Eindrücke, wenig Schlaf, Alkohol, persönliche Erlebnisse und die unterschiedlichsten Emotionen zusammenkommen, kann ein solches Angebot unglaublich wichtig sein. Psychische Gesundheit bekommt zwar gesellschaftlich zunehmend mehr Aufmerksamkeit, gleichzeitig wissen wir aber auch, wie schwierig es insbesondere in Deutschland teilweise noch immer ist, zeitnah professionelle Unterstützung oder überhaupt einen Therapieplatz zu bekommen. Umso bemerkenswerter finden wir es, dass ein Festival dieser Größenordnung einen niedrigschwelligen Raum schafft, in dem Menschen Unterstützung finden können, wenn es ihnen gerade nicht gut geht. Zwischen Party, Musik und Eskalation auch diejenigen nicht zu vergessen, die vielleicht für einen Moment jemanden zum Reden brauchen, ist für uns definitiv etwas, das hervorgehoben werden sollte.
Bevor uns schließlich die Main Stage wieder rief, gab es noch einen spontanen Abstecher zu ANNA. Die brasilianische DJ und Produzentin hat ihren künstlerischen Ansatz in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Musik scheint für sie längst nicht mehr ausschließlich aus Beats, Clubs und großen Festivalbühnen zu bestehen. Vielmehr beschäftigt sie sich mit Klängen, Frequenzen, gemeinschaftlichen Erfahrungen und der Frage, welche Wirkung Musik auf Menschen haben kann. Das spürt man auch in ihrer Performance. Es geht nicht ausschließlich darum, einen möglichst harten Drop nach dem nächsten herauszuhauen, sondern vielmehr darum, eine Atmosphäre entstehen zu lassen und das Publikum gemeinsam durch unterschiedliche Stimmungen zu führen. Ein interessanter Kontrast zu vielen anderen elektronischen Sets auf dem Festival – und genau deshalb einen spontanen Besuch wert.
Florence + The Machine – 90 Minuten zwischen Euphorie und Gänsehaut
Dann war es endlich soweit. Die Main Stage hatte erneut gerufen und Florence + The Machine betraten die Bühne. Schon mit den ersten Momenten wurde deutlich, dass hier kein gewöhnlicher Festivalauftritt vor uns liegen würde. Florence Welch besitzt eine Bühnenpräsenz, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Sie muss nicht permanent mit Effekten, Pyrotechnik oder einer überladenen Produktion um Aufmerksamkeit kämpfen – sobald sie auf dieser Bühne steht, gehört ihr dieser Ort ohnehin.
Ihre fließenden Kleider gehören dabei beinahe genauso zu ihrer Performance wie ihre Stimme. Wenn Florence über die Bühne läuft, sich dreht, springt oder mit ausgestreckten Armen vor dem Publikum steht, werden die Bewegungen der Stoffe zu einem Teil der gesamten Inszenierung. Mal wirkt sie beinahe zerbrechlich, wenige Sekunden später wiederum vollkommen unantastbar. Sie scheint über die Bühne zu schweben, nur um im nächsten Moment mit einer Energie nach vorne zu brechen, die man ihr vielleicht gar nicht zutrauen würde.
Und dann ist da natürlich diese Stimme. Man muss es ganz klar sagen: Diese Frau ist eine Naturgewalt.
Stimmlich besitzt Florence eine Kraft, die selbst auf einer riesigen Festivalfläche nichts von ihrer Intensität verliert. Gleichzeitig schafft sie es, innerhalb weniger Augenblicke zwischen gewaltigen, beinahe monumentalen Momenten und unglaublich intimen Passagen zu wechseln. Genau daraus entsteht diese besondere Dynamik. Man schaut nicht einfach nur einem Konzert zu – man wird für 90 Minuten in ihre Welt hineingezogen.
Florence sucht immer wieder die Nähe zu den Menschen vor ihr, richtet Worte direkt an das Publikum und vermittelt dabei nie das Gefühl, lediglich ein einstudiertes Festivalprogramm abzuspulen. Ihre Freude wirkt ehrlich, ihre Bewegungen impulsiv und ihre Emotionen greifbar. Rund um uns herum wird getanzt, gesungen, gelacht und teilweise einfach nur mit offenem Mund auf diese Bühne geschaut.
Wir hatten Florence + The Machine bereits im Juni beim Hurricane Festival gesehen und waren dort schon mehr als begeistert. Trotzdem hatte dieser Auftritt auf dem Sziget noch einmal eine andere Wirkung. Vielleicht war es die besondere Atmosphäre auf der Insel, vielleicht das Publikum, vielleicht dieser warme Festivalabend – wahrscheinlich war es am Ende die Mischung aus allem. Die ohnehin schon kraftvolle Bühnenpräsenz schien hier noch einmal eine Stufe intensiver zu sein. Es waren 90 Minuten voller Freude, Leichtigkeit und schöner Gedanken. Einer dieser Auftritte, bei denen man für eine gewisse Zeit tatsächlich vergisst, was außerhalb dieses Festivalgeländes gerade alles passiert.
Parallel dazu stand mit John Coffey allerdings noch eine Band auf dem Programm, die seit Jahren für hervorragende und vor allem vollkommen wilde Liveshows bekannt ist. Selbst wer mit dem Namen zunächst nichts anfangen kann, dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit schon einmal einen ganz bestimmten Clip gesehen haben: Während eines Festivalauftritts fliegt aus dem Publikum ein Bier in Richtung Bühne. Sänger David Achter de Molen fängt den Becher tatsächlich aus der Luft – und trinkt ihn unmittelbar danach weiter. Ein perfekter Zufall, festgehalten im perfekten Moment, der anschließend millionenfach durch die sozialen Netzwerke ging und längst zu einem der legendärsten Festivalclips der vergangenen Jahre geworden ist. Dabei wäre es eigentlich schade, John Coffey ausschließlich auf diese Szene zu reduzieren, denn live ist diese Band vor allem eines: kompromisslos energiegeladen.
Ein Donnerstag, der gezeigt hat, was Sziget ausmacht
Am Ende war dieser Donnerstag vor allem deshalb so stark, weil wir uns diesmal immer wieder bewusst aus dem klassischen Rhythmus aus „Bühne, nächster Act, nächste Bühne“ herausbewegt haben.
Sziget funktioniert nämlich besonders gut, wenn man sich treiben lässt. Wenn man plötzlich irgendwo stehen bleibt, obwohl man eigentlich längst auf dem Weg zu einem anderen Programmpunkt war. Wenn man Dinge entdeckt, die auf dem persönlichen Zeitplan überhaupt nicht vorgesehen waren, oder sich einfach einmal die Zeit nimmt, genauer hinzusehen.
Genau diese Mischung macht die Insel aus. Zwischen zehntausenden Menschen entstehen überall kleine Momente, die am Ende genauso zur Erinnerung an einen Festivaltag gehören wie die großen Shows am Abend. Man entdeckt neue Ecken, kommt mit Menschen ins Gespräch, beobachtet vollkommen absurde Situationen und merkt irgendwann, dass man schon wieder deutlich länger unterwegs ist als ursprünglich geplant.
Der Donnerstag fühlte sich dadurch weniger wie ein streng durchgetakteter Festivaltag und vielmehr wie eine kleine Reise über die Insel an. Laut und ruhig, chaotisch und herzlich, manchmal vollkommen verrückt und an anderen Stellen überraschend nachdenklich.
Und vielleicht ist genau das die größte Stärke des Sziget: Man kommt wegen der Musik – aber am Ende nimmt man deutlich mehr mit nach Hause.
Fotocredit: codaphotos