Es hat durchaus Vorteile, eine Platte einfach mal einzulegen, ohne vorher die zugehörige Pressemitteilung zu studieren. Keine Referenzen, die einem schon vor dem ersten Ton ins Ohr gepflanzt werden und auch keine Superlative, die man während des Hörens erst einmal wieder aus dem Kopf bekommen muss. Im Falle von Andrew Collbergs „Hi Hopes“ war genau das eine ziemlich gute Idee.
Denn diese Platte möchte entdeckt werden. Mehr noch: Sie ist ein Grower. Einer dieser Fälle, bei denen man nach dem ersten Durchlauf durchaus interessiert ist, beim zweiten plötzlich hängen bleibt und spätestens beim dritten bemerkt, dass man inzwischen an ganz anderen Stellen aufhorcht als zuvor. Vielleicht liegt das daran, dass Collberg auf seinem siebten Album wenig Interesse daran zeigt, sich für eine musikalische Richtung zu entscheiden.
Los geht es gleich mit einem Doppelaufschlag. „Love Ain’t It Free“ kommt in zwei Teilen und liefert bereits einen ziemlich guten Eindruck davon, wie wenig berechenbar die kommenden Minuten werden. Dabei fällt zunächst Collbergs Stimme auf, deren Klangfarbe mich immer wieder an Thomas Mars von Phoenix erinnert. Und damit sind wir auch schon in einem Referenzland angekommen, das „Hi Hopes“ im Laufe seiner Spielzeit regelmäßig besucht. Denn obwohl Andrew Collberg in Tucson aufgewachsen ist, in Europa lebt und das Album zwischen Köln und Kopenhagen entstanden ist, weht durch einige Stücke ein ziemlich deutlicher französischer Wind. Phoenix sind da, manchmal auch Air, und gerade der zweite Teil von „Love Ain’t It Free“ besitzt diese schwer greifbare Eleganz des French Electro Sounds.
Noch deutlicher wird das bei „Luxury Apartments“. Ein Instrumental, das schon nach wenigen Sekunden Bilder produziert. Es klingt schwül und heiß, nach flimmernder Luft, Sonnenbrille und Pool. Soundtrackmusik für einen Sommer, Air hätten an diesem Ding vermutlich ihre Freude.
Wer nun allerdings glaubt, „Hi Hopes“ hätte damit seine Richtung gefunden, hat die Rechnung ohne Andrew Collberg gemacht. Das Album springt munter zwischen Genres, Stimmungen und Herangehensweisen hin und her. Klassische Songwriter-Momente stehen neben elektronischen Spielereien, Popsongs neben Instrumentals. Zu Beginn der B-Seite wartet mit „Mensch“ sogar ein Stück mit deutschem Titel. Dass Collberg selbst von einem Mixtape-Ansatz spricht, erfährt man aus der Presseinfo. Nach dem Hören überrascht diese Beschreibung allerdings überhaupt nicht. Genau so fühlt sich „Hi Hopes“ an.
Normalerweise besteht bei solchen Platten immer die Gefahr, dass Vielseitigkeit irgendwann nur noch ein freundlicheres Wort für Orientierungslosigkeit ist. Hier passiert das erstaunlicherweise nicht. Collberg und sein langjähriger Produzent Mikkel Mohr schaffen es, dass die unterschiedlichen Ideen nebeneinander funktionieren. Vielleicht gerade deshalb, weil sie gar nicht erst versuchen, sämtliche Ecken abzuschleifen und daraus ein möglichst homogenes Album zu bauen. Und trotzdem wirkt die Platte nicht wie eine Sammlung übrig gebliebener Ideen. Vielmehr scheint Collberg genau diese Sprunghaftigkeit zum Prinzip gemacht zu haben. Viele Stücke entstanden zunächst als Solo-Jams oder digitale Instrumentals in Köln und wurden später gemeinsam mit Mohr in Kopenhagen weiterentwickelt. Diesen Entstehungsprozess hört man. Im positiven Sinne. „Hi Hopes“ weigert sich konsequent, vorhersehbar zu werden. Und verdammt gut klingt das Ganze auch noch.
Fotocredit: Albumcover / Artwork