Gefühle zu zerdenken ist eine ziemlich zuverlässige Methode, sie komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon sind. Mary Jensen hat das offenbar auch erkannt. Ihr Debütalbum als Mary And The Sharks heißt deshalb „I Don’t Wanna Question How I Feel“ – und eigentlich ist damit schon ziemlich gut beschrieben, worum es in diesen (leider nur) acht Songs geht.
Dabei kommt Mary Jensen keineswegs aus dem musikalischen Nichts. Die gebürtige Hamburgerin studierte Songwriting an der Popakademie Mannheim, lebt seit 2017 in Berlin und war zunächst unter anderem als Feature-Stimme auf elektronischen Produktionen zu hören. 2025 folgte mit „Prophecy“ die erste EP als Mary And The Sharks. Das Debütalbum ist nun der nächste und deutlich größere Schritt in Richtung einer eigenen musikalischen Identität zwischen Alternative Pop, Indie-Rock und Dream-Pop.
Schon „Lost In Translation“ macht das deutlich. Der Opener nimmt sich zunächst Zeit, baut Atmosphäre auf und lässt Jensens Stimme viel Raum. Doch dann kippt der Song in eine deutlich rockigere Passage und serviert ein Gitarrenriff, das man nach dem zurückhaltenden Beginn so nicht erwartet hätte. Ein ziemlich guter Einstieg, weil er gleich zeigt, dass dieses Album musikalisch mehr vorhat, als achtmal hübschen Indie-Pop nebeneinanderzustellen.
Das eigentliche Ausrufezeichen folgt für mich allerdings mit „I Try. I Try. I Try.“. Eingängig, emotional, eigenwillig. Einen Song wie diesen hätte in einer etwas anderen Parallelwelt auch Lorde schreiben können. Vor allem aber besitzt er diese seltene Qualität, gleichzeitig sofort zu funktionieren und trotzdem nicht nach drei Durchläufen verbraucht zu sein. Klarer Keytrack.
Überhaupt funktioniert „I Don’t Wanna Question How I Feel“ besonders gut, weil Mary And The Sharks nicht versuchen, jeden Song nach derselben Blaupause aufzubauen. „Rotten Frame“ kommt beispielsweise deutlich verhuschter daher. Dreamy, leicht entrückt und beinahe so, als würde der Song ein paar Zentimeter über dem Boden schweben.
Der Titelsong bildet dann tatsächlich so etwas wie das emotionale Zentrum der Platte. „I Don’t Wanna Question How I Feel“ beschäftigt sich mit diesem wunderbaren Talent des Menschen, selbst etwas Schönes noch so lange zu analysieren, bis man einen Grund gefunden hat, Angst davor zu bekommen. Mary Jensen entscheidet sich hier für die Gegenbewegung: fühlen, zulassen, nicht jede Emotion erst durch die interne Qualitätskontrolle schicken.
Unterm Strich lässt sich sagen, dass eine der größten Qualitäten von „I Don’t Wanna Question How I Feel“ darin besteht, dass das Album Dynamik kennt und zulässt. Es kann rockig werden, verträumt, fragil oder ziemlich eingängig. Trotzdem wirken die acht Songs nicht wie eine Demonstration dessen, was Mary Jensen theoretisch alles kann. Stattdessen verbindet sie diese unterschiedlichen Facetten über ihre Stimme und eine sehr klare emotionale Grundhaltung. Mit gerade einmal acht Tracks ist das Debüt dabei angenehm kompakt. Kein Füllmaterial, keine drei Songs, bei denen man sich fragt, ob die wirklich noch draufmussten. Vielleicht passt gerade deshalb der Titel so gut.
Fotocredit: Leif Dölle