Fünf Jahre sind seit dem letzten Album vergangen. Eine Zeitspanne, in der sich nicht nur eine Band, sondern auch das eigene Verhältnis zum Leben, zur Musik und zu den Erwartungen an beides verändern kann.
Auf ihrem dritten Studioalbum „Vice Versa“ klingen GREAT ESCAPES entsprechend nicht wie eine Band, die einfach dort weitermacht, wo sie 2021 aufgehört hat. Stattdessen präsentieren die drei Musiker ein Album, das hörbar von den vergangenen Jahren geprägt ist und gleichzeitig erstaunlich viel Energie besitzt.
Dabei lebt „Vice Versa“ vor allem von seinen Gegensätzen. Melancholie trifft auf Hoffnung, Unsicherheit auf Aufbruch und eine gewisse Ernüchterung auf den ungebrochenen Wunsch, trotzdem weiterzumachen. GREAT ESCAPES versuchen dabei nicht, auf jede Frage eine passende Antwort zu liefern. Viel interessanter ist für die Band offenbar jener Bereich dazwischen, in dem unterschiedliche Gefühle gleichzeitig existieren können. Genau daraus entwickelt das Album seine größte Stärke.
Musikalisch bleiben GREAT ESCAPES ihrer Verbindung aus Emo und Punk treu, wirken dabei jedoch gereifter als auf früheren Veröffentlichungen! Kein Wunder nach 5 Jahren! „Vice Versa“ fühlt sich nun wie die konsequente Fortsetzung an, ohne lediglich Bekanntes direkt zu wiederholen.
Nach mehr als einem Jahrzehnt Bandgeschichte müssen GREAT ESCAPES niemandem mehr beweisen, wie laut oder schnell sie spielen können. Stattdessen profitieren die neuen Stücke von einem stärkeren Gespür für Dynamik. Die Musik darf drängen und aufbrechen, bekommt aber ebenso Raum für nachdenklichere Momente. Gerade dadurch entsteht ein Album, das nicht permanent nach Aufmerksamkeit verlangt und trotzdem selten an Intensität verliert.
Inhaltlich ist deutlich zu spüren, dass hier Musiker schreiben, deren Blick auf das Leben ein anderer geworden ist. „Vice Versa“ beschäftigt sich mit Widersprüchen, Selbstzweifeln und dem Versuch, seinen eigenen Platz zwischen Erwartungen und Realität zu finden. Dabei verfällt das Album jedoch nicht in permanente Schwermut. Hinter vielen melancholischen Gedanken steckt eine Form von Optimismus, die vielleicht gerade deshalb funktioniert, weil sie nicht grenzenlos oder naiv erscheint.
Interessant ist außerdem, dass das Album nicht wie ein kalkulierter Versuch klingt, GREAT ESCAPES nach fünf Jahren Pause neu zu positionieren. Die Platte vermittelt vielmehr den Eindruck, dass drei langjährige Freunde wieder gemeinsam Musik machen wollten und dabei festgestellt haben, dass sich ihre Perspektiven zwar verändert haben, die gemeinsame musikalische Sprache aber weiterhin funktioniert. Diese Natürlichkeit steht dem Album ausgesprochen gut.
So ist „Vice Versa“ vor allem ein Album über das Weitermachen geworden – allerdings ohne daraus eine kitschige Durchhalteparole zu formen. GREAT ESCAPES akzeptieren vielmehr, dass das Leben selten eindeutig funktioniert und vermeintliche Gegensätze häufig gleichzeitig wahr sein können. Nach fünf Jahren ohne neues Album melden sie sich damit nicht spektakulär neu erfunden, sondern hörbar gereift zurück.
„Vice Versa“ zeigt eine Band, die ihre Ecken nicht abschleift und ihre Unsicherheiten nicht versteckt. Zwischen Melancholie, Punk-Energie und vorsichtigem Optimismus entsteht eine Platte, die gerade aufgrund ihrer Widersprüche funktioniert. Vielleicht ist genau das nach mehr als zehn Jahren Bandgeschichte die passendste Form der Weiterentwicklung.
Live2026:
04.09. DE – Solingen – Waldmeister
05.09. DE – Münster – Baracke (Release-Show)
25.09. DE – Lüdenscheid – AJZ / Midsummer-Fest mit u.a. City Light Thief
09.10. DE – Mannheim – AZ
Fotocredit: Albumcover / Artwork