Gegensätze ziehen sich an – dies ist nicht nur bekanntes Sprichwort, sondern beschreibt in gewisser Weise auch den Werdegang der österreichisch-iranischen Popkünstlerin und Produzentin Sofie Royer. Nach der Ausbildung zur klassischen Violinistin am Wiener Konservatorium geht es nicht etwa um Mozart und Co, sondern sie findet ihren Weg oder viel mehr ihren Flug, mit nur 19 Jahren, in das sonnige Kalifornien und hinter das DJ-Pult. In L.A. baut Royer die erfolgreiche Plattform „Boiler Room“ weiter mit aus. Zudem arbeitet sie gleichzeitig beim Indie Label Stones Throw. Heute und mittlerweile drei erfolgreiche Alben später ist klar: ihr Songwriting sorgt nicht nur für ausverkaufte Jazz Clubs, wie es im gleichnamigen Songtitel „Sold out the jazz club“ ihres neuen Albums heißt, sondern verbindet diverse Genres in ihrer Musik.
Sofie Royer bewegt sich auf „before/after“ zwischen Art Pop, Chanson und elektronischen Spielereien. „EINE FÜR ALLES“ , wie einst die Vogue schrieb. Und genau dieses „alles“ findet man auf dem Album. Dennoch gelingt es Royer, ihr Album zu keinem Zeitpunkt zu überladen. Trotz der vielen Einfälle und Einflüsse fühlt man sich nie überfordert. Vielleicht liegt es an ihrer DJ-Vergangenheit, aber über die gesamte Spieldauer kommt es einem so vor, als ob sich hier ein DJ aus einer randvollen Plattenkiste bedient und im jeweils richtigen Moment die richtigen Stimmungen trifft.
Der Opener „Leave On The Light“ öffnet das Tor zum Royer-Popuniversum und hält so viele musikalische Einflüsse bereit, dass man ungläubig auf die Spielzeit von unter drei Minuten schaut. Track Nummer zwei, „Cowboy Mouth“, gehörte zu den Vorab-Veröffentlichungen und konnte ausschließlich positives Feedback einheimsen – eine mit vielfältigen Effekten spielende Bridge lässt den Song aus dem Popeinheitsbrei herausstechen. Besonders hervorzuheben ist „Sesquicentennial“, ein Track, der „gerade an der Schwelle zu etwas“ entstand, „wobei man noch nicht definieren kann, was dieses Etwas ist“ . Die Idee zum Song kam Royer in der Hitze von Texas nach einer SXSW-Show, als sie das Wort auf der Rückseite eines Autoaufklebers las. „Es bedeutet ‚alle hundertfünfzig Jahre‘; ich erinnere mich, dass ich das in meinem sonnenverwöhnten Zustand sowohl albern als auch aufregend fand und es mich dazu brachte, über all das Zyklische in unserem eigenen Leben nachzudenken; darüber, was wir schicksalhaft wiederholen müssen.“ Das Musikvideo dazu wurde von Sofie auf ihrer China-Reise Anfang dieses Jahres ganz ungezwungen gedreht und bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen einer Hommage an Sofia Coppolas „Lost in Translation“ und Einblicken in ihr Leben. In den YouTube-Kommentaren zum Video findet sich folgender Eintrag: „Fully convinced that Sofie Royer is the wunderkind love child of Falco & Joan Baez“ – selten einen passenderen Eintrag gelesen.
Unterstützt wird Sofie Royer auf „before/after“ von einer ganzen Reihe namhafter Produzenten: Matt Cohn (SZA, Charli XCX), Jorgen Odegard (Sabrina Carpenter, BLACKPINK) und Eli Hirsch (Suki Waterhouse) haben alle ihre Finger im Spiel gehabt, ohne dass das Album dadurch uneinheitlich wirken würde. Ohne jetzt genau zu wissen, wer jetzt hinter welchemSong steckt, dürfte allerdings klar sein, dass man spätestens mit „Actress“ die Schwelle zur Disco-Tür überschritten hat. Mit diesem catchy Popsong, der sofort im Kopf bleibt, zeigt Royer dass sie auch eingängige Nummern schreiben kann, ohne dabei oberflächlich zu werden.
Und tatsächlich geht es Highlight um Highlight weiter. Denn es folgt mit „Auto“, ein deutschsprachiger Song, der inhaltlich auch vermutlich in keiner anderen Sprache funktionieren dürfte. Die Einflüsse reichen hier von NDW bis zur Italo-Disco. Doch bevor man überhaupt den Skip Back Knopf betätigen konnte, folgt mit „Cest la d“ direkt ein weiterer Hit. Stark. Und mit „Sold out the jazz club“ folgt direkt ein weiterer Key-Track. Ein Song über Erfolg und Entfremdung, über das Gefühl, etwas erreicht zu haben, aber trotzdem nicht zufrieden zu sein. Sofie Royer singt mit einer Stimme, die zwischen Verletzlichkeit und Stärke pendelt, und schafft es, komplexe Emotionen in einfache, aber eindringliche Worte zu fassen.
Im letzten Albumdrittel wird es dann schon mal etwas getragener („Nights In White Jackets“) aber mit dem Rausschmeißer „Keep On Keeping On“ bekommt man noch einen lupenreinen Popper serviert, der ordentlich mit French-Disco flirtet. Was hier heraussticht und sich tatsächlich über alle Songs des Albums zieht, ist eine klar durchdachte Produktion, in der jedes Element seinen Platz hat und auch immer wieder mit kleinen Raffinessen zu überraschen weiß.
Jahrespoll 2026 – an diesem Album kommst Du nicht vorbei. „before/after“ ist ohne Zweifel eines der besten Pop-Alben der letzten Monate – ein Album, das zeigt, dass Popmusik auch gegenwärtig noch überraschen, berühren und begeistern kann. Sofie Royer hat hier ein kleine Meisterwerk geschaffen, das man immer und immer wieder hören möchte.
Fotocredit: Oskar Burger