Meine Aufmerksamkeit war sofort geweckt, als ich sah, dass Philipp Johann Thimm auch Teil der Band ABBY war – da schlummert doch etwas im Langzeitgedächtnis. Klar, ABBY – in der ersten Hälfte der 2010er Jahre habe ich die doch hier und da mal live gesehen und war stets begeistert. Wer sie nicht kennt, sollte sich unbedingt das geniale „Streets“ mal geben. Aber darum soll es im Kern nicht gehen, denn Thimm hat inzwischen einen beeindruckenden Weg zurückgelegt, der weit über diese frühen Projekte hinausgeht. Als klassisch ausgebildeter Cellist, als Teil von Apparats erweiterter Band, als Co-Autor und Mitproduzent von Alben wie „LP5″ (Grammy-nominiert) und „Hum Of Maybe“ hat er sich längst als prägende Kraft in der elektronischen Musikszene etabliert.
Mit „The Red Door“, das am 29. Mai 2026 via Monkeytown erscheint, legt Thimm nun sein zweites Soloalbum vor – und der Sound schlägt genau in diese Kerbe: Apparat, Brandt Brauer Frick oder Moderat sind naheliegende Referenzen. Doch wo diese Projekte oft klar konturiert sind, öffnet Thimm eine Tür in eine Welt, die dichter, lebendiger und gemeinschaftlicher wirkt.
Die rote Tür als Metapher
Was bedeutet die rote Tür? Sie zählt zu den meistgenutzten Metaphern der Kulturgeschichte – und trägt entsprechend vielschichtige Bedeutungen. Seit biblischen Zeiten steht sie symbolisch für Schutz vor dem Tod, während Horrorfilme sie gerne als Übergang ins Totenreich inszenieren. Dazwischen liegt ein bemerkenswertes Spektrum: In Schottland etwa malten Hausbesitzer ihre Tür rot, um zu zeigen, dass sie ihre Hypothek abbezahlt hatten – ein stilles Zeichen finanzieller Freiheit. In der Welt von Philipp Johann Thimm steht die rote Tür vermutlich als Einladung zu einer utopischen, verbindenden musikalischen Welt. Und wenn man sich die Tracklist der zehn Songs anschaut, so kann man erkennen, dass eine ganze Menge musikalischer Wegbegleiter dieser Einladung gefolgt sind.
Acht von zehn Tracks sind Features. Den Feature-Reigen eröffnet KOKA im Opener „Have You Ever“. KOKA, geboren in Albanien, aufgewachsen in Berlin, klassisch ausgebildet in Athen. Ihre Stimme setzt den Ton für ein durchweg positives Album. Der Track wirkt euphorisch und energiegeladen. „Have you ever thought of being another…“ – eine Zeile, die nachhallt.
Mit „Joyness“, dem Fokus-Track und erstem von drei Features des in Berlin lebenden Sängers Jamal Dilmen, rückt die Frage nach Identität in den Mittelpunkt: die Hoffnung, sich in einer rauer werdenden Welt nicht zu verlieren. Überhaupt kreist das Album um Liebe und Zuneigung, um Verständnis und Fürsorge. „The Red Door“ wirkt dabei wie ein utopisches Zukunftskapitel – offen, neugierig, verbindend.
Auch Raz Ohara, langjähriger Wegbegleiter von Apparat und prägende Stimme auf Alben wie „Silizium“ und „Walls“, bringt auf „Ma Core“ seine unverwechselbare Klangfarbe ein. Ein Ausnahmesänger, der dem Album zusätzliche Tiefe verleiht. Weitere Gäste wie Aska Matsumiya aus Los Angeles, Ela Puc sowie s.0.d (Sänger der Bands ABBY und GHEIST) sind Teil dieses musikalischen Dialogs. Ihre Zusammenarbeit steht exemplarisch für einen Prozess, der nicht auf schnelle Ergebnisse abzielt, sondern auf kontinuierlichen Austausch.
Vielschichtig und organisch
Die zehn Songs des Albums sind vielschichtig, bewegen sich zwischen Genres, öffnen und durchbrechen musikalische Räume. Clubtracks treffen auf Cello, Indie auf Pop, elektronische Produktion auf organische Elemente und Momentaufnahmen von Familie und Freunden – wie zum Beispiel eine alte Kassette, die Philipp als Kind aufgenommen hatte und nach Jahrzehnten im Keller seiner Mutter wiederfand.
Auch wenn „The Red Door“ formal ein Soloalbum ist, greift dieser Begriff eigentlich zu kurz. Philipp Johann Thimm zeigt sich hier alles andere als Egoist – vielmehr glänzt er als verbindender Teamplayer, der sich die richtigen Gäste zu den richtigen Stücken dazuholt und die individuellen Stärken der Einzelpersonen bewusst in den Vordergrund stellt. Die rote Tür steht somit ganz klar als verbindendes Element: eine Einladung ins Gemeinschaftliche, ein offenes Tor zu einer Musik, die nicht allein, sondern im Vertrauen auf andere entsteht. Wer hindurchgeht, findet kein Ego-Projekt, sondern ein sorgfältig geknüpftes Netz aus Stimmen, Klängen und Geschichten.
Fotocredit: Nico Woehrle