Francis of Delirium ist mir erstmals 2024 mit ihrem Debütalbum „Lighthouse“ begegnet – und schon damals war klar, dass hier eine Künstlerin am Werk ist, die zwischen Zerbrechlichkeit und Wucht eine ganz eigene Balance gefunden hat. Die luxemburgische Musikerin Jana Bahrich, die gemeinsam mit Drummer und Produzent Chris Hewett das Projekt trägt, wurde schnell zur lautesten Stimme eines sonst eher ruhigen Landes und hat der Gen-Z Luxemburgs endlich ein musikalisches Gesicht gegeben. Mit Support-Shows für The 1975, Wolf Alice, Soccer Mommy und bôa sowie Auftritten bei renommierten Festivals hat sich Francis of Delirium längst über die Landesgrenzen hinaus etabliert. Nun folgt mit „Run, Run Pure Beauty“ am 29. Mai 2026 via Dalliance Recordings das zweite Album – und es markiert eine konsequente Weiterentwicklung.
Schon die Vorab-Singles „Little Black Dress“ und „It’s a Beautiful Life“ haben gezeigt, wohin die Reise geht: euphorische Gitarren, dringliche Lyrics und eine emotionale Direktheit, die persönliche Erfahrungen universell greifbar macht. „Little Black Dress“ ist ein mitreißendes Stück Power Pop, das zugleich eingängig und tief berührend wirkt. Treibende Gitarren, krachende Drums und hymnische Melodien verbinden sich mit Bahrichs unverwechselbarer Stimme. „It’s a Beautiful Life“ steigt sofort mit euphorischen Gitarren und dringlichen Lyrics ein. Der Song stützt sich auf Momentaufnahmen flüchtiger Augenblicke: ein Gespräch mit einem Pianisten kurz vor einem Philip-Glass-Konzert in der Berliner Philharmonie, ein Paar, das sich auf einer Parkbank in New York trennt, ein Chor, der in einem Keller probt. Diese Beobachtungen setzen sich zu einem größeren Bild zusammen – Schönheit in schmerzlichen Momenten.
„Run, Run Pure Beauty“ kreist um Hoffnung und innere Stärke in unsicheren Zeiten und versteht sich als künstlerische Auseinandersetzung mit Zerstörung und Erneuerung. Bahrich erzählt von einer Welt, die von Menschen und Technologie zerstört wurde, in der aber letztlich die pure Schönheit der Natur gewinnt. Die elf Songs nehmen die Hörer:innen mit auf eine vielschichtige Reise durch Selbstfindung, Verzweiflung und Durchhaltevermögen – persönlich, ehrlich und emotional aufgeladen.
Klanglich zeigt das Album eine deutliche Weiterentwicklung: Die Songs wirken weitläufiger und von einer fast schon überwältigenden Fülle an Harmonien getragen. Besonders eindrücklich wird das auf „Higher“, einem Track mit über siebzig Vocals, für den Bahrich sogar ihre Sprachtherapeutin einlud, um eine zusätzliche vokale Textur zu schaffen. Die Geschichte dahinter ist berührend: Nach einer Operation am Hals half ihr die Therapeutin, ihre Stimme wieder zu stärken – der Song ehrt diese Beziehung und das, was sie Bahrich beibrachte. So entsteht eine neblig-warme, sonnendurchflutete Ästhetik, die sich beinahe spirituell anfühlt.
Während „Lighthouse“ noch stark von kraftvollen Rhythmen, donnernden Riffs und Grunge-Einflüssen geprägt war – Momente, die an Smashing Pumpkins zu Zeiten von Siamese Dream erinnerten –, erweitert Bahrich auf „Run, Run Pure Beauty“ ihr Spektrum um orchestrale Elemente, vielschichtige Harmonien und eine thematische Tiefe, die sowohl von persönlichen Erfahrungen als auch von den Spannungen einer sich wandelnden Welt gespeist wird.
Den finalen Feinschliff erhielt der Sound durch den renommierten Produzenten und Mixing Engineer Nicolas Vernhes, der bereits mit Deerhunter, Dirty Projectors und Wild Nothing zusammengearbeitet hat. Geprägt durch Hewetts Herkunft aus Seattle fließen spürbare Einflüsse der 90er-Jahre-Grunge-Ära in den Sound ein, die sich mit Bahrichs eindringlicher Stimme verbinden – einer Mischung aus Zerbrechlichkeit und kraftvoller Intensität.
Bahrich bleibt dabei ihrer DIY-Haltung treu: Schreiben, produzieren, Videos inszenieren – vieles entsteht in Eigenregie. Diese Hands-on-Mentalität zieht sich durch ihre gesamte künstlerische Arbeit und macht „Run, Run Pure Beauty“ zu einem Album, das nicht nur klanglich überzeugt, sondern auch in seiner Authentizität.
Fotocredit: Shade Cumini