Am kommenden Freitag erscheint das zehnte Album der Band Madsen. Grund Genug gemeinsam mit Schlagzeuger Sascha Madsen im Interview einen Blick zurück und voraus zu werfen.
Frontstage Magazine: Herzlichen Glückwunsch zu eurem zehnten Madsen-Album! Wenn ihr auf die Veröffentlichung eures Debüts zurückblickt: Wie haben sich eure Gefühle bis heute verändert – insbesondere mit Blick auf Erwartungen und die Nervosität kurz vor dem Release von „SMILE“?
Sascha Madsen: Vielen Dank! Ja, 10 Alben in gut 20 Jahren ist schon ein Ding, da freuen wir uns! Beim ersten Album war es natürlich etwas ganz besonderes – eben weil es das erste Album war und alles aufregend und neu war. Bei „SMILE“ ist es aber auch aufregend, weil es das erste Album ist, dass wir komplett selbst aufgenommen und produziert haben und mittlerweile managen wir uns ja auch selbst. Wir machen es uns selbst also immer wieder spannend.
Frontstage Magazine: Der Albumtitel „SMILE“ klingt zunächst leicht und positiv. Wie bewusst habt ihr euch für diese Grundstimmung entschieden? Ist „SMILE“ für euch eher als konzeptioneller Rahmen zu verstehen – oder doch als Sammlung von Songs, die sich nicht alle eindeutig unter diesem Titel vereinen lassen?
Sascha Madsen: Das Lied „Smile“ war ein Nachzügler auf dem Album aber wir haben sofort gemerkt, dass es noch wichtig ist, das Lied aufzunehmen und es ist ja auch namensgebend und Opener geworden. Nicht alle Lieder auf dem Album sind so leicht und positiv, doch lassen sie sich unter diesem Titel vereinen. Die Hoffnung schwingt ja immer mit und Empathie ist der Schlüssel für vieles.
Frontstage Magazine: Wenn ihr an einem neuen Album arbeitet: Gibt es zu Beginn eine klare inhaltliche oder musikalische Ausrichtung – oder entwickelt sich das Ganze eher prozesshaft und offen? Auch vor dem Hintergrund, dass ihr ein früheres
Album bereits fertig hattet und dann noch einmal komplett verworfen habt – wie prägt so eine Erfahrung eure Herangehensweise heute?
Sascha Madsen: Ein Album entsteht über einen längeren Prozess und der Rahmen entsteht oft erst im Laufe der Arbeit daran. Das Album „Hollywood“ mussten wir erstmal verwerfen, weil dem Corona in die Quere kam, das hat unsere Arbeit aber nicht grundsätzlich verändert. Wir haben uns bei „Smile“ ganz bewusst dazu entschieden das Album allein bei uns im Proberaum aufzunehmen und zu produzieren.
„Konflikte gehören zum Leben, bandinterne natürlich auch. Im besten Fall wird Kunst daraus!“
Frontstage Magazine: Ihr sprecht offen darüber, dass ihr euch Zeit nehmen musstet, um interne Konflikte auszutragen. Inwiefern könnt und möchtet ihr diesen Prozess einordnen – und welchen konkreten Einfluss hatte er auf die Entstehung der
Songs auf „SMILE“?
Sascha Madsen: Konflikte gehören zum Leben, bandinterne natürlich auch. Im besten Fall wird Kunst daraus! Sebastien schreibt die Lieder und merkt oft erst im Nachhinein, was ihn beschäftigt und was er in den Liedern jeweils verarbeitet hat.
Frontstage Magazine: Einen großen Teil eurer Social-Media-Inhalte und Videos habt ihr rund um das Album selbst produziert. War diese Form der kreativen Kontrolle für euch vor allem befreiend – oder gab es auch Momente, in denen ihr dies verflucht
habt?
Sascha Madsen: Wir haben einen guten Weg gefunden mit den sozialen Medien umzugehen. Wir müssen sie nutzen, weil es die beste Art ist Menschen zu erreichen, wir haben aber ein Problem damit uns wie Autoverkäufer hinzustellen, in die Kamera zu lächeln und zu sagen „Kauft kauft kauft!“. Wir haben spaß daran das ganze nicht zu ernst zu nehmen und auch mal albern zu sein, uns Charaktere auszudenken, die das stellvertretend für uns übernehmen aber auch richtig guten musikalischen Content zu kreieren, so müssen wir da auch nichts verfluchen.
Frontstage Magazine: In diesem Zusammenhang würde ich gern auf die Vorabveröffentlichung „Auf die Barrikaden“ eingehen. Nach dem Interview mit dem Kinderchor, der im Song zu hören ist, habt ihr einen massiven Shitstorm erlebt und das Video
schließlich zum Schutz der Kinder gelöscht. Wie habt ihr diese Situation im Nachgang persönlich verarbeitet? Hat sich das eher wie eine Enttäuschung angefühlt – oder als Bestätigung, dass solche Songs notwendig sind? Und welche Konsequenzen zieht ihr daraus für euren zukünftigen Umgang mit solchen Themen?
Sascha Madsen: Wir haben da wirklich sehr viel drüber geredet, haben uns sehr genau abgestimmt – untereinander und mit unserem Anwalt. Wir waren erstmal überrascht, dass gerade diesen vergleichsweise harmlosen Videos mit diesen tollen, reflektierten und schlauen Kindern so viel Hass von rechts entgegengebracht wurde. Wenn wir uns politisch äußern kommt stress von rechts, das wissen wir, damit rechnen wir und damit können wir umgehen und wenn Grenzen überschritten werden bringen wir es zur Anzeige. Aber als es um die Kinder ging haben wir schnell gemerkt, dass wir da in der Verantwortung für sie sind und haben die Videos gelöscht und ein vielbeachtetes Statement dazu veröffentlicht. Das ganze war eine ganz klare Bestätigung dafür, dass solche Songs und die Diskussionen notwendig sind!
„Wir wollten die Vielseitigkeit des Albums zeigen.“
Frontstage Magazine: Blicken wir konkreter auf die Songs des Albums: Gibt es für euch so etwas wie einen zentralen Track auf „SMILE“ – oder bewusst keinen? Und nach welchen Kriterien habt ihr die Vorabveröffentlichungen ausgewählt?
Sascha Madsen: Wenn es einen gibt, dann ist das natürlich das Lied „Smile“. Für uns war schnell klar, dass das auch die erste Single sein muss. Wir haben ja recht viele Lieder vorher veröffentlicht, wollten die Vielseitigkeit des Albums zeigen, wollten uns vorab auch politisch positionieren und haben auch einfach Spaß daran uns Gedanken zu machen wie man die einzelnen Lieder im Vorhinein transportieren kann. Was für Videos man macht, wie man das in den sozialen Medien begleitet und alles was damit kommt!
Frontstage Magazine: Mit „Love Is A Killer, Pt. 2“ findet sich eine Fortsetzung eines Songs, der inzwischen 14 Jahre alt ist. Was war der Auslöser für diese Rückkehr – und warum erschien es euch sinnvoll oder notwendig, diese Geschichte weiterzuerzählen?
Sascha Madsen: Wir sind da nicht rangegangen und haben gesagt: so, jetzt schreiben wir mal einen 2. Teil sondern das hat sich so ergeben. Beim entstehen des Liedes hat uns das Gefühl an Love is a killer erinnert und wir haben dann die musikalische Referenz direkt eingebaut. Inhaltlich ist es eher eine Weiterführung als ein 2. Teil. Während es im 1. Teil recht eindeutig um eine Liebesgeschichte geht, geht es im zweiten Teil um eine Beziehung zu etwas toxischem wie Drogen oder einer anderen Sucht.
Frontstage Magazine: Beim Original war Walter Schreifels als Feature-Gast dabei. Gab es im Zuge der Fortsetzung einen Austausch mit ihm – oder stand der neue Song bewusst für sich?
Sascha Madsen: Die Zusammenarbeit mit Walter und die gemeinsame Tour, die wir danach gespielt haben war etwas ganz besonderes! Der 2. Teil steht aber ganz bewusst für sich.
Frontstage Magazine: Sebastian ist zudem regelmäßig als Feature-Gast bei anderen Künstlerinnen und Künstlern zu hören. Auf „SMILE“ hingegen verzichtet ihr vollständig auf Features – was im aktuellen Kontext eher ungewöhnlich ist. War das eine
bewusste Entscheidung?
Sascha Madsen: Auch das war eine bewusste Entscheidung, ja. Wobei wir mit Elvis, unserm ehemaligen Gitarristen von der Vorgänger Band „Hoerstuatz“ und mit Jonas, dem Gitarristen von Juli, zwei tolle musikalische Gäste auf dem Album haben, die mit ihrem Gitarrenspiel noch etwas zur Vielseitigkeit beigetragen haben.
Frontstage Magazine: Ein weiterer Vorabtrack ist „1995“, der klanglich sehr nah an eure frühen Jahre heranrückt. Welchen Einfluss hatten die Konzerte zu eurem Jubiläum, bei denen ihr euer Debütalbum am Stück gespielt habt, auf die Entstehung
dieses Songs?
Sascha Madsen: Zwischen der Veröffentlichung unseres Debüts und 1995 sind ja auch noch mal 20 Jahre, trotzdem kann es gut sein, dass das ein Einfluss war, nochmal etwas weiter zurück zu schauen.
Frontstage Magazine: Beim Hören hatte ich stellenweise das Gefühl, auch klassische Madsen-Momente wiederzuerkennen – etwa bei „Hasta La Vista“, „Rauch im Wind“ oder „Ein Licht“, die mir neben „1995“ besonders aufgefallen sind. Verbindet ihr mit einzelnen Songs konkrete Erlebnisse oder Situationen? Und was gibt am Ende den Ausschlag, welche Songs es tatsächlich auf das Album schaffen?
Sascha Madsen: Zu vielen unserer Lieder gibt es Referenzen zu konkreten Erlebnissen oder Situationen, andere sind wieder komplett fiktiv. Ob ein Lied es aufs Album schafft ist meist ein längerer Prozess. Meistens sind wir uns da auch einig und die Lieder an denen wir Lust haben zu arbeiten, sind dann oft die, die es auch aufs Album schaffen. Wir sollten uns auch einig sein, was wir in der allermeisten Fällen auch sind!
Frontstage Magazine: Wie viele Songs entstehen typischerweise im Schreibprozess für ein Madsen-Album? Und wie schwer fällt es euch, eine Auswahl zu treffen und Stücke außen vor zu lassen? Vermisst ihr in dem Zusammenhang manchmal die
Zeiten, in denen es noch klassische B-Seiten für Single-Veröffentlichungen gab?
Sascha Madsen: Song-Ideen und Demos gibt es immer sehr viel mehr Lieder als es auf ein Album schaffen. Mal sind es doppelt so viele und mal zählen wir das gar nicht mehr. Der Auswahl-Prozess ist wie gesagt sehr lang und natürlich. Es gibt nie den Punkt an dem wir uns hinsetzen und festlegen, welche Lieder es aufs Album schaffen sondern wir arbeiten kontinuierlich an verschiedensten Liedern und irgendwann bleiben dann die übrig, die ernsthaft fürs Album in Frage kommen. Oft ist es so, dass einer von uns ganz besonders an einem Lied hängt, dass musikalisch oder thematisch einfach nicht aufs Album passt, da fällt es demjenigen dann schon schwer sich von dem zu verabschieden.
„Wir haben die Setlist auf null gesetzt.“
Frontstage Magazine: Ihr seid seit jeher eine äußerst starke Live-Band. Wie weit seid ihr aktuell in den Planungen für die kommende Tour? Gibt es bereits Überlegungen zur Setlist, möglichen Gästen oder Supports – und was könnt oder möchtet ihr
dazu schon verraten?
Sascha Madsen: Wir sind mitten in der Vorbereitung für die Tour und proben so intensiv wie schon sehr lang nicht mehr. Wir studieren neue Lieder und neue alte Lieder ein, haben die Setlist auf null gesetzt und komplett neu geschrieben. Das ist anstrengend, macht aber auch großen Spaß! Wir haben die Support Bands für den Sommer schon angekündigt und freuen uns sehr auf Bands wie Baits, Frau Paul, Kochkraft durch Kma oder Jule.
Frontstage Magazine: Ihr habt euch immer wieder auf Formate eingelassen, deren Ausgang zunächst offen war – vom MTV Bandtrip über den Bundesvision Song Contest bis hin zu Projekten wie „The Real Hits“. Könnt ihr euch vorstellen, in Zukunft noch einmal ein ähnlich experimentelles oder ungewöhnliches Format anzugehen? Und ganz konkret: Wäre ein Format wie „Sing meinen Song“ für euch reizvoll – oder gab es vielleicht sogar schon einmal eine Anfrage?
Sascha Madsen: Für experimentelle oder ungewöhnliche Formate sind wir gern zu haben! Es findet heutzutage so wenig Musik im Fernsehen statt, dass wir uns grundsätzlich erstmal freuen wenn da eine Idee da ist oder eine Anfrage kommt. Sing mein Song ist eins der letzten Formate in denen es wirklich um Musik geht, allein deswegen wäre Sebastian dabei!
Frontstage Magazine: Aus eurer Live-Vergangenheit ist mir eure „5 Alben, 5 Nächte“-Tour besonders in Erinnerung geblieben. Gibt es Überlegungen, ein solches Konzept noch einmal aufzugreifen – vielleicht in erweiterter Form? Gerade mit Blick auf zehn Studioalben oder auch das anstehende Jubiläum von Goodbye Logik Records drängt sich die Frage ja durchaus auf.
Sascha Madsen: Ja, Ideen und Konzepte gibt es natürlich. Zuletzt haben wir ja eine Tour gespielt auf der wir unser Debüt-Album durchgespielt haben in der ersten Hälfte des Konzertes. Aber die zündende Idee ist uns noch nicht gekommen. Jetzt freuen wir uns erstmal auf „SMILE“ und werden das auch zelebrieren!
Fotocredit: Mariana S. Mayer