„The City Is Coming To Erase It All“, das neunte Studioalbum des in Berlin lebenden Sängers und Komponisten Fin Greenall, zieht die Schrauben an genau der Stelle an, an der Fink seit Jahren am stärksten sind: Reduktion als radikale Entscheidung. Aufgenommen in Zennor, Cornwall, mit einem fast schon asketischen, epochebezogenen Ansatz – „Wenn es 1974 nicht existierte, darfst du es nicht benutzen“, lautete die Maxime von Grammy-Preisträger Sam Okell. Fink selbst nennt es „Nowstalgia“: ein Gegenwartsalbum mit der Konsequenz und Erdung von damals.
Dieses „Nowstalgia“-Ethos zieht sich durch das gesamte Werk. Greenall blickt hörbar aus zwei Perspektiven gleichzeitig: aus der des rastlosen 18-Jährigen, der raus in die Welt will, und aus der des Tour-Musikers und Familienvaters, der jede große europäische Stadt schon zigmal gesehen hat – und trotzdem immer wieder loszieht, weil der Drang, neues Material zu spielen, jeden Komfort schlägt. „City“ wirkt wie das Produkt genau dieses Entdeckerhungers und der ungebrochenen Verehrung des Albums als Form. Das Cover spiegelt das Innere, der Opener begrüßt, das instrumentale Schlussstück verabschiedet – Fink erzählen hier eine durchkomponierte Geschichte, die eher für Menschen gedacht ist, die bereit sind, ein Feuer anzumachen, das Licht zu dimmen und die Platte wirklich von vorne bis hinten zu hören, statt sie in Playlists zu zerlegen.
In diesem Kontext bekommt die jüngste Single „I Buried All The Answers“ eine Schlüsselrolle. Der Song, im April 2026 im legendären Lowswing/Tritonus-Studio in Kreuzberg aufgenommen, ist auf mehreren Ebenen ein „Survivor“-Song – und gleichzeitig der lose Pol, an dem deutlich wird, wie dieses Album funktioniert. Greenall beschreibt das Stück als Auseinandersetzung mit der Erwartungsökonomie moderner Gefühle: Wir sollen traurig, verbittert, sehnsüchtig, reicher, ständig auf der Flucht, dauerbeschäftigt sein – und was passiert, wenn wir es schlicht nicht sind und damit einverstanden? „I Buried All The Answers“ erzählt von der Diskrepanz zwischen Emotionen, die uns von außen zugeschrieben werden, und dem, was innen wirklich passiert.
Sparsame Arrangements und jede Menge Raum
Musikalisch bleibt „The City Is Coming To Erase It All“ trotz seines strengen 1974-Geländers erstaunlich lebendig. Die Beschränkung auf historisch verfügbare Mittel – bis hin zu den Gitarrensaiten – führt nicht zu Retromanie, sondern zu einer Art fokussierter Klarheit. Akustische Gitarren, sparsame Arrangements, viel Raum, in dem jede Note zählt: Das Album klingt taktil, fast greifbar, als säße man direkt im Aufnahmeraum, während draußen irgendwo der Wind an den Fenstern rüttelt. Fink und Band nutzen diese Beschränkung, um die Songs auf ihre Essenz herunterzukochen.
Inhaltlich passt das perfekt: „City“ kreist um das leise Ringen darum, Mensch zu bleiben in einem Alltag, der von modernen Karrieren, Dauerpräsenz und Erwartungsdruck gefressen zu werden droht. Songs wie „Memorise Your Senses“ – ein siebenminütiges Stück darüber, wie wir Masken tragen, um unsere inneren Kämpfe vor den Menschen zu verbergen, die uns am nächsten stehen – oder das von jugendlicher Aufbruchsstimmung getragene „Wishing For Blue Sky“ machen deutlich, wie stark diese Platte von Zwischenzuständen lebt.
Als Album funktioniert „The City Is Coming To Erase It All“ genau so, wie Fink es offenbar intendiert haben: Man hört einer Band zu, die das Format „Album“ nicht als nostalgische Geste verteidigt, sondern als lebendige Form, in der sich Gegenwart erzählen lässt.
FINK Live-Termine 2026
- 03.10. Leipzig – UT Connewitz
- 04.10. Leipzig – UT Connewitz
- 12.10. Hamburg – Grosse Freiheit
- 13.10. Bremen – Modernes
- 15.10. Berlin – Metropol
- 16.10. Berlin – Metropol
- 18.10. München – Muffathalle
- 19.10. Innsbruck – Treibhaus
- 20.10. Wien – Big Hall
- 22.10. Salzburg – Rockhouse
- 25.10. Zürich – Kaufleuten
- 01.11. Frankfurt – Zoom Saal
- 16.11. Köln – Stadthalle
Fotocredit: Tom Young