Es gibt Konzerte – und es gibt Hamburger Traditionen. Der Auftritt von Lotto King Karl im Stadtpark gehört längst zur zweiten Kategorie. Bereits zum 56. Mal stand der Musiker am Samstagabend auf der Freilichtbühne, im 25. Jahr in Folge. Eine Zahl, die selbst in einer musikverrückten Stadt wie Hamburg Seltenheitswert besitzt. Rund drei Viertel des Stadtparks waren gefüllt, und obwohl der Himmel eher norddeutsch-grau als sommerlich daherkam, herrschte schnell jene besondere Mischung aus Heimspiel, Volksfest und Fußball-Fankurve, die nur Lotto erzeugen kann.
Schon lange vor Konzertbeginn zog es die eingefleischten Fans direkt vor die Bühne. Während andere noch an Bierständen warteten oder sich mit Pommes eindeckten, diskutierten einige Besucher lautstark über Lieblingssongs und vergangene Stadtpark-Abende. Viele trugen HSV-Trikots, Schals oder Caps – der Übergang zwischen Konzertpublikum und Nordtribüne war einmal mehr fließend.
Als Lotto King Karl schließlich mit Bierdose und Tamburin die Bühne betrat, war der Stadtpark endgültig im Heimspielmodus angekommen. Der langjährige HSV-Stadionsprecher brauchte keine lange Anlaufzeit. Mit trockenem Humor kommentierte er das frische Hamburger Wetter als „ganz normalen Hochsommer“ und steuerte danach direkt durch einen Abend, der weniger wie ein klassisches Konzert wirkte als wie ein großes Treffen alter Bekannter.
Musikalisch spannte der 59-Jährige den Bogen durch seine Karriere – auch wenn seit dem Album „360 Grad“ aus dem Jahr 2017 kein neues Studioalbum erschienen ist. Seine Songs funktionieren ohnehin längst unabhängig von Veröffentlichungszyklen. Stücke wie „Ich liebe dich“ oder „Liebe ist … wie Malaria“ wurden vom Publikum textsicher mitgetragen, manchmal schunkelnd, manchmal gröhlend, oft mit Bierbecher in der Hand.
Überhaupt spielte Bier an diesem Abend fast eine tragende Nebenrolle. Zwischen den Songs wurde angestoßen, gelacht und geschnackt. Die längsten Reihen des Abends fanden sich nicht vor der Bühne, sondern an den Getränkeständen. Trotzdem verlor das Konzert nie seine besondere Nähe. Lotto King Karl versteht es nach wie vor, nicht wie ein Star zu wirken, sondern wie jemand aus der eigenen Kurve.
Fast drei Stunden dauerte der Auftritt mit seinen Dreamboys und Dreamgirls. Als zum Finale schließlich „Hamburg, meine Perle“ erklang, verwandelte sich der Stadtpark endgültig in ein kollektives Bekenntnis zur Stadt. Arme gingen nach oben, letzte Bierbecher wurden geleert, und selbst die eher zurückhaltenden Hanseaten sangen lautstark mit.Danach war Schluss. Kein Fußballspiel, keine Punkte, keine Tabelle – und doch fühlte sich dieser Abend für viele an wie ein erfolgreicher HSV-Spieltag.
Fotocredit & Review: Sascha Beckmann