Death Cab For Cutie begleiten mich jetzt seit gut zwei Jahrzehnten – als Soundtrack zu Nächten mit „Transatlanticism“, als verlässliche Konstante, die irgendwo zwischen Melancholie, Romantik und Weltschmerz ihren Platz gefunden hat. „Asphalt Meadows“ hat 2022 überraschend deutlich gezeigt, dass diese Band noch lange nicht zur eigenen Best-of-Playlist verurteilt ist. Und doch ertappe ich mich beim ersten Hören der neuen Songs von „I Built You A Tower“ dabei, wie ein vertrauter Reflex einsetzt: Sie machen Lust, die alten Platten wieder aufzulegen – ein ambivalentes Kompliment. Willkommen im Spannungsfeld, in dem dieses elfte Studioalbum antritt.
„I Built You A Tower“ erscheint über ANTI- Records und markiert nach rund 20 Jahren Major-Ära die Rückkehr der Band zu ihren unabhängigen Wurzeln. Das klingt auf dem Papier nach klassischem „Zurück zur alten Form“-Narrativ, fühlt sich aber eher an wie eine Rückbesinnung auf das Kernethos, das Death Cab For Cutie schon immer ausgezeichnet hat: Songs, die von innen heraus wachsen, statt von außen her konzipiert zu werden. Produziert von John Congleton und in nur drei Wochen eingespielt, wirkt das Album überraschend entschlossen und zugleich erstaunlich leichtfüßig – als hätte die Band nach den Jubiläumstouren zu „Transatlanticism“ und „Plans“ den Nostalgiepegel im eigenen System bewusst auf Null gefahren.
Die Touren zu den 20-jährigen Jubiläen dieser beiden wegweisenden Alben waren nicht nur eine Gefälligkeit an die Fans, sondern ein Brennglas auf das eigene Werk. Ben Gibbard stand Abend für Abend gleichzeitig als Frontmann von Death Cab For Cutie und The Postal Service auf Arena-Bühnen, während im Hintergrund sein Privatleben ins Wanken geriet. Der titelgebende „Turm“ ist dabei weniger architektonische Metapher als innere Notwendigkeit: ein Ort, an dem man Verlust und Trauer ablegt, damit der Alltag überhaupt noch zu bewältigen ist. Dass diese Hülle Risse bekommt, ist der emotionale Motor dieses Albums.
„Riptides“ – Wellen, die nicht ganz brechen
Die erste Single „Riptides“ fasst vieles von dem zusammen, was „I Built You A Tower“ ausmacht – im Guten wie im Schwierigen. Gibbard beschreibt den Song als Versuch, die eigenen Kämpfe einzuordnen, während die Welt an Tragödien und Verlusten kaum noch zu fassen ist. Und tatsächlich trägt der Track diese Schwere in sich, ohne in Pathos zu ertrinken. Die lange, schleppend aufgebaute Strophe, der verzögerte Ausbruch, das fast stoische Vorantreiben – strukturell ist das spannend gelöst. Gleichzeitig dauert es eben doch eineinhalb Minuten, bis der Song wirklich ausbricht – und bis dahin passiert musikalisch nicht übermäßig viel. Der Sound wirkt in der ersten Hälfte fast schon klinisch, glatt, kontrolliert. Später öffnet sich der Track und findet eher in die emotional aufgeladene Zone, in der Death Cab For Cutie für mich am stärksten sind.
Deutlich spannender wirkt „Punching The Flowers“, der zweite Vorabtrack. Ungewohnte Gitarrenfarben, die fast an Queens Of The Stone Age erinnern – allerdings so, als hätte man sie in Watte gepackt und durch den Death-Cab-Filter geschickt. Wieder ist der Songaufbau nicht auf den schnellen Killerschluss aus, sondern arbeitet mit verschobenen Erwartungen: kein wirklich zündender, mitsing-kompatibler Chorus, dafür ein langsames Reindrehen in eine Stimmung, die irgendwo zwischen Resignation und Trotz landet. Gerade diese Sperrigkeit steht der Band gut zu Gesicht.
Ein Album der Versöhnung
Thematisch ist „I Built You A Tower“ ein Album der Versöhnung mit früheren Identitäten, um Platz für etwas Neues zu schaffen. Der Turm als Schutzraum funktioniert nur begrenzt – irgendwann bricht das, was man sorgfältig einsortiert hat, wieder nach außen durch. Gibbard schreibt erneut sehr persönlich, ohne in Nabelschau zu versinken. Man merkt den Songs an, dass sie aus einer Phase stammen, in der Bühne, Vergangenheit und private Bruchstellen heftig ineinander gegriffen haben.
Spannend ist, dass die Band diesen inneren Druck nicht in pure Schwere übersetzt, sondern ihre Erfahrungen aus den Jubiläumstouren in das neue Material einfließen lässt. Dave Depper beschreibt das Gefühl, nach den Shows mit „Transatlanticism“ und „Plans“ ins Studio zu gehen, als Versuch, diese Live-Energie „in etwas Neues zu stecken“. Genau das hört man: Die Songs wirken oft kompakter, direkter, ohne die typische Death-Cab-Melancholie zu opfern.
Und so finden sich wirklich noch ein paar unterschätzte Perlen unter den elf neuen Tracks, die verdammt eingängig daherkommen. Zum einen das wirklich schmissige „Pep Talk“, aber auch das zunächst sperrig startende „Envy The Birds“, welches zum Ende immer zarter wird. Zentral ist natürlich auch der zweiteilige Titeltrack, welcher sich in A und B-Teil gliedert und in der Mitte und am Ende des Albums platziert wird.
Death Cab For Cutie klingen hier nicht wie eine reibungslos weiterlaufende Maschine, sondern wie eine Gruppe, die sich bewusst ein paar Kanten gönnt. Für ein elftes Album ist das keine Selbstverständlichkeit. Für mich ist „I Built You A Tower“ kein Album, das die alten Klassiker entthront – und wahrscheinlich will es das auch gar nicht. Wer wie ich „Transatlanticism“ als unantastbaren Fixpunkt im eigenen musikalischen Koordinatensystem abgespeichert hat, wird immer wieder dorthin zurückkehren. Aber das neue Album schafft etwas anderes: Es zeigt eine Band, die sich ihrer Geschichte bewusst ist, ohne sich in ihr einzumauern.
Fotocredit: offizielles Pressefoto der Band