MADSEN blicken bereits auf über zwanzig Jahre Bandgeschichte zurück – und im letzten Jahr haben sie eine Tour gespielt, auf der sie ihr Debütalbum nochmal von vorne bis hinten zelebriert haben. Diese Konzerte waren für mich ein Ausflug in meine eigene Vergangenheit, und ich habe Nostalgie und Euphorie gefühlt beim Hören und Pogo-Tanzen zu den alten Songs. Vielleicht ist es unfair, daraus einen Maßstab für das neue Madsen-Album abzuleiten, aber nach über dreißig Madsen-Konzerten in meiner persönlichen Konzert-Liste drohte sich schon etwas Madsen-Müdigkeit breit zu machen. Auch wenn bei jedem Album immer drei, vier Songs abgefallen sind, die ich gerne mochte – auf Albumlänge wurde es auch schon mal schwierig mit mir und Madsen. Ausnahmen sind die ersten beiden Alben und die überraschende und geniale Punkplatte „Na Gut – Dann Nicht“. Nun erweitern sie ihre Diskographie mit „SMILE“.
Mit „SMILE“ veröffentlicht die Band aus dem Wendland ihr bereits zehntes Studioalbum – und allein dieser Fakt ist bemerkenswert. Geht man mal in sich und überlegt, welche deutschsprachigen Rockbands es überhaupt auf ein derart umfangreiches Werk gebracht haben, wird die Liste ganz schön kurz. Dennoch bleibt ein großes Aber, denn „SMILE“ vereint die typischen Madsen-Stärken und Schwächen. Musikalisch trifft das in vielen Momenten meinen Nerv, aber textlich haben sich Madsen dieses Mal dann doch das ein oder andere Mal mehr verhoben.
Madsen zählen mit ihrer Attitüde und Haltung ohne Frage zu den vernünftigen Menschen im Business – eine Band, die sich nicht verbiegt, die Haltung zeigt und die nach über zwanzig Jahren immer noch authentisch wirkt. Dennoch halten sich auf „SMILE“ überzeugende Tracks und schwächere Momente gerade mal die Waage. Zu den großen Pros des Albums zählt definitiv, dass es verdammt abwechslungsreich ist und nicht immer wieder die Erfolgsformel eines Songs runterkurbelt. Auch die DIY-Attitüde steht der Band gut zu Gesicht: selbst aufgenommen, selbst produziert, selbst gemanagt – das hat Substanz und zeigt, dass Madsen sich nicht auf alten Lorbeeren ausruhen, sondern auch nach zehn Alben noch bereit sind, Risiken einzugehen und neue Wege zu gehen.
Textlich gerät „SMILE“ stellenweise auf schwieriges Terrain
Bei aller Sympathie für die Band und ihre Haltung: Textlich gerät „SMILE“ stellenweise auf schwieriges Terrain. „Achterbahn“ kommt musikalisch zwar flott daher, bewegt sich mit Zeilen wie „Wir fliegen hoch / Wir fallen tief / mal läuft es gut / dann wieder mies“ oder dem Refrain „So ist das Leben – es geht immer auf und ab – wie in einer Achterbahn“ jedoch bedenklich nah an Schlager-Gefilden. Sebastian Madsen war schon immer gut darin, einfach und nicht zu verkopft zu texten – aber hier fühle ich mich eher an Helene Fischer erinnert als an eine Rockband mit Ecken und Kanten. Auch „Auf die Barrikaden“ sticht negativ hervor, was besonders schade ist, denn die Message ist durchaus unterstützenswert. Doch bei einem Reim wie „Eins, Zwei, Drei, lass die Liebe frei / alle sind gleich / keiner bleibt allein“ fühle ich mich stark an Kindergartenlieder erinnert – gut gemeint, aber textlich zu simpel gestrickt, um wirklich zu überzeugen.
Konträr dazu steht „I don’t give a Fuck“, das sich aber ebenfalls nicht richtig anfühlt. Es wirkt bewusst provozierend – nach dem Motto: Jetzt müssen wir auch mal einen Song mit dem F-Wort machen. Der Refrain biegt dann in Richtung klassischer Madsen-Momente wie „Blockade“ oder „Nitro“ ab, doch die Provokation fühlt sich eher aufgesetzt als organisch an. Vor allem im Gesamtkontext des Albums, eher wie ein Fremdkörper. und das obwohl ich den schreienden Sebastian stets großartig finde.
Madsen können einfache Gefühle starke Songs
Doch bei aller Kritik: „SMILE“ hat auch starke Momente, die zeigen, warum Madsen nach über zwanzig Jahren immer noch eine relevante Größe im deutschsprachigen Rock sind. „Hasta La Vista Baby“ etwa könnte man auf lyrischer Ebene vielleicht die gleichen Vorwürfe machen wie den bereits genannten Songs – doch der Track trägt eine trotzige Melancholie in sich, die sich einfach gut anfühlt. Hier gelingt Madsen genau das, was sie am besten können: einfache Gefühle in starke Songs verwandeln.
„Rauch im Wind“ klingt wie zu besten Goodbye Logik-Zeiten – treibend, dringlich, mit dieser angezerrten Stimme, die Sebastian Madsen so unverwechselbar macht. „1995“, das bereits vorab ausgekoppelte Punk-Highlight, bringt die Energie und Direktheit zurück, die das Debütalbum so besonders gemacht hat. Und mit „Love Is A Killer, Pt. 2“ bekommt einer der besten Madsen-Songs überhaupt eine nicht erwartete Fortsetzung – vielleicht der überraschendste Track des Albums.
Der große Pluspunkt von „SMILE“ ist definitiv seine Vielseitigkeit. Madsen kurbeln nicht einfach die Erfolgsformel runter, sondern probieren aus, riskieren etwas und lassen sich nicht in eine Schublade stecken. Auch wenn nicht jeder Song ein Volltreffer ist und manche Texte zu simpel geraten – das Album zeigt eine Band, die nach über zwanzig Jahren immer noch Lust hat, gemeinsam Musik zu machen. Und genau diese Lust ist spürbar.
MADSEN–„SMILE“ Tour 2026
- 05.06.26–Hamburg, Stadtpark (Release Show)
- 06.06.26–Braunschweig, Lokpark Open Air
- 09.06.26–Berlin,KulturKaufhaus Dussmann (ausverkauft)
- 10.06.26–Berlin,Rough Trade (ausverkauft)
- 12.06.26–AT–Dornbirn, Conrad Sohm Kultursommer
- 13.06.26–AT–Nickelsdorf, Nova Rock Festival
- 02.07.26–Sylt/Rømø–FRSSyltfähre„Cruise van Cleef“
- 10.07.26–Würzburg, Kulturtage auf Gut Wöllried
- 11.07.26–LUX–Koerich, Beautiful Decay Festival
- 17.07.26–Bremen, Seebühne
- 18.07.26–Haunetal, Haune Rock Festival
- 24.07.26–Chemnitz, Wasserschloss Klaffenbach
- 25.07.26–Hamm, kAPEllE30 S0MMA
- 01.08.26–CH–Zürich, Dynamo
- 02.08.26–Freiburg, ZMF
- 28.08.26–Koblenz, Festung Ehrenbreitstein
- 29.08.26–Creuzburg, Burg Creuzburg
- 25.09.26–Ulm, Roxy
- 26.09.26–München, TonHalle
- 02.10.26–Leipzig, Haus Auensee
- 03.10.26–Rostock, Moya
- 09.10.26–Nürnberg, Löwensaal
- 10.10.26–Berlin, Tempodrom
- 16.10.26–Stuttgart, LKA Longhorn
- 17.10.26–Saarbrücken, Garage
- 30.10.26–Lingen, Emsland Arena
- 31.10.26–Köln, Palladium
- 13.11.26–Hannover, SwissLife Hall
- 14.11.26–Wiesbaden, Schlachthof
Fotocredit: Ingo Pertramer