Mit „Call Me The Witch“ veröffentlicht Lùisa ein Album, das sich kompromisslos mit Wut, Angst, Selbstermächtigung und den Erfahrungen als Frau in der Musikindustrie auseinandersetzt. Zwischen düsteren 80er-Einflüssen, moderner Produktion und einer faszinierenden eigenen Bildsprache erschafft die Künstlerin dabei ihre ganz persönliche „Witch-World“. Besonders bemerkenswert: Das gesamte Album wurde von ihr selbst produziert – unabhängig, selbstbestimmt und ohne sich bestehenden Strukturen unterzuordnen. Im Interview mit uns dem Frontstage Magazine spricht Lùisa über Female Rage als kreative Kraft, ihre Erfahrungen in einer männlich dominierten Branche, den Weg zur kompletten Eigenproduktion und darüber, warum Konzerte für sie der wichtigste Teil des Musikmachens sind.
Frontstage Magazine: Dein neues Album „Call Me The Witch“ ist stark von Themen wie Female Rage und Selbstermächtigung geprägt – wann hast du gemerkt, dass genau diese Wut zu deiner kreativen Superpower werden kann?
Lùisa: Die erste Idee für den Song „Call Me The Witch“ und das Konzept vom Album kam mir, als ich eines Nachts vom Studio allein nach Hause gegangen bin. Wieder einmal hatte ich als Frau Angst, nachts allein durch die Dunkelheit zu gehen – Angst vor einem Übergriff durch einen Mann, was oft ein Grundgefühl ist, wenn man allein als Frau durch die Nacht geht. In dem Moment fühlte ich aber auch plötzlich so eine Wut darüber, dass das überhaupt Realität ist – eine Wut, wie unser Selbstverständnis als Frau in dieser Welt definiert ist. Ich hatte die Idee, dass ich diese Wut als Songwriterin nutzen kann und die Realität zumindest in meinen Songs umschreiben und in Empowerment umwandeln kann: Der Song ‘Call Me The Witch’ beginnt ja mit der Zeile: ‘I want to be the kind of woman that men are scared of when they go home alone in the dark.’ – und genau darum geht es auf dem Album: die Perspektive zu verschieben und aus Dunkelheit, Wut und Angst, Stärke zu machen. Ich glaube, in unserer Dunkelheit und Wut liegt so viel Kraft, wenn wir sie kreativ kanalisieren.
Frontstage Magazine: Du hast das Album komplett selbst produziert – wie hat dich dieser Schritt künstlerisch und persönlich verändert?
Lùisa: Der Schritt hat mich künstlerisch und persönlich total verändert. Künstlerisch habe ich so viel über Musikproduktion und Sounddesign lernen dürfen – das hat auch mein Verhältnis zu Musik zu einer ganzheitlicheren Sichtweise verändert: Für mich greifen Text, Komposition, Arrangement, Recording und Sounddesign künstlerisch viel mehr als Gesamtkonzept ineinander, und es ist sehr schön, dieser Vision so kompromisslos Ausdruck verleihen zu können. Künstlerisch ist meine Arbeitsweise auch sehr viel strukturierter geworden – wenn man alles selbst produziert, muss man klar priorisieren können, sonst wird man irre und verliert sich im Dschungel der Details und Möglichkeiten. Das Album komplett selbst zu produzieren, hat mich aber auch auf persönlicher Ebene sehr verändert. Es braucht recht viel Beharrlichkeit, Zuversicht und Beklopptheit, wenn man ein ganzes Album selbst produziert – es hat mich gestärkt, dass ich durch alle Zweifel und Herausforderungen hindurchgegangen bin und jetzt ein Album in der Hand halte
Frontstage Magazine: Die Entstehung des Albums ist eng mit deinen Erfahrungen in der Musikindustrie verbunden – inwiefern war „Call Me The Witch“ auch ein bewusster Bruch mit bestehenden Strukturen?
Lùisa: Ich würde es weniger als einen Bruch, als eher als eine bewusste Emanzipation von bestehenden Strukuren nennen. In den letzten Jahren habe ich immer wieder einengende und frustrierende Erfahrungen in der Musikindustrie gemacht und gemerkt, dass das keine Einzelfäller sind – sondern ein Muster, das viele Kolleginnen ebenso erleben. Als Frau und gerade als Solokünstlerin in einer männlich dominierten Branche wie die Musikindustrie hat man sehr schnell ein Gefühl von struktureller und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Entscheidungspositionen sind nach wie vor sehr oft männlich besetzt – was oft bedeutet, dass man als Künstlerin auf männlicher Entscheider angewiesen, um Projekte umzusetzen. Erhält man die Ressourcen, fließen die dann wiederum in bestehende, ebenfalls männlich geprägte Produktionsstrukturen. Gleichzeitig hatte ich immer wieder Momente, wo meine Skills und Vision als Songwriterin und Produzentin infrage gestellt wurden, und mir von etablierten Herren geraten wurde, mit etablierten männlichen Produzenten zu arbeiten, um klanglich in eine kommerziellere Richtung zu gehen. Das hat für mich oft wie ein Kreislauf gewirkt, in dem sich bestehende Strukturen immer wieder selbst bestätigen. ‚Call Me The Witch‘ war für mich nach diesen Erfahrungen ein bewusster Schritt, diese Abhängigkeiten zu durchbrechen und unabhängiger zu werden. Ich habe angefangen, mir alle technischen Skills als Produzentin anzueignen und meine Arbeit vollständig selbst – in meinem kleinen Studio und ohne großes Budget oder Support – aufzunehmen, zu produzieren und auch unabhängig zu veröffentlichen. Das Album steht für den Anspruch, kompromisslos, unabhängig und aus einer eigenen Haltung heraus zu arbeiten. Ich arbeite als Produzentin auch total gerne mit männlichen Kollegen – und zwar ganz entspannt auf Augenhöhe.
Frontstage Magazine: Deine Musik verbindet Einflüsse aus den 80ern mit modernen Sounds und einer sehr eigenen Bildsprache – wie wichtig ist dir das Zusammenspiel aus Musik, Ästhetik und Konzept auf diesem Album?
Lùisa: Das ist mir total wichtig. Ich liebe es wirklich, mir ein gesamtheitliches Konzept und eine Gesamtästhetik auszudenken – es ist auch sehr toll, für dieses „Worldbuilding“ mit anderen tollen Künstlerinnen aus anderen Gewerken zusammenzuarbeiten. Bild, Text und Musik sind für mich unmittelbar miteinander verbunden: Schon beim Schreiben von Texten und beim Sounddesignen im Studio sehe ich direkt auch Bilder. Ich hatte für „Call Me The Witch“ die Vision, diese kleine, magische Witch-World zu bauen, die sich durch Texte, Sounddesign, Videos und Styling zieht und hoffentlich die Zuhörerinnen aus der Alltagswelt entführt
Frontstage Magazine: Nach der intensiven Zeit im Studio geht es jetzt wieder auf große Bühnen – wie fühlt es sich an, diese sehr persönlichen Songs live zu spielen und mit einem Publikum zu teilen?
Lùisa: Das ist unglaublich toll. Ich habe ja wirklich relativ lang in meinem kleinen Studio gewerkelt, und es war ein krasser, aber unglaublich guter Kontrast, als meine Band und ich dann Shows für Alanis Morissette eröffnen durften und eine Arena-Tour für Simply Red gespielt haben – jetzt bin ich gerade auf der „Call Me The Witch“-Headlinetour. Konzerte zu spielen ist für mich wirklich das Großartigste am Musikmachen. Ich liebe es sehr, mit Menschen Musik in einem Raum zu teilen, gemeinsam zu tanzen und die Geschichten hinter den Songs zu erzählen. Und es bedeutet mit sehr viel, wenn Menschen auf meinen Konzerten einen schönen Abend haben und mir ihre persönlichen Geschichten zu meinen Songs am Merchstand erzählen. Konzerte zu spielen für Menschen ist für mich ein Hauptgrund, warum ich Musik mache.
Fotocredit: Bettina Theuerkauf