Das Warten hat ein Ende: Das legendäre Slam Dunk Festival, ein britische Kult-Format für Pop-Punk, Emo und Hardcore hat den Sprung über den Ärmelkanal gewagt und am 29. Mai 2026 eine fulminante Premiere im Ruhrgebiet gefeiert. Schon lange vor dem pünktlichen Einlass um 17 Uhr strömten Musikbegeisterte aus allen Teilen der Bundesrepublik herbei, um bei diesem historischen Moment live dabei zu sein. Bei sommerlichen Höchsttemperaturen lag eine fast greifbare Elektrizität in der Luft der Turbinenhalle Oberhausen. Wer sterile Arenen erwartet hatte, wurde positiv überrascht: Das Festival setzte ganz auf den ungeschminkten, authentischen Industriecharme des Ruhrpotts – die perfekte Kulisse für eine Ausgabe, die sich im Vergleich zu den traditionell eher poppigen britischen Ablegern in Leeds oder Hatfield von einer deutlich härteren und kompromissloseren Seite zeigte. Drinnen heizte sich die Stimmung in den Hallen 1 und 2 im Gleichschritt mit den Temperaturen auf. Zwischen schweißtreibenden Moshpits und dem Stöbern an den prall gefüllten Merchandising-Ständen sorgten eiskalte, gratis verteilte Energy-Drinks für die nötige Abkühlung, während ein Vorraum mit der Möglichkeit für spontane, kostenlose Tätowierungen zum gut besuchten Treffpunkt avancierte. Trotz der Absagen von Static Dress und Sweet Pill war alles angerichtet für einen unvergesslichen Abend.
Holywatr
Den offiziellen Startschuss auf Stage 1 in der Turbinenhalle 1 gaben Holywatr, die mit nur wenigen Minuten Verzögerung die bereits gut gefüllte Halle im Sturm eroberten. Die Formation, die sich seit ihrer Gründung 2020 in Los Angeles von einem reinen Soloprojekt des Musikers Holy zu einem vielschichtigen Trio weiterentwickelt hat, brachte eine tiefgründige und energiegeladene Mischung aus Nu-Metal, Emo, Grunge und Shoegaze auf die Bühne – ein Sound, der unverkennbar von Alternative-Rock-Ikonen wie den Deftones inspiriert ist. Dass die Band nach ihren erfolgreichen Alben „Psalms“ (2024) und „red heifer“(2025) erst im April 2026 ihr neues Studioalbum „Deo Gratias“ veröffentlichte, spürte man an der enormen Frische des Sets. Zuerst betrat der Schlagzeuger die Bühne, kurz darauf folgte der Rest der Band mit unbändigem Elan. Besonders die Gesangstalente und die ausgefallenen Tanzmoves des Sängers, der sich über die gesamte Breite der Bühne bewegte, zündeten sofort beim Publikum, das zum ersten Mal in Deutschland in den Genuss dieser Liveshow kam. Spätestens beim dritten Song formierte sich der erste gewaltige Circlepit des Tages bei sommerlichen Temperaturen. Die geschickt eingewebten elektronischen Spielereien verliehen dem Auftritt einen extrem erfrischenden Charakter. Als die Menge beim vierten Song „Fade“ frenetisch mitsang, brachte der anschließende, tonnenschwere Breakdown die Halle ein erstes Mal so richtig zum Beben. Aufgrund der extremen Hitze zog der Frontmann nach fünf Songs das Shirt aus, ehe das intensive Set nach einer direkten Aufforderung von Holywatr mit dem Stream-Hit „nail polish“ und den ersten Crowdsurfern des Abends unter tosendem Applaus endete. Ein absolut mustergültiger Festivalauftakt, der zeigte, wie man ein Tagesfestival erfolgreich eröffnet.
Shoreline
Nahtlos ging es auf Stage 2 in der Turbinenhalle 2 mit Shoreline weiter, die das Zepter übernahmen und die ebenfalls bereits sehr volle Halle im Handumdrehen zum Kochen brachten. Die 2016 in Münster gegründete Punk- und Emo-Formation hat sich längst in der europäischen Alternative-Szene etabliert und bewies eindrucksvoll, warum sie nach ihren frühen Werken „Eat & Run“(2019) und „Growth“ (2022) mit dem Meilenstein „To Figure Out“ (2024) beim renommierten US-Label Pure Noise Records gelandet ist. Mit dem Opener „Worry Count“ vom brandneuen Album „Is this The Low Point Or The Moment After“, das erst am 13. März 2026 erschienen ist, bewiesen die Musizierenden um Frontmann Hansol Seung sofort ihre immense Live-Energie. Das Publikum präsentierte sich überraschend textsicher und ging bei den tiefgründigen, englischsprachigen Texten, die sich intensiv mit gesellschaftskritischen Themen wie Rassismus, mentaler Gesundheit und Klimaaktivismus auseinandersetzen, voll mit. Die pure Energie der Band übertrug sich schlagartig auf die Menge. Wie ein Tornado wirbelte der Sänger von Shoreline über die Bretter, was spätestens beim zweiten Song „Brittle Bond“ für massive Bewegung im Zuschauerraum sorgte. Shoreline lieferten eine so leidenschaftliche und mitreißende Show ab, dass kein Zweifel daran blieb: Diese Band hat den Status eines lokalen Geheimtipps längst hinter sich gelassen und gehört nach Touren durch Europa, Großbritannien und die USA definitiv auf die ganz großen Festivalbühnen.

Boston Manor
Zurück auf Stage 1 untermauerten Boston Manor ihren Ruf als eine der wandlungsfähigsten Kräfte der britischen Alternative-Rock-Szene. Die Formation aus Blackpool, bestehend aus Sänger Henry Cox, den Gitarristen Mike Cunniff und Ash Wilson, Bassist Dan Cunniff und Drummer Jordan Pugh, startete ihr Set mit dem Opener „Floodlights on the square“. Die Band, die nach frühen EPs und dem Durchbruch „Be Nothing.“(2016) mit den Werken „Welcome to the Neighbourhood“(2018), „Glue“(2020) und „Datura“(2022) immer düstere und schwerere Grunge- und Industrial-Einflüsse integriert hat, legte von Sekunde eins an eine unglaubliche Energie an den Tag. Die anwesende Fangemeinde feierte die Darbietung lautstark, und schon beim zweiten Song „Container“ zeigte sich die Menge extrem textsicher und dynamisch. Zwischen den Songs merkte die Band sichtlich erfreut an, dass dies ihre erste Deutschland-Show des Jahres sei und das Publikum sie auf Anhieb komplett überzeuge. Beim sehr rockigen dritten Song „Sliding Doors“ explodierte die Stimmung in der Mitte der Halle in einem großen Moshpit, der trotz der extremen Hitze für ordentlich Action sorgte. Bei „Why I Sleep“ nahm Henry Cox mit seiner wandlungsfähigen Stimme und enormen Bühnenpräsenz den kompletten Raum ein, während das alternative Instrumental für staunende Gesichter und frisch gewonnene Fans sorgte. Beim fünften Song „I Don’t Like People (& They Don’t Like Me)“ wechselte Cox meisterhaft zwischen ruhigen und härteren Passagen, während die ersten Crowdsurfer Richtung Bühne schwebten. Der absolute Höhepunkt wurde beim Megahit „Halo“ und der Hymne „Passenger“ erreicht, als die Halle geschlossen im Takt sprang, jede Zeile lautstark miterklang und unzählige Crowdsurfer über die Menge getragen wurden. Nach einem finalen, ansteckenden Moshpit zum mitreißenden Instrumental von „Foxglove“ endete ein meisterhafter Auftritt, der bewies, dass Boston Manor längst zu den ganz Großen der Szene gehören.

Hawthorne Heights
Eine ordentliche Portion Nostalgie und pure Gänsehaut brachten anschließend Hawthorne Heights auf Stage 2. Als die US-amerikanischen Emo- und Post-Hardcore-Pioniere aus Dayton, Ohio, geschlossen die Bühne stürmten und ihr Set mit dem Hit „This Is Who We Are“ eröffneten, brachen alle Dämme. Die Band, die 2004 mit dem legendären Album „The Silence in Black and White“die Emo-Szene der 2000er-Jahre an der Seite von Größen wie My Chemical Romance prägte, zeigte sich auf allen Ebenen in absoluter Bestform. Hymnen wie „We Are So Last Year“ und „Dead In The Water“ haben auch nach zwei Jahrzehnten und trotz schwerer Schicksalsschläge wie dem Verlust von Gitarrist Casey Calvert im Jahr 2007 nichts von ihrer Relevanz verloren. Die Songs wurden unglaublich lautstark mitgesungen, sodass viele Zuschauer den Zauber der eigenen Jugend erneut fühlten und sich beim Tanzen komplett fallen ließen. Das sichtlich gerührte Lächeln von Sänger JT Woodruff und Bassist Matt Ridenour wuchs mit jedem Applaus, während die Band sichtlich Spaß daran hatte, neben den alten Klassikern auch neuere Stücke wie „Like A Cardinal“ zu präsentieren, die vom Publikum ebenso gefeiert wurden. Zum krönenden Abschluss provozierte ihr wohl größter Hit „Ohio Is For Lovers“ noch einmal kollektive Ekstase und lautstarke Gesangseinlagen, ehe die Band unter nicht enden wollendem Applaus die Bühne verließ und bewies, dass ihre Strahlkraft ungebrochen ist.

Paleface Swiss
Ein wahres Urgewalt-Gewitter brach am späten Abend mit Paleface Swiss über Stage 1 herein. Das Schweizer Quartett um Frontmann Marc „Zelli“ Zellweger, Gitarrist Yannick Lehmann, Bassist Tommy Lee und Drummer Luigi Paraventi, das nach den Erfolgen von „Chapter 3: The Last Selection“(2020) und „Fear & Dagger“(2022) seinen Status mit dem Album „Cursed“ zementierte, transformierte die Halle in ein absolutes Chaos. Nach einem spannungsgeladenen Intro stürmte die Band die Bühne, auf der sie erst im Januar eine erfolgreiche Headline-Show gespielt hatte, und feuerte direkt den intensiven Opener „I Am A Cursed One“ ab. Ihr unnachahmlicher Sound aus Deathcore, Beatdown und Nu-Metal wurde von Zellis rasantem, fast gerapptem Vocal-Stil getragen, während auf der Bühne riesige Stichflammen hochschossen und die Turbinenhalle feuerrot färbten. Bei Songs wie „Hatred“ oder „Nail To The Tooth“ wurde praktisch durchgehend geheadbangt. Die Band betonte begeistert, dass die Stimmung hier die ihrer letzten US-Konzerte bei Weitem übertreffe. Auch neue Stücke wie „Withering Flower“ sowie ältere Perlen wie „The Orphan“ wurden lautstark mitgebrüllt. Eine kurze, hochemotionale Atempause bot das ruhigere „Everything Is Fine“, bei dem Zelli sein weltklasse Gesangstalent zeigte, während unzählige Fans auf den Schultern ihrer Begleitungen saßen und für einen magischen Moment sorgten. Mit den finalen Abrissbirnen „Let Me Sleep“ und dem Megahit „Please End Me“ verabschiedete sich die Band inmitten gigantischer Moshpits nach einem Auftritt, der allen Beteiligten körperlich alles abverlangte.

Stand Atlantic
Den krönenden Abschluss auf Stage 2 sicherten sich die australischen Alternative-Rocker von Stand Atlantic. Angeführt von der charismatischen Frontfrau Bonnie Fraser, fegte die Formation bestehend aus David Potter, Miki Rich und Jonno Panichi ab dem Opener „KISSIN‘ KILLER COBRAS“mit einer einnehmenden Energie über die Bretter. Die Band, die sich seit ihrer gefeierten EP „Sidewinder“(2017) und dem Debüt „Skinny Dipping“ (2018) über „Pink Elephant“(2020) und „F.E.A.R.“ (2022) bis hin zum experimentellen Album „WAS HERE“ (2024) stilistisch enorm weiterentwickelt hat, traf mit ihrem Mix aus Pop-Punk, Synthesizern und Trap-Beats genau den Nerv der feiernden Menge. Der zweite Song „Lavender Bones“ sorgte sofort für viel Dynamik. Sängerin Bonnie Fraser stellte bei Songs wie „Sex On The Beach“ oder „Hate Me (Sometimes)“ ihr stimmliches Talent unter Beweis. Die Band agierte extrem sympathisch und interaktiv mit den Fans, die sogar den brandneuen Song „Velcro“ bereits lautstark mitsangen. Nach den energiegeladenen Nummern „NOSE BLEED“ und „CRIMINAL“ setzte der Megahit „deathwish“ unter donnerndem Applaus den triumphalen Schlusspunkt unter ein Set, das Stand Atlantic garantiert eine Vielzahl neuer Fans eingebracht hat.

Knocked Loose
Als um 22:15 Uhr das Licht auf Stage 1 für den ultimativen Headliner des Abends erlosch, erreichte die Spannung ihren absoluten Höhepunkt. Knocked Loose, die Formation aus Kentucky rund um Frontmann Bryan Garris, stürmten die Bühne, die von einem riesigen Banner und einem düster leuchtenden Kreuz flankiert wurde, und entfesselten mit „Blinding Faith“ augenblicklich ein musikalisches Höllenfeuer. Die Band, die sich mit Alben wie „Laugh Tracks“ (2016), „A Different Shade of Blue“ (2019) und dem Chartstürmer „You Won’t Go Before You’re Supposed To“(2024) an die Spitze des modernen Hardcore gekämpft hat, lieferte eine Show von rücksichtsloser Brutalität. Angetrieben von Garris‚ weltweit gefeierten, extrem hohen Shouts verwandelte sich die gesamte Halle bei Stücken wie „Mistake Like Fractures“ oder „Belleville“ in eine einzige, gigantische Bewegungsmasse. Mit spielerischer Leichtigkeit wurde das Level bei der neuesten Single „Hive Mind“ und dem atmosphärischen „Sit & Mourn“ – bei dem Garris selbst zur Gitarre griff – immer weiter hochgeschraubt. Das für einen Grammy nominierte „Suffocate“ wurde besonders lautstark zelebriert. Für eine handfeste Überraschung sorgte der Gastauftritt von Boston-Manor-Sänger Henry Cox, der bei „Billy No Mates“ mit harten Shouts unterstützte und unbändigen Jubel auslöste. Das unvermeidliche „Counting Worms“ ließ die Turbinenhalle beim legendären „Arf Arf“-Ruf schließlich in ihren Grundfesten erschüttern, ehe die Hits „Deep In The Willow“ und das brachiale „Everything Is Quiet Now“ inklusive der größten Wall of Death des Abends den perfekten Schlusspunkt hinter dieses geschichtsträchtige Konzert setzten. Erschöpft, verschwitzt und überglücklich wurden die Fans mit einem kostenlosen Energy-Drink in die Nacht entlassen.

Fazit
Das erste Slam Dunk Festival auf deutschem Boden war ein voller Erfolg und hat die Erwartungen der Musikfans nicht nur erfüllt, sondern auf ganzer Linie übertroffen. Die gelungene Symbiose aus dem rauen Charme der Turbinenhalle Oberhausen und einem kompromisslosen, hochkarätigen Line-up hat diesen Tag zu einem historischen Meilenstein für die hiesige Alternative- und Hardcore-Szene gemacht. Jede einzelne Band wuchs über sich hinaus und trug zu einer friedlichen, extrem energiegeladenen und fast schon familiären Atmosphäre bei. Als die erschöpften, verschwitzten und überglücklichen Musikbegeisterten in die laue Nacht entlassen wurden, war die Resonanz eindeutig: Dieses Debüt schreit nach einer Fortsetzung. Das Ruhrgebiet hat bewiesen, dass es der perfekte Gastgeber für dieses Kult-Format ist. Bleibt zu hoffen, dass es auch im kommenden Jahr eine Fortsetzung des Slam Dunk Festival in Deutschland gibt.
Fotocredit: Fabian Hafels