Bosse gehört seit den frühen 2000ern zu den prägenden Stimmen des deutschsprachigen Indie-Pop. Nach ersten Erfolgen mit seiner Band und dem Durchbruch als Solokünstler etablierte er sich mit Alben wie „Kraniche“ oder „Alles ist jetzt“ nachhaltig. Mit „Stabile Poesie“ erschien am 17.04.2026 sein zehntes Studioalbum. Wir hatten die Gelegenheit mit ihm über die besonderen Pre-Listening-Partys im Kino, die Entstehung des Albums und seine Tour zu sprechen.
Frontstage Magazine: So, gut. Also die Pre-Listening-Partys liegen ja jetzt hinter dir. Wie war’s? Warst du nervös? Das Setting war ja schon außergewöhnlich.
Bosse: Ja, ich war schon nervös, ich mache das jetzt schon super lange, aber so eine Veranstaltung hatte ich noch nicht. Im Kino hat man einen tollen Sound und ich habe ein paar Live Songs gespielt, Matze Hielscher hatte ein paar gute Fragen und die Leute fanden es toll. Ich habe sehr viel über die Entstehung der Songs gesprochen und über die Reise des Albums. Ich hatte so ein bisschen Respekt vor dem Moment, so vielen Menschen meine Songs vorzuspielen und dabei auf der Bühne zu sitzen und ich gucke die alle an und die gucken mich an.
Frontstage Magazine: Ja, besonders im Kino, dadurch dass es ja dann so hoch geht, sieht man auch viel mehr Menschen als jetzt in einem Club oder so was.
Bosse: Total, und ich mag es eigentlich nicht so gerne Leute anzuschauen, denen ich meine neuen Songs vorspiele. Also selbst im engsten Umfeld ist das irgendwie strange. Aber das Eis war schnell gebrochen und den Leuten hat es gut gefallen.
Frontstage Magazine: Warst du bei irgendeinem Song überrascht von der Reaktion des Publikums?
Bosse: In den ersten Reihen habe ich bei Song eins ein paar Tränen kullern sehen. Da dachte ich so: „Uiuiui, das könnte ein guter Abend werden, aber auch ein intensiver.“ Ansonsten wurde viel getanzt und mitgesungen.
Frontstage Magazine: Wie entstand überhaupt der Titel „Stabile Poesie“ und was bedeutet er dir?
Bosse: Das Vorgängeralbum hatte einen textlichen roten Faden und das Überthema Träumen. Ich wollte diesmal wieder alles besingen was mir auf der Seele brennt. Es geht um Haltung, Empowerment, den Mut sich zu Entscheiden und loszulassen. Das ist für mich die stabile Seite des Albums. Poetisch sind vor allem die Streicher und die Musik.
Frontstage Magazine: Schön. Hast du einen Lieblingssong auf deinem Album? Einen, der dir besonders viel bedeutet?
Bosse: Also viel bedeuten, tun sie mir natürlich alle, aber es gibt dann schon so Nummern, wo ich wo ich dann das Gefühl habe, die würde ich jetzt gerne noch in 20 Jahren singen und das sind sicherlich „Liebe hat nicht ewig Zeit“ oder „Schwesterherz„. Und ansonsten freue ich mich vor allen Dingen, was um den Song „Lass dich nicht ficken“ so passiert ist. Das ist ein Lied gegen digitale Gewalt, und vor allem Frauen und marginalisiert Gruppen haben zu dem Song ihre Hasskommentare offengelegt.
Frontstage Magazine: Wie würdest du das Album mit 3 Worten beschreiben?
Bosse: Ich würde sagen: Haltung, Empowerment und Echt.
Frontstage Magazine: So, es ist ja jetzt das 10. Album. Wie schaffst du es eigentlich überhaupt, immer wieder neue Inspiration zu finden, und dass es auch nach Bosse klingt, ohne dass es so klingt, als hättest du einfach frühere Werke „frisch aufgegossen“? Weil es gibt ja Künstler, wenn die so 10/20 Jahre dabei sind, klingt es ab irgendeinem Zeitpunkt bei vielen, als wäre es einfach nur ein frischer Aufguss von alten Sachen. Und bei dir klingt es ja nach dir, ohne dass es so klingt, als würdest du es bei dir selber irgendwie abkupfern oder einfach nur so Schema F durchziehen.
Bosse: Ich glaube, wenn man dann irgendwie das Gefühl hat, es kommt nichts mehr raus, dann ist es vielleicht Zeit, mal wirklich eine längere Pause zu machen. Ich finde dauernd Themen, die neu sind und mich inspirieren. Die Gesellschaft und das Weltgeschehen bieten ziemlich viele Themen, die mir auf dem Herzen brennen.
Frontstage Magazine: Wie hat sich denn dein Songwriting über die Jahre verändert?
Bosse: Gar nicht.
Frontstage Magazine: Gar nicht? Gehst du noch genauso ran wie vor 20 Jahren?
Bosse: Also ich brauche ein weißes Blatt Papier, ein Klavier und eine Gitarre und da entscheidet sich erstmal alles und wie das am Ende klingt und wie das aufgenommen ist und in welche Musikrichtung ich das lege, das ist dann noch mal was anderes, aber die Wahrheit entsteht im ganz Kleinen und das mache ich schon, seitdem ich 13 bin.
Frontstage Magazine: Wie bewahrst du dir denn die Freude an der Musik, besonders in so einer Zeit, wo es so schnelllebig ist und die Leute so eine Aufmerksamkeitsspanne von einem TikTok-Video haben?
Bosse: Ja, also die Welt suggeriert einem das ja, also gerade die Algorithmuswelt, und ich merke dann aber immer wieder, dass das nicht die Wahrheit ist. Also dass die Leute, die meine Musik hören, das merke ich dann auch genau bei so Pre-Listening-Abenden, aber auch bei Konzerten, sind schon interessiert daran, sich ein ganzes Werk anzuhören, also ein ganzes Album. Die nehmen sich Zeit und wissen, dass die Songs sich bedingen. Und die dürfen auch gern länger sein als 2 Minuten.
Frontstage Magazine: Manchmal hat man den Eindruck, dass Leute mittlerweile Musik wirklich nur produzieren, damit sie in irgendwelche Videos passt. Damit Leute da irgendwelche Reactions machen oder sonstiges. Vielleicht bin ich auch da ein bisschen zu alt…
Bosse: Es ist eben alles sehr technisch geworden. Und genau, ich musste in den letzten 20 Jahren – so lange mache ich das jetzt – immer schon mal gucken: Wo ist eigentlich mein Platz? Und wie geht es weiter? Und wo macht das im Außen noch Bock? Und wo macht das vielleicht doch keinen Bock mehr? Wo mache ich mit, wo mache ich nicht mit?
Ich nutze die sozialen Medien eigentlich schon ausgiebig, weil ich es auf der einen Seite eben auch schön finde, Videos zu machen und Schnipsel aus meinen Songs zu präsentieren und Reels und TikToks aufzunehmen. Ich hätte mich damals mit 17 gefreut, wenn es die Möglichkeit gegeben hätte. Damals hat man mit der VHS irgendwie 5000 Mark bezahlt, damit das irgendwie so ähnlich ist. Ich finde es eigentlich schon ganz toll.
Aber diese ganze Verknappung nervt einfach.
Frontstage Magazine: Im Rückblick auf deine Diskografie: Gibt es ein Album oder einzelne Songs, auf die du besonders stolz bist? Oder einen, den du heute ganz anders machen würdest?
Bosse: Es gibt ein paar Lieder über die ich mich wirklich freue. Meistens wenn die Songs ehrlich und wahrhaftig sind.
„Frankfurt/Oder“ ist ein Lied von meinem zweiten Album, das ich damals – weil es keine Sau interessiert hat – von der Plattenfirma zurückgekauft habe als einzigen Song. Und ich hab den dann auf dem vierten Album nochmal gemacht. Und der ist jetzt gerade der erfolgreichste Song aller Zeiten in Holland geworden. Der Song trägt sich irgendwie weiter.
Frontstage Magazine: Wie ist es für dich, wenn jemand anderes deinen Song neu interpretiert?
Bosse: Auf Holländisch klingt das toll.
Frontstage Magazine: Abes es ist ja ein sehr persönlicher Song…
Bosse: Es ist ein Song über die Heimatstadt meiner Oma. Die Holländische Band hat dann über Seeland getextet. Ganz toll. Ich habe die vor Jahren mal auf einem riesen Konzert besucht und alle haben „Zoutelande“ mitgesungen.
Frontstage Magazine: Freust du dich auf die kommende Tour?
Bosse: Ja, richtig dolle. Das ist das einzig Wahre.
Frontstage Magazine: Jeder, der dich live gesehen hat, merkt das bei dir. Das sieht man direkt ab dem ersten Song.
Bosse: So muss das.
Frontstage Magazine: Wie stellst du deine Setlist für die Tour zusammen?
Bosse: Ich denke, wir spielen so fünf bis sieben ganz neue – plus acht Klassiker. Dann bleiben noch so sieben Slots übrig, und da gibt es dann ein paar Überraschungen.
Frontstage Magazine: Hast du schon mal einen Song live nicht mehr spielen wollen, weil du ihn überhört hast? Ja, Fettes Brot haben beispielsweise mal über ein Jahr lang „Nordisch by Nature“ nicht gespielt.
Bosse: Ich finde, bevor man dann wie Sting „Every Breath You Take“ nur noch als Jazz-Version spielt, weil man es nicht mehr hören kann… dann lieber pausieren.
Wir hatten das mal mit „3 Millionen“. Da haben wir wirklich irgendwann gesagt: „Wir haben den jetzt gefühlt drei Millionen Mal gespielt.“ Und man merkt das dann – nicht unbedingt beim Publikum, aber bei der Band. Wenn die Energie fehlt und alles ein bisschen zusammenfällt. Dann haben wir den mal zwei Jahre rausgenommen, dann hat er wieder Spaß gemacht.
Frontstage Magazine: Vielen Dank für das Interview.
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Fotocredit: Rufus Engelhard