Mit „NOW“ (2021) und „HOPE“ (2023) haben Fury In The Slaughterhouse ihr Comeback nicht nur ordentlich, sondern beeindruckend sauber hingestellt: erst Platz 2, dann die erste Nummer 1 der Karriere, flankiert von Spendenaktionen, ausverkauften Hallen und dem Gefühl, dass da gerade eine Band ihre zweite Halbzeit ernst nimmt. „CHANGES“, das nun erscheinende Studioalbum Nummer neun, wird von der Band selbst als „unser erstes richtiges Bandalbum“ bezeichnet – und tatsächlich wirkt die Platte weniger wie ein bloßes Spätwerk-Add-on, sondern wie ein Versuch, den aktuellen Zustand dieser Band festzuhalten.
Fury In The Slaughterhouse sind so eine dieser Bände, die sich an ein paar Fixpunkten meiner eigenen musikalischen Sozialisation festmachen lassen. Mein erster Festivaltag überhaupt: ein eintägiges Open Air 1993 in Löhne, Ostwestfalen – eine Gegend, in der Kultur in dieser Größenordnung eher Ausnahme als Regel ist. Das Line-up damals wirkt aus heutiger Sicht fast wie ein Fiebertraum: PUR, Inner Circle, Terry Hoax – und dazwischen Fury, die für mich zum ersten Mal dieses Gefühl von „größer als alles, was ich bis dahin gesehen habe“ ausgelöst haben. Jahrzehnte später dann der vielleicht gegenteilige Moment: das einzige Autokonzert meines Lebens, Schützenplatz Hannover, Pandemie-Zeit. Fury strecken sich, geben alles, die Scheiben beschlagen, aber so richtig „geil“ ist es nicht – und trotzdem bleibt vor allem eine große Dankbarkeit, dass da überhaupt jemand Kultur ermöglicht, als das Wort „Abstand“ plötzlich wichtiger war als jeder Refrain.
Hymnische Refrains und typische Fury-Melancholie
Die Vorabsingle „9 Lives“ fasst diesen Zustand recht schnörkellos zusammen. „We’re turning 40 and we’ve had #1 and #2 albums – Fury seems to have nine lives“, sagt die Band, und genau davon erzählt der Song: vom Weitermachen, vom Nicht-Aufgeben, vom Staunen darüber, dass noch nicht Schluss ist. Musikalisch ist „9 Lives“ Fury-Kernkompetenz in destillierter Form: große Melodien, ein hymnischer Refrain und eine Prise typischer Fury-Melancholie.
Der Ton ist damit gesetzt und trägt die komplette erste Albumhälfte. Der Opener „Changes“ ist eine sehr typische Fury-Ballade, die genau jene Mischung aus Pathos und Schulterzucken bedient, für die man die Band seit Jahrzehnten kennt. „Youth Is Wasted On The Young“ kippt erfreulicherweise nicht in eine bittere Boomer-Abrechnung, sondern kommt als geradliniger Rocker daher, der eher nach Selbstironie als nach Generationsgraben klingt. „Lost And Found“ fällt im Kontext vielleicht am ehesten ab, ist aber gleichzeitig einer der mutigeren Momente der Platte: der leichte Electro-Einschlag steht der Band überraschend gut, auch wenn nicht jede Idee zu Ende geführt wirkt. „Viva La Revolución“ schließlich versucht spürbar, aus dem starren Fury-Songkorsett auszubrechen – Trompete, anderes Tempo, andere Dramaturgie –, und wird genau dadurch zu einem der klaren Fixpunkte des Albums.
Und auch die zweite Albumhälfte sorgt an vielen Stellen dafür, dass dies hier mehr ist als es die gern bemühte „Solide-Spätwerk“-Floskel vermuten lässt. So schaffte es „Sister Moon“ als verhallte Ballade diese Art von nächtlicher Schwere aufzubauen, die einen kurz in „Haunted Head And Heart“-Gefilde zurückblinzeln lässt, ohne das eigene Songmaterial zu verraten. Stücke wie „When We Were Young“ oder „Sorrowland“ sind dann wieder Fury pur und beschwören auf ziemlich souveräne Art genau jene nostalgischen Momente, für die man diese Band ins Herz geschlossen hat – man bekommt im besten Sinne das, was man erwartet beziehungsweise bestellt hat. Die Produktion des Albums ist dabei durchgängig groß und druckvoll; mit Vincent Sorg sitzt eine ausgewiesene Hitmaschine an den Reglern, die den Songs viel Wucht verpasst, aber hörbar auch dazu neigt, manche spannenden Ecken und Kanten etwas glattzubügeln.
Natürlich: Wer mit Songs wie „Haunted Head And Heart“, „Every Generation Got Its Own Disease“ oder „Enemy Mine“ aufgewachsen ist, hat die Messlatte für Fury-Balladen und -Hymnen sehr hoch hängen. „CHANGES“ reißt diese Latte nicht – und ich glaube, das erwartet auch niemand ernsthaft. Was die Platte aber schafft: Sie fällt nicht in die Falle des reinen Nostalgie-Recyclings.
Im Fazit bleibt für mich: „CHANGES“ ist nicht das Album, mit dem Fury In The Slaughterhouse ihr eigenes Denkmal übertrumpfen. Es ist auch nicht die späte Offenbarung, die alles bisherige Werk neu sortiert. Aber es ist deutlich mehr als „nur“ solide. In seinen besten Momenten erinnert es daran, warum Fury all die Jahre überlebt haben – sie bringen immer wieder Leute zusammen, die sonst nur selten dieselbe Playlist teilen würden. Sei es in Löhne 1993 oder auf dem Hannoveraner Schützenplatz 2020.
Fotocredit: Olaf Gebert