Abramowicz gehören zu jenen Bands, die sich in der deutschen Rock- und Punkszene nie aufdrängen mussten, um respektiert zu werden. Seit ihrer Gründung 2010 stehen sie für handgemachten, emotionsgeladenen Sound irgendwo zwischen The Gaslight Anthem und nordischer Melancholie. Mit ihrem Album The Modern Times (2019) hatten sie sich bereits einen festen Platz erspielt, doch danach wurde es still. Sechs Jahre lang keine neuen Songs, keine großen Ankündigungen – nur die Gewissheit, dass Abramowicz noch nicht fertig waren. Jetzt melden sie sich mit „Joy Of Missing Out“ zurück.
Abramowicz waren schon immer in der Lage, Musik ohne Haltbarkeitsdatum zu schreiben. Auch ihr letztes Album aus 2019 hört sich immer noch frisch an und rotiert seit der Comeback-Ankündigung wieder häufig auf meinem Plattenteller. Mit „Joy Of Missing Out“ setzen sie diese Qualität fort – und gehen dabei noch einen Schritt weiter. Die Band ist gewachsen, sowohl personell als auch klanglich: Neuzugang Nico Thiel erweitert mit seiner dritten Gitarre den Sound, während Synthesizer, Bläser, Streicher noch mehr Raum gegeben wird.
Angekommen, nicht gelangweilt
Das Album trägt seinen Titel zu Recht: „Joy Of Missing Out“ klingt wie eine bewusste Entscheidung gegen den Druck, immer präsent sein zu müssen. Die zwölf Songs wurden komplett in Eigenregie im Proberaum aufgenommen – ohne äußeren Druck, ohne Studio-Zeitplan, alles im eigenen Tempo. Das Ergebnis ist ein Album, das „angekommen“ wirkt, ohne dabei träge zu werden. Da haben sich sieben Jahre Warterei also mal wirklich gelohnt.
Mit „Entering Monster City“ und dem abschließenden „Leaving Monster City“ rahmen Abramowicz die Reise: Geschichten über Rastlosigkeit, diese wunderbare Bekanntschaft von damals, die Getriebenheit der Jugend – gegossen in Songs, die im allerbesten Sinne unaufgeregt sind, die einen in den Arm nehmen und immer wieder in Refrains münden, die man direkt mitsingen möchte.
Schlüsselmomente
Es ist verdammt schwer die Schlüsselmomente des Albums auszumachen. Der Output ist einfach unfassbar gut und lässt einen ins Referenz-Regal zwischen The Gaslight Anthem und Sam Fender greifen. Sei es das Synthie-getränkte „Money Takes“, das mit Saxofon-Sound veredelte „The Quiet“ oder Uptempo Hit „Orange Lemonade“. Hymnen reihen sich an Hits und umgekehrt. Doch laut Band gab es ihn doch, den Keytrack: „Hunter“: Er zeichnet das Porträt einer verlorenen Generation zwischen Großstadtromantik und Sinnsuche. „Bobby said / let’s have another round“ wird zum Mantra für alle, die spüren, dass es nicht immer leicht ist, „gut“ zu bleiben in einer Welt voller Oberflächlichkeiten und dem Traum vom schnellen Ruhm. Sänger Sören Warkentin erzählt, dass „Hunter“ für die Band ein musikalischer Aufbruch war:
„Die Songs waren anfangs im Schreibprozess noch sehr nah an den Sound unseres Debüts angelehnt. Bei ‚Hunter‘ aber haben wir uns getraut, ‚the beauty of the simple‘ einfach für sich stehen zu lassen. Das Lo-Fi Schlagzeug aus der Demo, einfach drei Akkorde und (endlich) ein Saxofon. Punkt.“
Sänger Sören Warkentin
Und dann ist da natürlich noch meine persönliche Empfehlung, die 2026 den Weg auf jedes meiner Mixtapes finden würde, wenn ich denn noch welche machen würde. Und zwar das umwerfend schöne „Mercimek Forever“, ein Duett mit JULE. Genau die Jule deren beiden Platten ich in meinen Reviews hier so dermaßen abgefeiert habe. Hier sorgt sie für einen Sprachwechsel zwischen Englisch und Deutsch. Das das so überragend funktioniert, liegt nicht zuletzt an Warkentins raspelnd-rauer Stimme, welche natürlich auch Fixpunkt im Klangbild von Abramowicz ist.
Zum Glück ist diese Band wieder da – auch wenn sie eigentlich gar nicht weg gewesen ist.
Fotocredit: Marcel Huth