„CO.WAR.DICE“ (VÖ: 22.05.2026) klingt wie ein Schlachtruf – und genau so fühlt es sich an. Nach sieben Jahren Funkstille melden sich Marmozets zurück. Doch wer jetzt einen weichgespülten Nostalgie-Act erwartet, irrt gewaltig. Die Band liefert kein nostalgisches Aufwärmen ab, sondern vertont ihren eigenen Neustart: Kompromisslos, kantig und voller Hooks. Die Entstehungsgeschichte des Albums ist so organisch wie sein Sound. Nach familiären Einschnitten – Becca und Jack wurden Eltern, die Band legte eine Pause ein – fand die Rückkehr ganz unspektakulär an einem ruhigen Freitagabend statt. Was als entspanntes Wiederfinden begann, setzte eine kreative Kettenreaktion in Gang. Aufgenommen unter anderem mit Produzent Johnathan Gilmore in der Nähe von Leeds, kanalisiert „CO.WAR.DICE“ die ursprüngliche Wildheit der Band in heavy, hook-geladene Punchlines. Marmozets sind ihren Wurzeln treu geblieben und zugleich mutig vorangegangen. Als Teenager waren sie gespannt darauf, wohin der Weg sie führen würde; jetzt, als Erwachsene, fletschen die einstigen „Baby“-Marmozets mit klarer Absicht die Zähne, getrieben von einer eindeutigen Ambition und bereit, die Welt erneut zu erobern.
Eine tiefgehende Reise durch das Album
Der Einstieg gelingt mit „A Kiss From A Mother“, das wie ein energiegeladener Mix aus Alternative Rock und Post-Hardcore fungiert. Die treibenden, kantigen Gitarrenriffs stehen hier im Vordergrund, untermalt von einem leicht „schrägen“ Rhythmus. Die Botschaft ist ein strenger, aber gut gemeinter Rat: „Act on what you hear“. Es ist ein Weckruf, ehrlich zu sich selbst zu sein, statt sich von falschen Einflüssen leiten zu lassen. Darauf folgt mit „New York“ ein Track, der die rohe Energie von Marmozets perfekt einfängt. Mit Punk-Einflüssen und komplexen Songstrukturen verarbeitet die Band ihre chaotischen, prägenden Erfahrungen in der US-Metropole. Der Song vermittelt das Gefühl von Reizüberflutung und emotionaler Abstumpfung in einer Stadt, die gleichzeitig verschlingt und inspiriert.
Zwischen Melodie und emotionalem Ausbruch
„Cut Back“ bewegt sich daraufhin in der bewährten Komfortzone zwischen aggressivem Post-Hardcore und hymnischen Melodien. Inhaltlich geht es hier um das Bedürfnis nach Reduktion und die Suche nach einem klareren, natürlicheren Zustand. Ein Kontrastprogramm bietet „Swear I’m Alive“, das atmosphärisch und verträumt beginnt. Becca Bottomley zeigt hier eindrucksvoll ihr gesangliches Spektrum, wenn sie sich zwischen ruhigen Strophen und dynamischen, hoch energetischen Refrains entfaltet – ein Song, in dem man sich wunderbar verlieren kann. Ähnlich befreiend wirkt „Running With The Sun In Your Eyes“, eine euphorische Hymne auf die Freiheit, bei der das Bild der Sonne in den Augen für ein grenzenloses Glücksgefühl steht.
Abwechslungsreiche Klangwelten: Vom Minimalismus bis zum Punk
Die Mitte des Albums hält eine Überraschung bereit: „Dandy“ reduziert den Sound auf eine Akustikgitarre und puren Gesang. Dieser minimalistische Moment stellt das stimmliche Talent in den Mittelpunkt und beweist, dass es für einen tiefen Eindruck keine laute Produktion braucht. Doch die Ruhe ist nur von kurzer Dauer: „Like Last Night“ bringt mit treibendem Schlagzeug und packenden Riffs den rebellischen Punk-Vibe zurück, der förmlich nach den kommenden Konzertbühnen ruft. Als absolutes Highlight fungiert „Mes Désirs“. Der Song baut einen dichten Klangteppich auf, in dem die Vocals mit einer Leichtigkeit in schwindelerregende Höhen schießen, die absolutes Ohrwurm-Potenzial besitzt.
Das große Finale
In der zweiten Hälfte des Albums schärfen Marmozets ihr Profil weiter: „You Want The Truth“ ist ein kantiger, Post-Hardcore-lastiger Kommentar auf die moderne Wahrheitsfindung in Zeiten von Fake News und Social Media. Es folgt „Flowerz“, das durch ständige Wechsel zwischen druckvollen Soundwänden und gefühlvollen Passagen eine enorme Tiefe erzeugt und experimentierfreudig bleibt. Den Abschluss bildet der 7:34-minütige Epos „Keep Going Darling“. Als längster Song des Albums vereint er alles, wofür diese Band steht: Euphorie, rebellischen Punk-Spirit und eine immense emotionale Dynamik. Er baut eine Spannung auf, die sich in gewaltigen Refrains entlädt, bevor das Album mit warmen Klängen sanft in die Realität zurückführt.
Fazit
Mit „CO.WAR.DICE“ ist Marmozets ein beeindruckendes Comeback geglückt, das keine Zweifel an ihrer Relevanz lässt. Das Album ist ein in sich geschlossenes, mutiges Statement, das mühelos zwischen roher Energie und emotionaler Tiefe navigiert. Wer auf kompromisslose Rockmusik steht, die zugleich vor technischer Finesse und purer Leidenschaft strotzt, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Marmozets sind zurück – stärker, klarer und hungriger denn je. Ein absolut starkes Album, das von der ersten bis zur letzten Minute überzeugt.
Fotocredit: Albumcover / Artwork