Annie Taylor, das Züricher Indie-Rock-Quartett, liefert mit dem am 22. Mai 2026 erscheinenden dritten Album „Out Of Scale“ (via Clouds Hill Records) nicht nur den Beweis für künstlerische Weiterentwicklung, sondern auch einen packenden Soundtrack für die komplizierten Momente des Lebens. Entstanden zwischen der Hektik einer US-Tour und der sommerlichen Leere Zürichs, ist dieses Werk ein rohes, intimes Dokument chaotischer Beziehungen und großer Träume. Es ist ein Album, das schwierigen Zeiten Raum gibt, aber eben auch jene lebensbejahende Energie versprüht, die die Band schon auf Bühnen von SXSW bis zum Reeperbahn Festival zu einer festen Größe gemacht hat. Die Erwartungen an das neue Werk der Band sind dem entsprechend riesig. Wer Courtney Barnett oder Wet Leg schätzt, wird hier eine neue Heimat finden.
Ein energetischer Start und sommerliche Vibes
Die Reise beginnt furios mit „Alligator“: Ein treibender Grunge-Indie-Mix, der mit schnellen Drums und messerscharfen Gitarren einsteigt. Gini Jungis Gesang wirkt hier besonders eindringlich und fordernd – eine Hymne auf die Selbstermächtigung, die sich abrupt in den nächsten Song entlädt. Danach schalten Annie Taylor in einen sommerlichen Road-Trip-Modus: „Something Ain’t Right“ besticht durch eine wohlige, groovige Gitarrenmelodie und einen Refrain, der sich sofort als Ohrwurm festsetzt.
Zwischen Euphorie, Melancholie und psychedelischem Rausch
Mit „Lucidity“ wird es atmosphärischer. Der Song balanciert geschickt auf dem schmalen Grat zwischen Indie-Rock und psychedelischer Benommenheit; der hektische Rhythmus spiegelt dabei perfekt das Gefühl wider, sich in einer langen, ungeplanten Nacht zwischen Euphorie und emotionaler Verwirrung zu verlieren. „Fire“ hingegen zeigt die Band von einer warmen, fast retro-verliebten Seite, bevor der Song im Refrain eine wunderbare Sounddichte erreicht, in der Gini Jungis Stimme ihre ganze Wandelbarkeit entfalten kann.„That City“ führt diesen verträumten Faden fort: Ein Song, der zum Fallenlassen einlädt, mit einer angenehmen Indie-Soundlandschaft, die gegen Ende eine fast spürbare, spannungsgeladene Dichte entwickelt.
Emotionaler Tiefgang
In der Mitte des Albums zeigt „The Cure“ einen leicht garage-rockigen Einschlag, der die raue Seite von Annie Taylor betont, während „Overload“ ein absolutes Highlight markiert: Das atmosphärische Intro fokussiert sich ganz auf die fragile Stimme, bevor sich der Track in einen kraftvollen, dynamischen Refrain steigert, der den Hörer regelrecht umarmt. Melancholischer wird es bei „The Ocean“, das von einer schmerzhaften emotionalen Abhängigkeit erzählt – verzerrte Gitarren und eine gewisse musikalische Schwere machen den Schmerz der Lyrics beinahe physisch spürbar.
„Silence“ hingegen ist ein Wechselspiel aus atmosphärischen Momenten und kantigen, verzerrten Riffs, die von einer sanften Stimme kontrastiert werden. „What Do You Have To Sell“ ist vielleicht der intensivste Moment des Albums: Das ständige Auf und Ab im Tempo, gepaart mit einer fast verzweifelt wirkenden Kraft in der Stimme, unterstreicht die thematische Schwere des Songs. Den Abschluss bildet „Places“, ein atmosphärischer Indie-Grunge-Track, der alle Stärken der Band – die wohlige Wärme, das präzise Zusammenspiel und die emotionale Ehrlichkeit – noch einmal in einem harmonischen Finale bündelt.
Fazit
Mit „Out Of Scale“ haben Annie Taylor ein stimmiges und faszinierendes Gesamtkunstwerk geschaffen, das die perfekte Balance zwischen wilder Energie und reflektierter Melancholie findet. Auch wenn die Songstrukturen hier und da eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, überzeugt das Album durch seine enorme atmosphärische Dichte und den warmen, sommerlichen Sound, der das Zeug zum Dauerbrenner in den Playlists hat. Die Band hat sich erneut geschärft und zementiert ihren Ruf als einer der spannendsten Acts in der aktuellen Indie-Rock- und Grunge-Landschaft. Es ist ein Album, das dazu motiviert, den Stillstand zu überwinden und immer wieder mutig eigene Wege zu gehen – ein mehr als gelungener Wurf.
ANNIE TAYLOR – OUT OF SCALE-TOUR:
22.05.2026 – Zürich, Plaza
24.05.2026 – Mainz, Open Ohr Festival
28.05.2026 – Luzern, Schüür
29.05.2026 – Solothurn, Kofmehl
18.06.2026 – Bern, Rössli
11.07.2026 – Hamm, Openair Hamm
08.08.2026 – Schierling, Labertal Festival
27.08.2026 – Dortmund, Subrosa
28.08.2026 – Hamburg, Molotow
29.08.2026 – Lehrte, Zytanien Festival
01.09.2026 – Dresden, Ostpol
02.09.2026 – München, Milla
03.09.2026 – Graz, Music-House
04.09.2026 – Wien, Kramladen
05.09.2026 – Bad Sulza, Saalpartie
08.09.2026 – Köln, Bumann & Sohn
11.09.2026 – Berlin, Cassiopeia
12.09.2026 – Marburg, KFZ
13.09.2026 – Antwerpen, Djingel Djangel
Fotocredit: Albumcover / Artwork