„Doei AIRBEAT ONE“ hieß es am Sonntagmorgen um 05:00 Uhr, als auf dem Flugplatz Neustadt-Glewe zum letzten Mal die Bässe verstummten. Vier Nächte, drei Tage, 210.000 Menschen – die 23. Ausgabe von Deutschlands größtem Elektro-Festival stellte vom 8. bis 12. Juli 2026 einen neuen Besucherrekord auf und machte den ehemaligen Militärflugplatz erneut zur größten Party Norddeutschlands. Nach Spanien im letzten Jahr ging die Reise diesmal unter dem Motto „Welkom in Nederland – The Home of Electronic Music!“ in die Niederlande, und man merkte sofort: Sebastian Eggert und sein Team haben sich auch dieses Jahr wieder an ihrem großen Vorbild Tomorrowland orientiert, ohne sich dabei zu verstecken.
Die Handschrift des Mottos zog sich konsequent durchs gesamte Gelände. Die Mainstage, 180 Meter breit und 45 Meter hoch, verwandelte sich in eine gigantische orangefarbene Windmühle, das Terminal mutierte zum Amsterdamer Club, und die Harder Stage bekam mit einem riesigen Löwenkopf – dem Wappentier der Grafschaft Holland – ihr eigenes Wahrzeichen. Dass dabei musikalisch kaum niederländische Künstler im Line-up standen, war laut Veranstalter Eggert bewusst so gewollt: Das Motto gibt die Optik und das Thema des Jahres vor, nicht zwingend die Bookings.
Musikalisch setzte die AIRBEAT ONE 2026 einen klaren Schwerpunkt auf Hard-Techno, spürbar vor allem auf der Arena Stage: Kobosil, 999999999, Clara Cuvé, I Hate Models und Schrotthagen lieferten sich hier über das Wochenende ein wahres Feuerwerk an düsteren, treibenden Sets, das Zelt war bei fast jedem Slot bis auf den letzten Meter gefüllt. Auf der Mainstage setzte die Techno-Fraktion mit gleich drei der einflussreichsten Künstlerinnen der Welt ein Statement: Charlotte de Witte, Amelie Lens und Lilly Palmer gehörten zu den absoluten Highlights des Wochenendes und unterstrichen, dass in diesem Jahr noch bewusster auf weibliche Acts im Line-up geachtet wurde. Die Sets zogen die Massen an und bewiesen einmal mehr, warum diese Künstlerinnen zu den gefragtesten Techno-DJs der Gegenwart zählen.
Auch abseits der Techno-Schiene gab es starke Momente: Neelix zog am frühen Abend auf der Mainstage mit seinem treibenden Psy-/Progressive-Sound die Massen an, noch bevor der Abend richtig losging – ein Slot, der Jahr für Jahr zu den verlässlichsten Highlights zählt. Brennan Heart bewies als reiner Hardstyle-Act auf der großen Bühne, dass er auch im Netherlands-Jahr zu Recht als Aushängeschild der niederländischen Szene gilt. Boris Brejcha, Artbat, W&W und Marlon Hoffstadt rundeten das Mainstage-Programm ab, während die Harder Stage mit Angerfist, D-Block & S-te-Fan und dem Hardtechno-Abschlussset von Fantasm am Sonntagmorgen den fulminanten Schlusspunkt des gesamten Festivals setzte. Auf der Second Stage sorgte unter anderem Ben Nicky für Trance-Eskalation, während sich Groove Castle mit Pegassi und Trancemaster Krause als Anlaufstelle für Melodic- und Progressive-Fans etablierte. Der Höhepunkt des Wochenendes war und blieb aber der Auftritt von Scooter in der Nacht zum Sonntag, der wie gewohnt das gesamte Gelände zum Beben brachte, bevor das große Abschlussfeuerwerk, erneut ein visueller Gänsehautmoment, den Ausklang einläutete.
Abseits der großen Bühnen war die neu eingeführte Forest Area das Überraschungshighlight des Festivals. Über eine Brücke vom Hauptgelände abgetrennt und mitten in die Natur eingebettet, entstand hier mit der The Face Bühne ein eigener Rückzugsort mit viel Platz, stimmungsvoller Lichtshow und einer Atmosphäre, die sich spürbar vom Trubel des restlichen Geländes abhob – nachts kam dieser Bereich am besten zur Geltung. Ebenfalls neu: die Festivalplaza, die Camping- und Festivalerlebnis zusammenführte. Mit Food-Ständen, Sponsoren-Aktivierungen, Chill-Flächen und einer eigenen Bühne im ikonischen Rave-Bus wurde die Plaza schnell zum zentralen Treffpunkt, wie es der Veranstalter im Vorfeld versprochen hatte.
Auch das Wetter spielte mit: Durchgehend Sonne, Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad, kein Regen. Das Publikum präsentierte sich dabei so international wie gewohnt – neben Gästen aus ganz Deutschland reisten auch viele Besucher aus den Nachbarländern an, insgesamt kamen laut Veranstalter Gäste aus über 60 Ländern nach Mecklenburg-Vorpommern.
Trotz der insgesamt starken Bilanz gab es auch dieses Jahr Punkte mit Luft nach oben: Die Anreise gestaltete sich erneut zäh, mehrere Campingflächen liefen mehrfach voll, bevor kurzfristig neue Flächen ohne durchdachte Stichwege erschlossen wurden – das kostete unnötig Zeit und Nerven. Auch bei nur zwei Duschcamps auf dem Maincamp wird bei aktuellen Besucherzahlen der Engpass spürbar; ein drittes Camp würde Wartezeiten und Laufwege spürbar entzerren. Positiv: Die meisten Gäste hielten ihre Campingflächen sauber, zusätzliche Müllstationen und ein Pfandsystem für zurückgelassene Sofas und Kühlschränke könnten das ohnehin gute Bild aber weiter verbessern.
Ansonsten überzeugte die AIRBEAT ONE 2026 auf ganzer Linie: durchdachtes Bühnendesign, genug Platz vor den Acts, starker Sound, beeindruckende Licht- und Pyroshows und akzeptable Wartezeiten an Ständen und Bars.
Die Reise geht weiter, und zwar größer als je zuvor: 2027 feiert die AIRBEAT ONE ihr 25-jähriges Jubiläum unter dem Motto „Australien“. Vom 7. bis 11. Juli 2027 verwandelt sich der Flugplatz Neustadt-Glewe erneut in eine komplett neue Themenwelt – und zum Geburtstag gibt’s gleich ein besonderes Geschenk an die Community: Aus dem bisherigen Mittwoch, der bislang lediglich als Eröffnungsabend mit wenigen geöffneten Bühnen diente, wird ein vollwertiger vierter Festivaltag mit eigenem Programm über das gesamte Gelände. Besonders erfreulich dabei: Die Ticketpreise bleiben trotz des zusätzlichen Tages und des Jubiläumsjahres stabil. Der Vorverkauf für 2027 hat bereits am 13. Juli 2026 begonnen.
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Fotocredit: Sven Mense