Sechsunddreißig Jahre, tausende Nächte im Bus, Bier in der Luft und drei Generationen vorm FOH – und Betontod stellen sich hin und nennen ihr neues Album „Wir fangen jetzt erst an!“. Das klingt nach Floskel, ist bei dieser Band aber eher Drohung als Durchhalteparole. Während andere sich in Best-of-Setlisten einrichten, tun Betontod so, als hätten sie gerade erst den Proberaum aufgeschlossen – und genau so hört sich das an: weniger Rückschau, mehr „noch nicht fertig mit euch“.
Musikalisch bleibt die Gangart vertraut: stadiontauglicher Straßenpunk, Refrains für heisere Kehlen und Fäuste in der Luft, diese spezifische Mischung aus Wut, Pathos und Kumpelhaftigkeit, die die Band seit Jahren durch Clubs und Hallen trägt. Neu ist, wie oft hier die Deckung runtergeht. Zwischen den Gitarrenwänden blitzen Momente auf, in denen die Stimme kurz bricht und man merkt, dass da Leute singen, die längst wissen, wie sich Abschied anfühlt – von Menschen, von Städten, von der eigenen Unverwundbarkeit. Songs über das Älterwerden ohne Weichzeichner, über Aufbruch, obwohl das Navi längst jede Ausfahrt kennt, und über die Frage, was übrig bleibt, wenn man sein halbes Leben auf Lärm gebaut hat.
„All die schönen Menschen“ setzt den Ton der Platte ziemlich unmissverständlich. Der erste Vorabtrack ist eine wütende, mitreißende Abrechnung mit denen, die nie im Regen stehen, aber immer im Trockenen unterschreiben: Leute, die nie zur Kasse gebeten werden, während alle anderen die Scherben zusammenkehren dürfen. Der Refrain ist einmal mehr auf maximale Direktheit gemünzt – gebaut für diesen Moment, in dem ein ganzer Saal im selben Satz explodiert. Betontod klingen hier genau so, wie man sie 2026 erwarten darf: routiniert im besten Sinn, aber nicht satt, eher so, als hätten sie noch ein paar Rechnungen offen.
Der Albumtitel wirkt in diesem Kontext weniger wie eine Pose, sondern wie ein Arbeitsbefehl. „Wir fangen jetzt erst an!“ heißt: Kein Schlussstrich, kein nostalgisches Abmoderieren, sondern die Weigerung, die eigene Geschichte schon einmal in Marmor zu gießen. Aus Erfahrung wird Treibstoff, aus den Jahren ein zusätzlicher Gang. Diese Songs wollen nicht ins Regal zu den „Klassikern“, sie wollen raus: auf die „Wir fangen jetzt erst an!“-Tour im Herbst, wenn Betontod mit Rogers und Janiz als Special Guests durch Venlo, Osnabrück, Wiesbaden, München, Leipzig, Berlin, Köln, Hamburg, Stuttgart und Zürich ziehen. Wer sehen will, wie eine Band ihren eigenen Titel ernst nimmt, wird dort ziemlich gute Beweisstücke finden.
BETONTOD – WIR FANGEN JETZT ERST AN! TOUR 2026
Special Guests: Rogers & Janiz (ausgew. Termine)
- 02.10. Venlo (NL) · Grenswerk
- 03.10. Osnabrück · Rosenhof
- 09.10. Wiesbaden · Schlachthof
- 10.10. München · Tonhalle
- 16.10. Leipzig · Haus Auensee
- 17.10. Berlin · Columbiahalle
- 23.10. Köln · Palladium
- 24.10. Hamburg · Georg Elser Halle
- 30.10. Stuttgart · Wagenhallen
- 31.10. Zürich (CH) · Komplex 457
Fotocredit: Boris Breuer