Wer Between Bodies im Jahr 2026 noch als „Geheimtipp“ der deutschen Punk- und Indie-Szene bezeichnet, hat die letzten zwei Jahre vermutlich unter einem sehr stillen Stein verbracht. Nach dem vielbeachteten Debüt „Electric Sleep“ (2022) und einem intensiven Tour-Marathon an der Seite von Szene-Größen wie Touché Amoré oder The Get Up Kids, ist das Trio aus Köln, Toronto und Paderborn längst zur Speerspitze einer neuen Generation herangewachsen. Mit ihrem Zweitwerk „Hands To Hold Each Other“ (VÖ 29.05.2026) zementieren sie nun ihren Ruf als eine der spannendsten Formationen des Landes – und darüber hinaus.
Die Anatomie der Verbundenheit
„Hands To Hold Each Other“ wirkt wie aus einem Guss, aufgenommen unter der Regie des renommierten Produzenten Lewis Johns. Between Bodies gelingt hier das Kunststück, den Vibe von 90er-Jahre Emo-Punk-Klassikern mit dem Ideenreichtum von 00er-Jahre Post-Punk zu verweben. Inhaltlich dreht sich alles um Solidarität, Genoss*innenschaft und das gegenseitige Haltgeben in einer fragilen Welt. Getragen wird dieses Konzept vom leidenschaftlichen Gesang, an dem mit Benni, Susan und Chris gleich drei Stimmen beteiligt sind, was den Songs eine enorme Tiefe und verschiedene Perspektiven verleiht.
Wenn Melancholie auf Vorwärtsdrang trifft
Die Reise beginnt mit „Water As A Metaphor“, einem nur 76 Sekunden langen, atmosphärischen Intro. Die schwebenden Gitarrenflächen und der behutsame Gesang fangen das schmerzhafte Gefühl ein, wie zwischenmenschliche Bindungen im Erwachsenwerden wie Wasser durch die Finger rinnen. Doch die Resignation währt nur kurz: „Waves“ bricht mit der Energie des Midwest-Emo über die Hörerschaft herein. Der Track spiegelt klanglich perfekt sein Thema wider – ein ständiges Auf und Ab aus sehnsüchtigen Melodien und rau-emotionalen Ausbrüchen, die wie Wellen gegen die Erschöpfung ankämpfen.
Mit „Annie (21st Century Working Class)“ liefern Between Bodies eine Hymne ab, die durch perfekt harmonierende Instrumentierung und einen extrem einprägsamen Refrain besticht, während die Gitarrenarbeit gegen Ende eine fast schon euphorische Melancholie erzeugt.
Stimmgewaltige Vielfalt und instrumentale Dichte
Direkt im Anschluss zeigt „Milli Writes On Hotel Walls“ die stimmliche Wandlungsfähigkeit der Band. Der Song ist purer Vorwärtsdrang, ein druckvolles Stück moderner Punk-Kunst, das förmlich nach verschwitzten Club-Wänden und Chören aus dem Publikum verlangt.
Dass Between Bodies auch die kurze, rohe Eruption beherrscht, beweist das minimalistische „Chandelier“. Es ist ein fragmentarischer, hektischer Ausbruch, der das Gefühl von Überforderung und Zerbrechlichkeit wie kaum ein anderer Song auf den Punkt bringt. Er dient als perfekter Kontrast zum anschließenden „Bathroom Floor“, der trotz seiner treibenden Drums eine dichte, fast verträumte Klanglandschaft webt, in die man sich trotz der emotionalen Schwere der Lyrics fallen lassen möchte.
Emotionale Ausbrüche und klangliche Weite
Ein absolutes Highlight der Platte ist „I Wanted To Tell You“. Hier zeigt die Band ihre gesamte Range – von flüsternder Introspektion bis hin zu verzweifelten, fast geschrienen Passagen im Refrain. Der Wechsel zwischen fragilen Momenten und brachialer Energie ist beeindruckend und bleibt nachhaltig im Gedächtnis. In eine ähnliche Kerbe schlägt „King’s Head“, das durch einen ansteckenden Rhythmus provoziert und den Wechsel zwischen Dynamik und Ruhe meisterhaft moderiert.
Im letzten Drittel der Platte beweisen Between Bodies mit „False Start“ ihr Händchen für Atmosphäre. Die warme, fast umarmende Stimme des Sängers bildet hier einen wunderbaren Ankerpunkt in einem ansonsten sehr rohen Soundgewand. Auch „Sparrows“ überzeugt durch seine nachdenkliche Grundstimmung und ein Instrumental, das genau den richtigen Raum für die Entfaltung der Melodien lässt.
Der Abschluss einer klanglichen Reise
Kurz vor dem Finale dreht „Long After Midnight“noch einmal richtig auf: Eine nostalgische Mischung aus Pop-Punk-Tempo und tiefgreifender Emo-Nachdenklichkeit, die durch einen ausgedehnten Instrumental-Part veredelt wird. Den krönenden Abschluss bildet das über fünfminütige Epos „New Ways To Stay On Earth“. Es bündelt noch einmal alle Stärken – die Aufbruchstimmung, die dichten Gitarrenwände und die intensive Emotionalität -, um die Zuhörenden schließlich nachdenklich, aber erfüllt in die Stille zu entlassen.
Fazit
Mit „Hands To Hold Each Other“ ist Between Bodies ein Werk gelungen, das ebenso stürmisch wie gefühlvoll ist. Es ist ein Album, das niemanden kalt lässt und beweist, dass Punkrock im Jahr 2026 mehr denn je von Haltung und Empathie lebt. Wer moderne Indie-Punk-Hymnen mit DIY-Spirit sucht, kommt an dieser Veröffentlichung nicht vorbei. Ein intensives, wichtiges Album, das zeigt: Wir sind vielleicht allein, aber wir müssen es nicht ohne einander sein.
Between Bodies – Live 2026:
24.05.2026 – Hamburg, Not Sorry Fest
05.06.2026 – Bremen, Fair Weather Fest
06.06.2026 – Bielefeld, Plan B Forum Takeover
20.06.2026 – Dresden, Farewell Youth Festival
27.06.2026 – Köln, Gebäude 9 (Release Show)
Fotocredit: Albumcover / Artwork