Kiki Annette veröffentlicht ihr Debütalbum. Der Titel „And Scene!“ ist ernst zu nehmen: Es geht um Inszenierung, um Atmosphäre, um eine Bühne, auf der sich Gefühle nicht nur verstecken, sondern zur Darstellung werden. Zwischen Glamour und Abgrund tummelt sich hier ein Pop, der sich nicht zwischen Indie‑Folk‑Noir und Theaterliedern entscheiden will, sondern sich bequem in einem Zwischenraum einrichtet, der an Tamino, Lana Del Rey, Kate Bush oder Leonard Cohen erinnert.
Der Opener „Saint“ ist ein Stück, das man sich erarbeiten muss. Er bohrt sich nicht sofort in den Hinterkopf, sondern zieht sich zurück, sobald man glaubt, ihn zu verstehen. Diese Art von Einstieg ist typisch für eine Künstlerin, die sich mehr als Filmemacherin denn als Reassurance‑Maschine versteht. Track zwei, „Arrows“, ist der Punkt, an dem die Kate‑Bush‑Referenz wirklich greifbar wird – nicht im Sinne eines Nachahmens, sondern als eine Art geistiger Nachbarschaft. Alles etwas näher am Klangtheater als am klassischen Popchor. Und doch bleibt unter der theatralischen Schicht eine sehr klare, hypnotische Eingängigkeit, die sich hartnäckig im Hintergrund hält.
„Icarus“ ist einer jener Songs, in denen man nicht mehr klar trennen kann zwischen Interpretation und Komposition. Die Stimme steht hier so im Vordergrund, dass sie fast wie ein fünftes Instrument wirkt, das sich selbst reguliert, bricht und doch nicht untergeht. Ganz anders wirkt „Marlene“, der Song, der sich am ehesten als der Popmoment des Albums zu erkennen gibt – auf einer ansonsten eher getragenen und kunstvollen Platte. „Marlene“ ist nicht einfacher, sondern klarer; nicht weniger kunstvoll, sondern erfahrener in seiner Unmittelbarkeit. Hier klingt Kiki Annette, als würde sie sich selbst zulächeln, ohne die eigene Ernsthaftigkeit zu verlieren. Die Melodie ist eingängig, aber nicht konventionell, und die Texte bleiben ironisch beobachtbar, als würde sie sich gleichzeitig von der Bühne aus selbst beobachten. „Marlene“ ist der Moment, in dem man sich, vielleicht unwillkürlich, am nächsten zum Radio fühlt – ohne dass das Album dadurch an Tiefe verlieren würde.
Das gesamte Album lebt von einem beständigen Wechsel zwischen zarten, leisen Arrangements und breiteren, fast filmischen Klangfarben. Diese Ambiguität ist Teil des Reizes. „And Scene!“ weist keine klare Richtung aus, das ist bewusst so: Es ist kein Album, das sich in ein Genre einfügt, sondern eines, das sich darin gefällt, sich zwischen verschiedenen Codes zu bewegen. Das ist, zumindest stilistisch, sehr nah an der Art von Arthouse‑Pop, den man sonst eher bei Künstlerinnen wie Lana Del Rey oder Joni Mitchell – oder eben Tamino – vermutet: emotional unverblümt, aber künstlerisch kontrolliert.
Fotocredit: Charlie Wright