Das Festival feierte am 31.07. und 01.08.2026 seinen 18. Geburtstag und sorgt mit einigen Überraschungen und zwei vollen Festivaltagen für beste Stimmung
Es gibt Festivals, die jedes Jahr mit den größten Headlinern werben. Und dann gibt es das Green Juice Festival. Seit der Premiere 2008 ist das Festival im Bonner Stadtteil Neu-Vilich stetig gewachsen, ohne dabei das zu verlieren, was es so besonders macht. Mitten im Wohngebiet entsteht für zwei Tage ein Festivalgelände, auf dem man sich eher wie auf einem großen Nachbarschaftsfest mit hervorragender Musik fühlt als auf einer anonymen Großveranstaltung.
Dass das überhaupt funktioniert, liegt auch an den Veranstaltern, die tatsächlich seit Tag eins dieselben sind – und inzwischen ihren 18. Geburtstag feiern. Immer wieder erinnern sie ihre Gäste daran, Rücksicht auf die Anwohnerinnen und Anwohner zu nehmen – und erstaunlicherweise klappt das sehr gut. Gerade dieser respektvolle Umgang zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Wochenende. Nicht nur gegenüber der Nachbarschaft, sondern auch auf dem Gelände selbst.
Mittlerweile gehört zum Green Juice längst mehr als nur die Hauptbühne. Mit der Rookie Stage, dem 1LIVE-Sektorbus, zahlreichen NGO-Ständen und dem Campingplatz ganz in der Nähe des Geländes ist das Festival über die Jahre gewachsen, ohne seinen familiären Charakter einzubüßen. Wer bereits am Donnerstag anreiste, konnte das Wochenende entspannt beginnen – auch wenn der Donnerstag noch recht ungemütlich war und der Wind zu einer kurzfristigen Räumung der Campingfläche führte.
Freitag: Früh schon erste Pits – eine Unterbrechung und riesige Party bei Skindred
Als Ria Rausch am Freitagmittag die Hauptbühne eröffnete, war der Platz erwartungsgemäß noch überschaubar gefüllt. Ein Festivalbeginn um 13 Uhr ist für viele wegen der Arbeit oder der Anreise einfach schwer zu schaffen. Trotzdem gehört genau dieser frühe Slot zu den Dingen, die das Green Juice ausmachen. Die Menschen, die da sind, haben Lust auf Musik – egal, ob vor hundert oder vor mehreren tausend Zuschauerinnen und Zuschauern gespielt wird.
Van Holzen brauchten anschließend nicht lange, um die ersten kleineren Pits des Wochenendes anzustoßen. Trotz der sommerlichen Temperaturen wurde schnell deutlich, dass das Publikum nicht nur zum Sonnenbaden gekommen war. Die Energie war sofort da und sollte den gesamten Tag über nicht mehr verschwinden.
Während auf der Hauptbühne umgebaut wurde, verteilten sich die Besucher über das Gelände. Einige zog es zum 1LIVE-Sektorbus, andere stöberten durch die NGO-Stände oder suchten sich einen Platz im Schatten. Genau das gefällt am Green Juice jedes Jahr aufs Neue: Obwohl viele Menschen da sind, fühlt sich das Gelände nie überlaufen an. Man findet immer einen ruhigen Platz, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.
Mit Soffie wurde es vor der Bühne deutlich voller. Besonders beim Song „Für immer Frühling“ sang ein großer Teil des Publikums laut mit – einer dieser Momente, bei denen man merkt, dass Musik auf Festivals manchmal einfach verbindet, ganz unabhängig davon, wie lange jemand schon Fan einer Künstlerin ist.
Parallel startete die Rookie Stage in ihren ersten Festivaltag. Viele nutzten die Gelegenheit für eine Pause vom Trubel vor der Hauptbühne, andere blieben bewusst dort, um neue Musik zu entdecken. Genau dafür sind solche Bühnen schließlich da.
Spätestens mit Heisskalt kippte die Stimmung endgültig in Richtung positivem Ausnahmezustand. Der Park Neu-Vilich war inzwischen gut gefüllt, die ersten größeren Pits ließen nicht lange auf sich warten und nahezu jeder Song wurde lautstark mitgesungen. Auffällig war dabei vor allem, wie rücksichtsvoll das Publikum miteinander umging.
Mitten im Set zog plötzlich ein Regenschauer auf – für viele war das bei den hohen Temperaturen eine willkommene Abkühlung. Als allerdings Crewmitglieder kurz vor dem letzten Song zu Sänger Matze auf die Bühne kamen, ahnten einige schon Böses. Das Gelände musste aufgrund eines aufziehenden Unwetters schnellstmöglich geräumt werden.
Viele hatten ein Déjà-vu zum vergangenen Jahr – auch da musste das Gelände geräumt werden. Zum Glück zog das Unwetter vorbei und es blieb bei vereinzelten Regenschauern.
Es dauerte allerdings gut zwei Stunden, bis das Gelände wieder geöffnet werden durfte. Die Veranstalter und Bands fanden jedoch eine Lösung, sodass alle noch geplanten Acts mit kürzerem Set auf der Hauptbühne spielen konnten. Eine wirklich starke Lösung!
Raum27 und Blond mussten anschließend niemandem mehr beweisen, warum sie aktuell auf so vielen Festivalplakaten zu finden sind. Beide Bands lieferten starke Auftritte ab, bei denen das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute mitging. Durch die verkürzten Sets blieb das Tempo dabei von Beginn an hoch.
Quasi als kleine Entschädigung für die Räumung gab es noch eine Überraschung in der Chill Area. OK KID sind aktuell unterwegs und crashen das ein oder andere Festival mit spontanen Pop-up-Konzerten. Wenige Tage vorher fragen sie ihre Community, auf welchem Festival sie überraschend auftreten sollen. Das Green Juice wurde dabei besonders häufig genannt – und so gab es schließlich ein kleines Pop-up-Konzert.
Zum Abschluss wartete mit Skindred ein bewusster Stilbruch. Nach einem Tag voller deutschsprachiger Acts brachte die Band aus Wales eine ganz andere Dynamik auf die Bühne. Viele dürften vorher kaum Berührungspunkte mit der Band gehabt haben – spätestens nach wenigen Minuten spielte das allerdings keine Rolle mehr. Frontmann Benji Webbe hatte das Publikum komplett im Griff und verwandelte den Park Neu-Vilich in eine einzige große Party. Bei Songs wie „Nobody“, „Kill the Power“ oder „Gimme That Boom“ war das allerdings auch keine allzu schwere Aufgabe. Ein würdiger Abschluss für einen ohnehin starken ersten Festivaltag.
Samstag: Spontanes Akustikset, Punkrock und ein großes Finale mit Sonnenuntergang
Der zweite Festivaltag begann ähnlich entspannt wie der erste. Viele Camper hatten bereits die zweite Nacht auf dem Zeltplatz hinter sich, andere reisten aus Bonn oder der Umgebung erneut an. So füllte sich der Park langsam wieder mit Leben. Neben dem ohnehin starken Line-up sollte es außerdem noch eine kleine Überraschung geben.
Inferno eröffneten den Samstag bereits um 12:30 Uhr. Natürlich war das Gelände noch nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, doch genau das hatte seinen eigenen Charme. Die ersten Reihen waren von Menschen besetzt, die ganz bewusst keinen Act verpassen wollten.
Still Talk brachten anschließend ihren melodischen Pop-Punk nach Bonn. Für die Kölner wäre der Weg zum Festival eigentlich kurz gewesen – fast schon ein Heimspiel. Allerdings war die Band morgens um 4 Uhr aus München gestartet, um ihr Set in Bonn spielen zu können. Die Mischung aus eingängigen Refrains und viel Spielfreude funktionierte hervorragend und sorgte dafür, dass vor der Bühne immer mehr Bewegung entstand.
Viele Besucher hatten auf dem Line-up eine Band vermisst, die über die letzten Jahre zu absoluten Stammgästen geworden ist: Blackout Problems. Wie der Zufall es wollte, spielten sie am Abend auf einem Festival ganz in der Nähe. Am Morgen wurde über Social Media verkündet, dass die Jungs auf dem 1LIVE-Bus ein Akustikset spielen würden. Der Platz war bis in die letzte Ecke gefüllt – eine wirklich unglaubliche Stimmung. Sänger Mario ließ es sich außerdem nicht nehmen, trotz Akustikset zu crowdsurfen oder mit dem Mikrofonkabel das Gelände zu vermessen. Man darf jetzt schon gespannt sein, in welcher Form die Jungs im kommenden Jahr beim Green Juice auftauchen werden.
Bruchbude gehörten sicherlich zu den spannendsten Acts des Nachmittags. In den vergangenen Monaten tauchte die Band immer wieder in den sozialen Netzwerken auf – nicht zuletzt wegen ihres Songs mit Das Lumpenpack, der in rechten Online-Bubbles Aufmerksamkeit bekam. Statt sich darüber zu ärgern, machten die vier daraus das Beste und verwandelten viele der Kommentare in unterhaltsamen Content. Auf der Bühne zeigte sich dann ohnehin, worauf es wirklich ankommt. Ihr Mix aus Indie, Rock und Rap passte perfekt zu einem sonnigen Festivalnachmittag. Eine Band, die man definitiv im Auge behalten sollte.
Mit Paula Engels wurde es anschließend etwas ruhiger. Ihre persönlichen Songs bildeten einen angenehmen Kontrast zum bisherigen Programm und sorgten für einen Moment, in dem das Publikum einfach zuhörte. Gerade diese Abwechslung macht das Green Juice aus. Nicht jeder Slot muss eskalieren.
Lange hielt die Ruhe allerdings nicht an. ok.danke.tschüss drehten das Tempo direkt wieder nach oben. Die Band hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich größere Bühnen erspielt und zeigte eindrucksvoll, warum. Wer eigentlich noch eine Pause machen wollte, stand plötzlich doch wieder mitten im Geschehen. Mit ihrem Freestyle zu zufällig vom Publikum genannten Wörtern sowie Songs wie „Laut in der Disko“ oder „Joel“ hatte die Band das Publikum schnell wieder auf ihrer Seite.
Auch die Rookie Stage war am Samstag natürlich wieder fester Bestandteil des Line-ups. Der Podcast „Auf dem Weg“, Juli Gilde, Carli und Hank sorgten auch hier für spannende Newcomer-Momente. Und wer weiß – vielleicht steht in ein oder zwei Jahren einer dieser Acts bereits auf der großen Green Juice Bühne.
Dann folgte Adam Angst. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der Bereich vor der Bühne in ein Meer aus springenden Menschen. Musikalisch gewohnt kompromisslos, inhaltlich ebenso klar. Zwischen den Songs sprachen Felix Schönfuss und David Frings über die politische Entwicklung der vergangenen Monate und machten deutlich, dass Wegschauen keine Option ist. Solche Ansagen gehören beim Green Juice seit Jahren dazu. Das Festival macht kein Geheimnis daraus, wofür es stehen möchte – und das Publikum scheint genau das zu schätzen. Mit „Professoren“ endete ein Auftritt, bei dem sich noch einmal ein wilder Moshpit bildete.
Punkrock blieb anschließend das bestimmende Thema. Deine Cousine legte einen Auftritt hin, der kaum eine Verschnaufpause zuließ. Ina Bredehorn wirbelte über die Bühne, suchte immer wieder den Kontakt zum Publikum und sorgte vom ersten Song an für Bewegung. Wer sie in den letzten Monaten vielleicht nur aus „Sing meinen Song“ kannte, bekam in Bonn gemeinsam mit ihrer Band ihre deutlich lautere Seite zu sehen.
Den Abschluss des Wochenendes übernahmen schließlich The Wombats. Nach einem Tag voller Gitarren, Moshpits und hochsommerlicher Temperaturen wirkte ihr Indie-Rock wie der perfekte Schlusspunkt. Der Sonnenuntergang tat sein Übriges und wirkte fast wie von den Veranstaltern gebucht. Zu Songs wie „Moving to New York“, „Kill the Director“ oder „Greek Tragedy“ wurde noch einmal getanzt, gesungen und gefeiert, bevor langsam die letzten Lichter über dem Park Neu-Vilich ausgingen.
Als sich das Gelände leerte, blieb vor allem eins hängen: Das Green Juice versucht gar nicht, das größte Festival Deutschlands zu sein. Dazu stößt der Platz mitten im Wohngebiet inzwischen wohl langsam an seine Grenzen.
Stattdessen setzt das Festival auf Atmosphäre, gute Organisation und ein Line-up, das jedes Jahr aufs Neue mit großen und kleinen deutschen Bands überrascht. Genau deshalb kommen viele Besucherinnen und Besucher immer wieder zurück.
Und wenn man nach diesen zwei Tagen auf das Wochenende zurückblickt, versteht man ziemlich schnell, warum.
Die Ausgabe 2027 findet am 6. und 7. August 2027 statt. Der Ticketverkauf startet bereits Anfang der Woche.
Fotocredit: Fabian Hafels