Emma Ruth Rundle hat nie zu den Künstlerinnen gehört, die an der Welt vorbeischreiben – aber mit ihrem neuen Album dreht sie den Regler hörbar weiter nach rechts. „These Killing Times“, ihr sechstes Studioalbum, erscheint am 18. September über ihr eigenes Label Errant Child/Cargo Records und wirkt schon auf dem Papier wie ein Manifest: elektrisierend, emotional, durchzogen von anti‑patriarchalem, feministischem Zorn und gedacht als reaktive Anthologie auf eine Gegenwart, die kaum noch Luft zum Durchatmen lässt. Gleichzeitig bewahrt Rundle jene Zartheit, Rohheit und Verletzlichkeit, die „Engine Of Hell“ 2021 zu einem der eindringlichsten Alben ihres bisherigen Werks gemacht haben.
Musikalisch bedeutet „These Killing Times“ eine Rückkehr zum vollen Band‑Setup – und damit zu einem deutlich kräftigeren, unmittelbarer zupackenden Sound. Rundles inzwischen noch direkterer Gesang trifft auf eine Besetzung, die sich wie ein Who’s who der dunkleren, experimentierfreudigen Gitarren- und Avantgarde-Szene liest: Schlagzeugerin Jess Gowrie (Chelsea Wolfe, Mrs. Piss), der langjährige Weggefährte Troy Zeigler, Patrick Shiroishi, Nick Reinhart (Tera Melos), Gina Gleason (Baroness), Marissa Nadler, Lukas Frank (Storefront Church) und Amelia Baker (Cinder Well) bringen ihre jeweiligen Texturen ein. Die Instrumentierung wirkt heller, dringlicher, nervöser als zuvor – und verleiht Rundles Songs eine neue Sogwirkung, die eher nach Aufruhr als nach Rückzug klingt.
Den Auftakt macht die Single „Powerless“ – ein Song, der ursprünglich den Arbeitstitel „Noam Chomsky is Dead to Me“ trug, nachdem die Verbindungen des Intellektuellen zur Epstein- und Milliardärs-Klasse bekannt wurden. Rundle beschreibt den Track als Reaktion auf das stetige Trommelfeuer entmutigender, entmenschlichender Nachrichten: Klimakatastrophen, Völkermord, historisches Justizversagen, der sichtbare Verfall demokratischer Strukturen, die Aushöhlung von Frauen‑, LGBTQIA+‑ und Black-Lives-Rechten, die Entmenschlichung von Migrant*innen und People of Color, Internierungslager in den USA – eine Liste, die sich kaum noch vollständig fassen lässt. „These Killing Times“ versteht sie als Antwort auf genau diese Schrecken: ein Versuch, den eigenen mentalen, emotionalen und spirituellen Schmerz zu benennen, statt ihn zu verschlucken.
Fotocredit: Kristin Kofer