Manche Bands tauchen plötzlich auf und wirken trotzdem, als wären sie schon länger Teil der Szene. NIKRA aus Mannheim gehören genau in diese Kategorie. Aus mehreren EPs heraus gewachsen, mit einer klaren Haltung und einer Sängerin mit Wiedererkennungswert. Produziert wurde ihr Debütalbum „Über beide Ohren“ passenderweise von Mathias Bloech von Heisskalt – einer Band, mit der NIKRA musikalisch durchaus verwandt sind.
Eigentlich wollte ich gar keine Review über NIKRA schreiben. Wirklich nicht. Der Schreibtisch ist voll, das Postfach auch, und irgendwo zwischen drei Pressemails und zwei Festivalankündigungen dachte ich mir: Lass laufen, hör mal kurz rein und geh weiter. Dann lief der erste Song. Und plötzlich war ich wach. Spätestens nach Track zwei war klar: Das hier wird keine kurze Randnotiz. Das hier wird eine Platte, über die man schreiben muss.
NIKRA bewegen sich ziemlich offensichtlich im Fahrwasser von Bands wie FJØRT, Heisskalt oder Adam Angst. Diese Mischung aus Alternative-Rock, Post-Hardcore-Emotion und „Gesellschaftskritik“ is im deutschsprachigen Raum mittlerweile eine eigene kleine Schublade. Passenderweise gibt es auf dem Album auch ein Feature mit Heisskalt – der Song „Bewegen“ ist einer der absoluten Fokustracks der Platte.
Doch während die genannten Referenzen bisweilen auch mal verkopft daherkommen, verfolgen NIKRA einen deutlich melodischeren Ansatz. Diese Band fühlt sich der Melodie verpflichtet – und das ist vielleicht ihre größte Stärke. Die Songs sind kantig, aber nie sperrig. Der Opener „Schieflage“ macht das sofort klar. Ein Gitarrenriff bei dem man musikalisch nichts zu befürchten hat. Dazu kommt Annabelle Müllers Stimme, die mit einer Selbstverständlichkeit durch den Song führt, die man im Alternative-Rock immer noch viel zu selten hört.
Denn NIKRA sind nicht die nächste Gitarrenband, die einfach nur ihre Wut ins Mikro schreit. Die Songs erzählen von einer Generation Mitte Zwanzig, die irgendwo zwischen politischer Schieflage, persönlichen Unsicherheiten und dem Wunsch nach Gemeinschaft versucht, ihren Platz zu finden.
Hörbar auch in „Orbit“, der ersten Single der Band, die mittlerweile ihren festen Platz auf diesem Debüt gefunden hat. Ein Song über emotionale Schleuderkurse, die einen gleichzeitig in den Himmel schießen und auf die Nase fallen lassen. Und dann ist da „Bis ans Ende“, vielleicht der emotionalste Moment der Platte. Ein Song über Nähe, Verletzlichkeit und das Gefühl, dass alles gleichzeitig passieren und verschwinden kann. „Die längste Nacht des Jahres hat fast tausend Minuten / Wir brauchen uns um uns das alles zuzumuten“ – solche Zeilen funktionieren, weil sie zwar kalkuliert anmuten, sich aber echt anfühlen.
„Alles gelogen“ hätte einem auch bei Paula Carolina begegnen können, grenzt sich aber in Attitüde und Gesamtkontext von deren Spaßfaktor ab. Dafür bewegt sich NIKRA zu sehr auf einem ernsten Terrain. Auch wenn da ein Song den Namen „Madonna vs. Britney“ trägt.
Am Ende bleibt ein Debüt, das genau die richtige Balance trifft: „Über beide Ohren“ ist laut und kantig, aber gleichzeitig erstaunlich eingängig. NIKRA beweisen ein feines Gespür für Melodien, die hängen bleiben, ohne ihre Dringlichkeit zu verlieren. Dazu kommen Texte, die nicht um den heißen Brei herumreden, sondern klar benennen, was viele ihrer Generation beschäftigt. Diese Mischung aus melodischer Stärke und lyrischer Deutlichkeit macht das Album zu mehr als nur einem gelungenen Einstand – es ist ein Statement.
NIKRA LIVE 2026
19.03.26 Köln, Artheater
20.03.26 Frankfurt, Nachtleben
21.03.26 Stuttgart, clubCann
26.03.26 Leipzig, Neues Schauspiel
27.03.26 Berlin, Badehaus
28.03.26 Hamburg, Betty
04./05.06. Merkers, Rock Am Berg
25.06. Rottershausen, Ab geht die Lutzi! Festival
24.07. Schrobenhausen, Noisehausen Festival
25.07. Hamm, Kurhausgarten
04./05.09. Osnabrück, Haste Open Air
Fotocredit: Luca Vasi