Es gibt diese Abende, an denen man eine Location zum ersten Mal betritt und nach wenigen Minuten weiß: Das hier wird man sich merken. Das Westwerk Osnabrück ist so ein Ort. Jugendclub, ja – aber mit einem Sound und einem Licht, das manch größerer Club neidisch beäugen dürfte. Warm, klar, aufgeräumt. Das Publikum aufmerksam, engagiert, aber angenehm rücksichtsvoll. Kein Dauer-Gequatsche, keine Ellenbogen – sondern echtes Interesse an der Musik. Gute Voraussetzungen also für den vorletzten Abend der ersten Headline-Tour von STILL TALK.
Bevor die Kölner Bühne und Raum einnehmen, eröffnen Attic Stories den Abend. Eine Band, die stilistisch erstaunlich nah an Still Talk liegt, ohne wie ein Abziehbild zu wirken. Ihr halbstündiges Set funktioniert bestens als Warm-up – nicht zuletzt wegen eines clever platzierten Paramore-Covers („Still Into You“), bei dem sich Still-Talk-Sängerin Tanja Kührer nicht lange bitten lässt und kurzerhand mit auf die Bühne kommt.
STILL TALK selbst stehen an diesem Punkt der Tour sichtbar unter Dauerbelastung. Man merkt: Das hier ist keine frisch gestartete Runde mehr, sondern eine Band, die seit Tagen alles gibt. Dass Gitarristin Keren krankheitsbedingt bei den letzten beiden Shows fehlt, ist bitter – und doch wird aus der Not eine Stärke. Denn immer mal wieder greift Sängerin Tanja selbst zur Gitarre. Und ja: Man hört, dass das nicht ihre Kernkompetenz ist. Sie verspielt sich, verzählt sich, schaut kurz ratlos zur Band. Aber all das ist vollkommen egal. Denn was sie stattdessen besitzt, ist dieses seltene, schwer erklärbare Charisma, das einen Raum sofort einnimmt. Kein Wunder, dass ihr musikalischer Karriereweg sie inzwischen zu einer Frontfrau hat werden lassen.
Das Material von „Year Of The Cat“ trägt den Abend mühelos. „When We Were Young“ bekommt im Westwerk einen fast kämpferischen Unterton, „Blacking Out In TKMaxx“ entfaltet live eine krassere Intensität und der Titelsong ist ohnehin ein Ohrwurm-Hit. Die stärkere Hinwendung zum Pop, die Still Talk inzwischen irgendwo zwischen Jimmy Eat World und Avril Lavigne vom Soundentwurf stehen lässt, fühlt sich auf jeden fall organisch und richtig an. Und diese Gefühl ist nicht nur die Tsärke von Still Talk, man glaubt dieser Band einfach. Nichts wirkt durchchoreografiert, nichts geschniegelt. Kleine Unsicherheiten werden nicht kaschiert, sondern integriert. Gerade in einer Zeit, in der Live-Shows oft perfekt durchoptimiert wirken, fühlt sich das erfrischend echt an. Und das bereits positiv erwähnte Publikum trägt seinen Teil dazu bei. Obwohl die Show definitiv mehr Zuschauer verdient hätte, als sich an diesem winterlichen Sonntagabend in Osnabrück zusammengefunden haben, hatten alle die dort waren sichtbar Spaß und Bock.
Als der Abend sich dem Ende neigt, bleibt das Gefühl, etwas sehr Intimes erlebt zu haben. Nicht trotz, sondern wegen der Umstände: Krankheit, Tourmüdigkeit, Improvisation. Also, wenn ihr Still Talk in naher Zukunft mal live sehen könnt nutzt die Chance, unsere Empfehlung ist gewiss.
Fotocredit: Gideon Rothmann