Hannover. Mehr als zehn Jahre mussten die Fans in Hannover auf diesen Abend warten. Entsprechend groß war die Vorfreude, als Marillion am Samstagabend die Bühne der Gilde Parkbühne betraten. Rund 2.500 Besucher kamen nach Angaben des Veranstalters, um die britischen Progressive-Rock-Legenden live zu erleben – und wurden mit einem Konzert belohnt, das über zwei Stunden lang musikalische Klasse, emotionale Tiefe und eine beeindruckende Bühneninszenierung miteinander verband.
Auf eine Vorband verzichtete die Band bewusst. So gehörte der Abend von der ersten Minute an Marillion. Ohne große Showeffekte, dafür mit einer eindrucksvollen Licht- und Videoproduktion, bauten die fünf Musiker gemeinsam mit Gast-Perkussionist Andy Gangadeen einen Spannungsbogen auf, der das Publikum bis zum letzten Ton fesselte.
Bereits der Auftakt mit „Splintering Heart“ machte deutlich, dass Marillion an diesem Abend keine reine Best-of-Show spielen würden. Mit „The Crow and the Nightingale“ und dem von vielen Fans sehnsüchtig erwarteten „Easter“ folgten zwei Stücke, die exemplarisch für die emotionale Bandbreite der Band stehen. Steve Hogarth verstand es dabei einmal mehr, die Geschichten der Songs nicht nur zu singen, sondern förmlich zu leben. Mal nachdenklich und verletzlich, dann wieder voller Energie, zog der Frontmann das Publikum mit seiner außergewöhnlichen Bühnenpräsenz in den Bann.
Musikalisch präsentierten sich Marillion in beeindruckender Verfassung. Steve Rothery ließ seine Gitarre mit den für ihn typischen melodischen Soli singen, während Keyboarder Mark Kelly dichte Klangteppiche schuf, die den Songs ihre atmosphärische Tiefe verliehen. Bassist Pete Trewavas und Schlagzeuger Ian Mosley bildeten das gewohnt souveräne Fundament. Zusätzliche rhythmische Akzente setzte Andy Gangadeen, der die Band auf dieser Tour begleitet. Seine Percussion fügte sich nahtlos in den charakteristischen Marillion-Sound ein und verlieh insbesondere den neueren Kompositionen zusätzliche Dynamik und Farbe, ohne jemals aufdringlich zu wirken.
Im Mittelpunkt des Programms standen neben den Klassikern auch Stücke der jüngeren Bandgeschichte. Mit „Sounds That Can’t Be Made“, „Seasons End“ und der vierteiligen „Care“-Suite aus dem aktuellen Studioalbum bewiesen Marillion eindrucksvoll, dass ihre neueren Werke live ebenso kraftvoll funktionieren wie ihre Klassiker. Gerade „Care“ entwickelte sich zu einem emotionalen Höhepunkt des Abends. Die Kombination aus atmosphärischen Bildern auf den Videoleinwänden, fein abgestimmtem Licht und der musikalischen Intensität sorgte für Gänsehautmomente.
Die Gilde Parkbühne bot dafür den passenden Rahmen. Als die Dämmerung einsetzte, gewann die visuelle Inszenierung zunehmend an Wirkung. Farben, Projektionen und Lichtwechsel unterstützten die Musik, ohne sie zu überlagern. Statt einer bombastischen Rockshow setzten Marillion auf Atmosphäre – und genau das machte den Reiz dieses Konzerts aus.
Das Publikum zeigte sich über den gesamten Abend aufmerksam und konzentriert. Viele Besucher sangen die Refrains mit, spendeten immer wieder lang anhaltenden Applaus und feierten besonders die bekannten Songs mit großer Begeisterung. Gleichzeitig herrschte während der leisen Passagen eine fast andächtige Stille – ein Zeichen dafür, wie intensiv sich die Zuschauer auf die Musik einließen.
Auch bei den Zugaben ließ die Band nicht nach. Mit den drei zusammenhängenden Songs „Hotel Hobbies“, „Warm Wet Circles“ und „That Time of the Night“ aus dem Album „Clutching at Straws“ erfüllten Marillion vielen langjährigen Anhängern einen Wunsch. „Afraid of Sunlight“ sorgte anschließend für einen weiteren Höhepunkt, bevor mit „Wave“, „Mad“ und schließlich „The Great Escape“ ein ebenso kraftvoller wie emotionaler Schlusspunkt gesetzt wurde.
Nach gut zwei Stunden verabschiedete sich die Band unter stehenden Ovationen von ihrem Publikum. Marillion bewiesen in Hannover eindrucksvoll, dass sie auch nach fast fünf Jahrzehnten Bandgeschichte nichts von ihrer kreativen Kraft verloren haben. Statt auf Nostalgie zu setzen, präsentierten sie eine musikalisch anspruchsvolle und emotional berührende Show, die Vergangenheit und Gegenwart der Band überzeugend miteinander verband.
Für die 2.500 Besucher wurde der Abend auf der Gilde-Park Bühne damit zu weit mehr als einem Konzert – er wurde zu einem Wiedersehen mit einer Band, deren Musik auch heute noch Menschen bewegt.
Fotocredit & Review: Sascha Beckmann