Da ich Französisch weder spreche noch wirklich verstehe, höre ich Musik von Sébastien Tellier seit jeher eher mit dem Bauch als mit dem Kopf. Auch wenn der gute Mann fröhlich zwischen den Sprachen hin und her wechselt. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – berührt mich dieser Künstler seit über zwanzig Jahren. Die Mixtur aus French Touch, New Wave, Electronica und exzentrischem Pop ist einfach zeitlos. Und genauso nehme ich auch „Kiss The Beast“ erneut war.
„Kiss The Beast“ wirkt wie eine Verdichtung all dessen, was Tellier immer ausgezeichnet hat: Pop-Appeal und maximale künstlerische Freiheit. Ein Album, das gleichzeitig extravagant und erstaunlich zugänglich ist. Produziert zwischen Paris und London, mit Beiträgen von Victor Le Masne, SebastiAn, Oscar Holter und Daniel Stricker, entfaltet sich „Kiss The Beast“ als ein schillerndes Mosaik. Owen Palletts Streicher verleihen dem Album eine fast filmische Eleganz, Nile Rodgers’ Gitarre bringt Funk ins Spiel, während Features von Kid Cudi und Slayyyter zeigen, dass Tellier mit 50 Jahren keinerlei Berührungsängste mehr hat. Nicht um trendy zu sein – sondern weil es Sinn ergibt.
Gleich der Opener „Kiss The Beast“ macht dabei unmissverständlich klar, in welchem Referenzraum sich Sébastien Tellier hier bewegt – und wie souverän er ihn zusammenführt. Der Gesang ruft sofort Assoziationen an Daft Punk hervor, während sich darunter diese brachialen, euphorischen Popwellen auftürmen, wie man sie von M83 kennt. Und trotzdem verliert der Song nie seine Zärtlichkeit: In den melodischen Momenten schimmert genau jene Sanftheit durch, die Air seit jeher auszeichnet. Es ist ein Opener, der nicht einfach beeindrucken will, sondern Telliers Koordinatensystem absteckt.
„Naïf de Coeur“ geht anschließend einen Schritt weiter ins Feinsinnige und weckt bei mir eine deutlich weniger offensichtliche Referenz, die eher im Geheimtipp-Regal zu finden ist: Toro y Moi. Vor allem dessen Album „Boo Boo“ bewegte sich in ähnlichen Klangwelten – zwischen warmem Synthpop, innerer Unruhe und sanfter Melancholie. „Naïf de Coeur“ teilt genau dieses Gefühl: Musik, die nicht nach vorne drängt, sondern nach innen zieht. Und wenn man über diesen Song spricht, darf man das dazugehörige Video keinesfalls unterschlagen. In einer Zeit, in der Musikvideos oft nur noch Begleitmaterial sind, wirkt dieser Clip wie ein eigenständiges Kunstwerk. Traumhaft, entrückt, visuell so stimmig, dass Bild und Klang sich gegenseitig verstärken. Ein Moment, der zeigt, dass Tellier Pop nicht nur denkt, sondern konsequent als Gesamtkunstwerk versteht.
Das bereits angesprochene Feature „Thrill of the Night“ setzt den nächsten Fixpunkt im Album. Gemeinsam mit Slayyyter und Nile Rodgers begibt sich Tellier auf die Suche nach dem perfekten Popmoment: Disco, Funk, große Gesten – und trotzdem kein kalkulierter Hit. Tracks wie „Mouton“ und „Loup“ dagegen kippen bewusst ins Absurde, mit Schaf-Blöken, Lounge-Jazz und elektronischen Ausbrüchen. Balance ist hier das Stichwort: Schönheit darf irritieren, Pop darf seltsam sein. Und in den richtigen Momenten Ernst. Denn da ist noch jener funkelnde Synthpop-Song („Copycat“) der die absurde Geschichte eines Mannes verarbeitet, der Telliers Identität stahl. Ernstes Thema, federleicht erzählt. Typisch Tellier.
Der vielleicht emotionalste Moment des Albums ist jedoch „Amnesia“ mit Kid Cudi. Sagt zumindest mein Bauchgefühl. Zwei Künstler, die auf sehr unterschiedliche Weise Melancholie vertonen. Und genau dieser Mut zur Offenheit, macht „Kiss The Beast“ so stark. In einem Interview mit The Guardian äußerte Tellier vor kurzem, er wolle kein Sklave des guten Geschmacks sein. Und genau das hört man diesem Album an. „Kiss The Beast“ ist glamourös, teils schräg und verspielt. Und vor allem ist es ein Werk eines Künstlers, der mit seinem Alter Frieden geschlossen hat – und genau deshalb so frei klingt.
Das ganze Album könnt ihr hier ordern oder Pre-Saven. Zudem spielt Sébastien Tellier am 30.März 2026 eine exklusive Show im Theater des Westens in Berlin.
Fotocredit: Jean Baptiste Mondino