Zwischen Fjordnebel und Holzvertäfelung entstand ein Album, das mit geografischen Klischees kurzen Prozess macht. Agabas haben sich für die Entstehung ihres neuen Werks in eine abgelegene Hütte am Hardangerfjord zurückgezogen – fernab urbaner Szenen, aber nah an einer künstlerischen Radikalität, die man dieser Umgebung kaum zutrauen würde. Herausgekommen ist mit „Hard Anger – Deluxe“ ein Statement, das Death Metal und Jazz nicht bloß kombiniert, sondern ineinander verkeilt, bis eine neue, eigensinnige Klangsprache entsteht.
Was Agabas hier präsentieren, ist keine ironische Spielerei und kein kalkulierter Genre-Gag. Das Album wirkt vielmehr wie das Resultat jahrelanger Auseinandersetzung mit Extremen: gnadenlos heruntergestimmte Gitarrenwände treffen auf eruptive Saxofonlinien, die sich nicht als schmückendes Beiwerk verstehen, sondern als gleichwertige, mitunter dominierende Kraft. Schlagzeug und Bass arbeiten dabei nicht nur als rhythmisches Fundament, sondern als tektonische Verschiebung unter der Oberfläche – ständig in Bewegung, ständig kurz vor dem Kontrollverlust.
Die Wucht des Metals ist unüberhörbar, doch ebenso präsent ist die improvisatorische Freiheit des Jazz. Statt klarer Trennlinien entsteht ein Spannungsfeld, in dem Präzision und Chaos koexistieren. Blastbeats und polyrhythmische Strukturen stehen neben offenen, beinahe frei atmenden Passagen, die eher an avantgardistische Jazzclubs als an verschwitzte Moshpits erinnern. Gerade diese Reibung macht den Reiz von „Hard Anger – Deluxe“ aus: Das Album fordert Aufmerksamkeit, es lässt sich nicht nebenbei konsumieren, sondern verlangt aktives Zuhören.
Bemerkenswert ist dabei die musikalische Kompetenz, die hinter dieser klanglichen Eskalation steht. Die Mitglieder von Agabas verfügen über akademische Hintergründe in Jazzperformance, Musiktechnologie und Musikwissenschaft. Dieses Wissen ist hörbar – jedoch nie akademisch verkopft. Vielmehr dient es als Fundament für kontrollierte Grenzüberschreitungen. Die Band weiß genau, welche Regeln sie bricht, und gerade dadurch gewinnen die radikalen Momente an Glaubwürdigkeit.
Stilistisch lassen sich zwar Einflüsse aus technischem Extreme Metal ebenso heraushören wie Referenzen an Größen des Free Jazz, doch Agabas verweigern sich der Rolle als bloßes Hybridprojekt. „Hard Anger – Deluxe“ klingt nicht nach einer Addition zweier Genres, sondern nach einer eigenständigen Vision. Die Musik ist aggressiv, sperrig und bisweilen überfordernd – aber nie beliebig.
So entsteht ein Album, das Extreme nicht als Pose begreift, sondern als ernst gemeinte künstlerische Haltung. „Hard Anger – Deluxe“ ist laut, komplex und kompromisslos – ein Werk, das gleichermaßen verstört wie fasziniert und das zeigt, dass musikalische Innovation oft dort entsteht, wo scheinbar Unvereinbares aufeinandertifft.
Fotocredit: Terje Frostad