Am 27. Juni 2026 bog das legendäre Vainstream Rockfest Am Hawerkamp in Münster auf die Zielgerade seines großen Jubiläums ein. Schon am Vortag hatte das restlos ausverkaufte Mega-Event eindrucksvoll unterstrichen, warum es seit nunmehr zwei Jahrzehnten zu den wichtigsten Institutionen der deutschen Rock-, Punk- und Hardcore-Landschaft zählt. Auch am zweiten Festivaltag strömten die Massen bereits zum Einlass um 11:00 Uhr in langen Schlangen herbei, getragen von einer elektrisierenden Vorfreude auf ein hochkarätiges Line-up. Ähnlich wie am Freitag forderte die gnadenlose Sommerhitze mit tropischen Werten von weit über 30 °C den Feiernden einiges ab. Das „Festival der kurzen Wege“ im urbanen Hansaviertel reagierte jedoch goldrichtig: Ein dichtes Netz an kostenlosen Trinkwasserstellen, eine kulinarisch abwechslungsreiche Food-Meile sowie die beliebte klimatisierte Messehalle boten den perfekten Rahmen, um der extremen Sonneneinstrahlung zu trotzen und ausgiebig an den Merch-Ständen zu shoppen.
The Pretty Wild
Den fulminanten Startschuss auf der „Murder Stage“ feuerte pünktlich um 12:00 Uhr das US-amerikanische Metal-Duo The Pretty Wild ab. Die beiden Schwestern Jyl und Jules Wylde wirbelten wie zwei ungezähmte Tornados über die gigantische Hauptbühne und bewiesen trotz der sengenden Mittagshitze eine beeindruckende Präsenz. Mit ihrem innovativen Crossover-Mix aus modernem Nu-Metalcore, Alternative Rock und Pop-Elementen – von den Fans auch liebevoll als „Y’allternative“ oder „Baddiecore“ betitelt – hatten sie die bereits beachtlich gefüllte Kulisse sofort im Griff. Gleich der wuchtige Opener „PARADOX“ zündete ein wahres Energiebündel, das die Menge zum Springen und Tanzen animierte. Während die Security-Crew im Graben bereits unzählige Liter Wasser zur Abkühlung in die ersten Reihen reichte, brillierte das Duo bei Songs wie „button eyes“ und „OMENS“ mit messerscharfen Shouts und glasklaren Gesangsparts. Vor ihrem viralen Hit „sLeepwALkeR“ wandten sich die Schwestern mit einer emotionalen Ansage an die Crowd und erklärten sichtlich gerührt, dass dieser Track ihr Leben verändert und ihnen die allererste Europa-Tour ermöglicht habe. Unter ohrenbetäubendem Beifall verabschiedeten sich die Newcomerinnen und hinterließen ein restlos begeistertes Publikum.
Ein wiederkehrendes Lob ging an die vorbildliche Festival-Community und die unermüdlichen Helfenden: Ein Sprecher des Vainstream erinnerte regelmäßig daran, die Schattenzonen und die klimatisierte Messehalle zur Regeneration zu nutzen. Die Fans bewiesen enormen Zusammenhalt, teilten das kühle Nass und versorgten sich in den vorderen Reihen gegenseitig, sodass trotz der extremen klimatischen Bedingungen eine rundum sichere und familiäre Atmosphäre herrschte.
Boundaries
Deutlich härtere Saiten wurden ab 12:30 Uhr auf der benachbarten „EMP Stage“ aufgezogen, als die US-amerikanische Formation Boundaries die Bretter betrat. Das fünfköpfige Abrisskommando um Frontmann Matthew McDougal entfesselte vom ersten Ton an eine wahre Naturgewalt aus kompromisslosem Metallic Hardcore. Zu brutalen Nackenbrechern wie „My Body Is A Cage“ und „Is Survived By“ formierten sich im Handumdrehen massive, staubige Moshpits, in denen es trotz der brennenden Sonne erbarmungslos intensiv zur Sache ging. McDougal schrie sich mit markerschütternden, aggressiven Shouts regelrecht die Seele aus dem Leib, während die Band hinter ihm ein technisches Breakdown-Gewitter abfeuerte, das die Grundmauern des Hawerkamps erschütterte. Die unbändige Energie der Musiker übertrug sich eins zu eins auf die euphorisierten Fans, die unaufhörlich headbangten und die schiere Gewalt der Riffs feierten. Mit ihrer mitreißenden Live-Hymne „Easily Erased“, die vom Publikum lauthals im Chor mitgesungen wurde, endete ein schweißtreibender, absolut denkwürdiger Auftritt unter donnerndem Applaus.
RAUM27
Für eine willkommene und erfrischende Abwechslung im von Metal und Hardcore geprägten Line-up sorgten um 13:00 Uhr RAUM27 auf der „Murder Stage“. Das Bremer Indie-Pop-Duo, bestehend aus Sänger Tristan Stadtler und Multiinstrumentalist Mathis Schröder, lockte mit seinem tanzbaren, melancholischen Sound tausende Neugierige vor die Hauptbühne. Gleich zu Beginn des Sets machte Tristan eine klare Ansage: Man habe sich akribisch vorbereitet, um für das Vainstream kurzerhand die härteste Indie-Pop-Band Deutschlands zu werden. Dieses Versprechen löste die Formation mit einer unbändigen Spielfreude ein, die sofort das Eis brach. Zu treibenden, rockigen Rhythmen und gesellschaftskritischen Texten von Hits wie „Da Wo Ich Bin“ verwandelte sich das Gelände in eine ausgelassene, sommerliche Open-Air-Party. Die Metal-Community zeigte sich extrem offen, nahm den wandelbaren Sound dankbar an und tanzte ausgelassen in der prallen Sonne. RAUM27 genossen sichtlich jede Sekunde dieses Kontrastprogramms und verabschiedeten sich nach 35 Minuten unter verdientem, lautstarkem Applaus.
Magnolia Park
Um 13:35 Uhr füllte sich der Bereich vor der „EMP Stage“ merklich, als die Pop-Punk- und Alternative-Sensation Magnolia Park die Bühne stürmte. Die US-amerikanische Band um den charismatischen Sänger Joshua Roberts legte mit dem Opener „Animal“ einen absolut feurigen Start hin, der vom Vainstream-Publikum mit frenetischem Jubel erwidert wurde. Die Band kombinierte gekonnt ihren düsteren „Neon-Goth“-Sound mit Trap- und R&B-Elementen, was beim Publikum für absolute Eskalation sorgte. Joshua Roberts glänzte mit messerscharfen Shouts, die sofort gigantische Moshpits provozierten. Die unbändige Bühnenpräsenz der Musiker riss alle mit – die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als einer der Gitarristen kurzerhand den Sprung ins Publikum wagte und auf den Händen der Fans eine Runde crowdsurfte. Selbst ein kurzer, hitzebedingter Technikausfall tat der Dynamik keinen Abbruch; die Band spielte unbeeindruckt weiter und brachte den Hawerkamp mit Tracks wie „Omen“ und „DANGEROUS“ endgültig zum Beben. Nach dem finalen Kracher „Shallow“ verabschiedete sich die Formation unter ohrenbetäubendem Jubel.
We Came As Romans
Als einer der absoluten Dauerbrenner des modernen Metalcore starteten We Came As Romans um 14:50 Uhr ihr sehnlichst erwartetes Set auf der „EMP Stage“. Das Gelände war zu diesem Zeitpunkt brechend voll, da sich viele Festivalbesucher diesen Auftritt als persönliches Tageshighlight rot im Kalender markiert hatten. Angetrieben von gigantischen Singalong-Refrains und düsteren Djent-Einflüssen ballerten die Pioniere ihren brandneuen Track „ALL IS BEAUTIFUL…“ in die Menge, was augenblicklich zu gewaltigen Moshpits führte. Die unbändige Energie auf der Bühne schwappte sofort auf die Zuschauenden über. Während des Klassikers „Cold Like War“ hielt es Frontmann Dave Stephens nicht mehr auf den Beinen: Er stieg kurzerhand über die Absperrung und ließ sich von den treuen Fans auf Händen tragen. Brachiale Breakdowns bei Songs wie „Darkbloom“ und „Black Hole“ brachten die Masse trotz der extremen Temperaturen zum kollektiven Headbangen. Nach dem bärenstarken Finale mit dem Song „Daggers“ verabschiedete sich das Quintett unter tosendem Applaus und untermauerte eindrucksvoll seinen Ruf als erstklassige Live-Band.
Thrown
Die Stimmung explodierte endgültig, als das schwedische Phänomen Thrown das Vainstream mit seinem rasanten, unbarmherzig aggressiven Metallic Hardcore überrollte. Das Quartett um Ex-Grieved-Sänger Marcus Lundqvist bewies in Sekundenschnelle, warum es zu den am schnellsten wachsenden Acts der weltweiten Heavy-Szene gehört. Mit dem brachialen Opener „bloodsucker“ stürzten sie den Hawerkamp augenblicklich in ein staubiges, wildes Chaos. Lundqvist agierte wie eine absolute Naturgewalt, stachelte die Menge ununterbrochen an und schrie sich bei den Nu-Metalcore-Gewittern von „split“ und „parasite“ die Seele aus dem Leib. Trotz eines kurzen Technikausfalls im Set blieb die Intensität auf dem Siedepunkt. Als der Megahit „on the verge“ durch die Boxen dröhnte, blieb im Publikum kein Stein mehr auf dem anderen. Nach der historischen Debütsingle „grayout“ verabschiedeten sich die Schweden aus der Münsteraner Hitze und hinterließen eine völlig erschöpfte, aber glückliche Fanbase.
Grandson
Direkt im Anschluss übernahm der US-kanadische Ausnahmekünstler Grandson die „Murder Stage“ und zog die Massen mit seinem hochexplosiven, gesellschaftskritischen Crossover-Sound in den Bann. Er eröffnete seine energiegeladene Show mit dem Track „AUTONOMOUS DELIVERY ROBOT“ und punktete sofort mit seiner einzigartigen Stimme und dem experimentellen Mix aus Alternative Rock, Hip-Hop und Electro-Elementen. Das extrem textsichere Publikum feierte Songs wie „BELLS OF WAR“ und „GOD IS AN ANIMAL“ Zeile für Zeile ab. Da die extremen Temperaturen auch dem Musiker zusetzten, entledigte er sich kurzerhand seines Oberteils. Grandson suchte immer wieder die Nähe zu den Absperrungen und interagierte wunderbar nahbar mit den Fans. Ein echtes Highlight war seine packende Cover-Version von Bob Dylans „Masters Of War“. Zum großen Finale mit seinem Platin-Hit „Blood // Water“ forderte Grandson die Menge auf, gigantische Moshpits zu bilden, die sich sogar bis vor die benachbarte Bühne erstreckten – ein mitreißendes Spektakel, das mit lautstarkem Jubel belohnt wurde.
Bloodywood
Als nächstes Highlight eroberten Bloodywood aus Neu-Delhi die „EMP Stage“. Zuvor hatte die Festivalleitung die Umbaupausen leicht verlängert, um allen Gästen in der extremen Hitze eine kurze Atempause und den Gang zu den Getränkeständen zu ermöglichen. Als die indischen Musiker schließlich mit dem Opener „Dana Dan“ loslegten, herrschte vor der Bühne eine unvergleichliche, elektrisierende Atmosphäre. Mit ihrem einzigartigen Crossover aus Nu Metal, Metalcore und traditioneller indischer Folk-Musik zogen sie das Vainstream sofort in ihren Bann. Ein absoluter Blickfang waren die detailreichen indischen Outfits der Band. Das rhythmische Herzstück ihres Sounds, die traditionelle Dhol-Trommel, verlieh den aggressiven Gitarrenriffs einen unverwechselbaren Groove, der bei Songs wie „Aaj“ für massive Moshpit-Action sorgte. Mitten im Set gab es eine kurze Unterbrechung durch die Festivalleitung, die eine amtliche Unwetterwarnung vor starkem Regen durchgab, woraufhin die Band jedoch weitermachte, als wäre nichts gewesen. Mit den kraftvollen Hymnen „Bekhauf“ und „Halla Bol“ stürzten sie das Gelände in kollektive Begeisterung, bevor sie mit dem finalen Kracher „Machi Bhasad“ wie ein Tornado über die Bühne fegten und sich unter tosendem Applaus verabschiedeten.
Der vorzeitige Abbruch des Festivals
Nach diesem triumphalen Auftritt wich die ausgelassene Partystimmung auf dem Gelände einer spürbaren Ungewissheit. Eigentlich stand die mit Spannung erwartete Show von Black Veil Brides auf dem Programm, doch stattdessen blieb die Hauptbühne hinter einem großen Vainstream-Banner verhüllt. Ein Sprecher des Festivals verkündete zunächst technische Probleme, doch hinter den Kulissen liefen bereits krisenhafte Diskussionen ab. Nach einer längeren Wartezeit trat schließlich ein Mitarbeiter des Organisationsteams vor den Vorhang und verkündete die bittere Nachricht: Ein schweres, gefährliches Gewitter zog direkt auf das Festivalgelände zu, weshalb das Vainstream Rockfest 2026 im Sinne der Sicherheit aller Beteiligten mit sofortiger Wirkung abgebrochen werden musste. Die Enttäuschung über den Ausfall der restlichen Hochkaräter wie Hollywood Undead, Sondaschule und des Headliners Architects war verständlicherweise riesig. Auch die Auftritte von Agnostic Front, TX2, Ways Away und vielen weiteren Bands konnten leider nicht wie geplant stattfinden. Dennoch funktionierte das Sicherheitskonzept tadellos: Die Räumung des Geländes durch die tausenden Festivalbesucher verlief absolut ruhig, diszipliniert und vorbildlich. Es war ein abruptes, sehr bedauerliches, aber absolut notwendiges Ende eines bis dahin fantastischen und geschichtsträchtigen Jubiläumswochenendes in Münster.
Fazit
Auch wenn der Wettergott dem runden Jubiläum ein verfrühtes Ende setzte, bleibt dieses Vainstream Rockfest 2026 als ein absoluter Triumph in Erinnerung. Nach dem bereits fantastischen ersten Tag bewies auch dieser zweite Festivaltag bis zu seinem Abbruch, warum das Event seit nunmehr zwei Jahrzehnten einen goldenen Platz im Herzen der europäischen Festivallandschaft einnimmt. Münster erlebte ein friedliches, hochkarätiges und perfekt organisiertes Fest der harten Klänge, das in Sachen Line-up, Soundqualität und Atmosphäre neue Maßstäbe gesetzt hat. Die Hilfsbereitschaft unter den Gästen bei den tropischen Temperaturen und das professionelle Krisenmanagement der Verantwortlichen haben gezeigt, dass das Vainstream eine absolute Institution ist. Wir ziehen den Hut vor 20 Jahren Rockgeschichte und freuen uns schon jetzt auf die nächsten zwei Jahrzehnte Am Hawerkamp!
Fotocredit: Offizielle Grafik