Future Islands gehören zu jenen seltenen Bands, die es geschafft haben, über zwei Jahrzehnte hinweg relevant zu bleiben. Ihr emotionsgeladener Synth-Pop, getragen von Samuel T. Herrings unverwechselbarer Stimme und den melodisch geschickten Arrangements, hat die Gruppe von vielversprechenden Newcomern zu Genre-Helden geführt – ein Weg, der nicht immer geradlinig verlief, aber stets von künstlerischer Integrität geprägt war. Mit acht Studioalben, unzähligen Singles und einer Live-Reputation, die ihresgleichen sucht, stehen Future Islands 2026 an einem bemerkenswerten Punkt: Statt einer klassischen Best-of-Compilation veröffentlichen sie mit „From a Hole in the Floor to a Fountain of Youth“ eine kuratierte Sammlung aus Raritäten, alternativen Versionen und bislang nicht gestreamten Fan-Favoriten.
Ich habe Future Islands das erste Mal beim Dockville Festival 2012 erlebt – und schon damals war klar, dass hier eine Band am Werk ist, die sich nicht mit mittlerer Höflichkeit zufriedengibt. Sänger Samuel T. Herring war bereits an diesem Nachmittag eine Sensation: körperlich präsent, emotional aufgeladen, mit dieser Mischung aus Verletzlichkeit und fast schon theatralischer Wucht. Von da an hatte ich die Band auf dem Radar. Kurze Zeit später erschien dann ihr größter Hit „Seasons“, und ein legendärer Auftritt bei David Letterman, in dem Herring seine unvergleichlichen Dancemoves auspackte, machte Future Islands zur Internetsensation. Doch wer nur diesen viralen Moment kennt, verpasst die eigentliche Geschichte.
Zwanzig Jahre, zwanzig Songs
Mit „From a Hole in the Floor to a Fountain of Youth“ veröffentlichen Future Islands am 22. Mai 2026 keine klassische Best‑of‑Compilation, sondern eine kuratierte Zusammenstellung aus Raritäten, alternativen Versionen und Fan‑Favoriten, die bislang größtenteils nicht im Streaming zu finden waren. Zwanzig Songs für zwanzig Jahre, vier Bandmitglieder, vier Vinylseiten – und damit ein Blick auf die Tiefe und Vielschichtigkeit, die hinter den lauteren Peaks oft übersehen wurde.
Was sofort auffällt: Diese Songs klingen zusammengehörig, obwohl sie über Jahrzehnte verteilt entstanden sind. Das liegt an Future Islands‚ unverwechselbarem Sound‑Arrangement – markante Synths, abenteuerlustige Basslinien, leidenschaftlicher Gesang – das sich über die Jahre kaum verändert hat. Die Hinzunahme von Michael Lowry als Live‑Drummer hat der metronomischen Präzision später eine menschliche Note verliehen, doch das Herzstück bleibt unverändert.
„The Ink Well“ eröffnet das Album in sanftem Schwung aus klimmenden Synths und standhaften Basslines, Herrings unverwechselbare Stimme dreht Pirouetten durch Drum‑Machine‑Klicks. Mit „Pinocchio“ folgt so etwas wie ein um die Ecke gedachter Titeltrack, denn der Albumtitel begegnet einem hier als Eröffnungszeile des Songs. Bassist William Cashion erklärt die Metapher klar: „Das Loch im Boden steht für den Alltag, aber die Fontäne ist die Magie, die entsteht, wenn das Leben, von dem du geträumt hast, tatsächlich das wird, welches du lebst. Es sind der Traum und die Realität, die im selben Raum existieren.“
Rare-Tracks als Geschenk an die Fans
Und dann folgt ein chronologisch aufgebauter Song-Reigen, der ein durchgehend erstaunlich hohes Niveau hält, wenn man bedenkt, dass es sich hier um eine Sammlung Ausschussware handelt. Aber auch hier liefert Cashion eine Erklärung, warum viele dieser Songs bisher in unentdeckten Verstecken lagerten: „Ich habe es geliebt, als Kind den extra Schritt gehen zu müssen, um Raritäten zu finden. Indem wir diese Songs vom Netz ferngehalten haben, wollten wir dieses Geschenk der Entdeckung an unser Publikum zurückgeben – und jetzt bringen wir sie alle ans Licht.“
Zum Glück, denn wer weiß ob solche Up‑Tempo‑Offenbarungen wie „Find Love“ (Original Release: Before the Bridge 7”), „Glimpse“ (VIP tour-only 7”) und „Happiness of Being Twice“ (Feathers & Hallways 7”) jemals den Weg zu unseren Ohren gefunden hätten. Aber auch die eher andächtigen Stücke bleiben hängen. Sei es das hypnotische wirkende „In the Fall“ oder das zurückhaltende „Awake and Dreaming“. Besonders eindrücklich ist „The Fountain“, eine luxuriöse Slow‑Dance‑Ballade mit deutlichem Ambience-Einschlag.
Ein weiterer Fixpunkt der Platte ist ganz sicher auch das wunderbare „One Day“, welchem man seine Herkunft, B-Seite der „Seasons“ 7”, geradezu anhören kann. Das erstaunlichste ist hierbei ganz sicher, dass die Nummer 2014 nicht mit auf das Album „Singles“ gewandert ist. Mit Hilfe dieser Rückschau kann man nun auch ganz sicher sagen, dass 2014 zum wichtigsten Jahr im künstlerischen Schaffen Future Islands zählen dürfte. Der Gesang von Herring klingt ab diesem Zeitpunkt deutlich ausgereifter und aus Songs wurden Hits. „From a Hole in the Floor to a Fountain of Youth“ ist somit weniger Nostalgie‑Trip als vielmehr eine Zeitraffer‑Studie – ein entlarvendes Porträt der Band, wie sie sich vertieft und reift.
Fotocredit: Shawn Brackbill