„Gute Laune“ ist ein Titel, der lächelt und gleichzeitig herausfordert. Er klingt nach Leichtigkeit, nach Konfetti, nach einer Platte, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt – und genau darin liegt die erste Irritation. Denn die Berlinger Jungs von Engst haben kein Feelgood-Album geschrieben. Sie haben ein Freiheitsalbum geschrieben. Eines, das nicht so tut, als wäre alles gut, sondern das davon erzählt, wie es ist, wenn eben nicht alles gut war – und man sich trotzdem entscheidet, weiterzumachen.
Wenn „Gute Laune“ am 27. Februar 2026 via Arising Empire das Licht der Welt erblickt, wird schnell klar sein: Dieses Album will nicht gefallen – es will bewegen. Denn nach zehn Jahren Bandgeschichte klingt diese Platte nicht wie ein Jubiläumswerk, das Bilanz zieht und sich selbst feiert. Sie klingt eher wie ein Befreiungsschlag aus dem eigenen Kopf. Man spürt, dass hier weniger zerredet wurde als früher, weniger Konzeptzwang im Raum stand, weniger der Gedanke, alles müsse einem übergeordneten Plan folgen. Stattdessen wirken die Songs wie Momentaufnahmen aus einem Jahr, das Spuren hinterlassen hat. Schwerere Themen stehen neben beinahe zärtlichen Beobachtungen, persönliche Abgründe neben gesellschaftlichen Kommentaren – und nichts davon fühlt sich konstruiert an. „Gute Laune“ meint hier nicht Party, sondern Freiheit. Die Freiheit, nicht alles erklären zu müssen. Die Freiheit, Widersprüche auszuhalten.
„Sag mir warum“ ist vielleicht der intimste Punkt dieser Platte. Ein Song, der nicht dramatisiert, sondern offenlegt. Man hört die Nacht darin, das Grübeln, die existenziellen Fragen, die nicht laut gestellt werden, sondern in sich kreisen. Es ist einer dieser Momente, in denen Musik nicht unterhalten, sondern tragen soll. Und genau das tut sie. Ohne Pathos, ohne künstliche Größe. Engst lassen zu, dass Verletzlichkeit Raum bekommt – und genau deshalb wirkt sie stärker als jeder Ausbruch. Dieses Album scheut sich nicht vor Dunkelheit, aber es verharrt nicht darin. Es erzählt vom Überleben, vom Weitermachen, von dem nüchternen, fast trotzigen Entschluss, noch hier zu sein.
Politisch war die Band immer, doch auf „Gute Laune“ geschieht das anders. Weniger Parole, mehr Perspektive. „Lied über Blumen“ wirkt zunächst beinahe ironisch, entpuppt sich aber als einer der klügsten Songs der Platte. Statt laut gegen alles anzubrüllen, was schiefläuft, setzt der Text auf Reduktion. Blumen als Symbol für Frieden, Vielfalt, ein Miteinander ohne Gewalt – das klingt simpel, aber gerade diese Vereinfachung trifft ins Mark. In einer Zeit, in der jede Meinung sofort eskaliert, ist Subtilität vielleicht der radikalere Weg. Auch „Großstadtprolet“ beobachtet mehr, als es anklagt. Der Song seziert toxische Männlichkeitsbilder nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit klarem Blick. Das wirkt reifer, souveräner und nachhaltiger als jede Schlagwortsammlung.
Klanglich ist „Gute Laune“ offener als seine Vorgänger. Wo früher manchmal alles gleichzeitig explodierte, lassen Engst hier Luft zwischen den Tönen. Die Gitarren tragen, statt zu überrollen, die Refrains kommen nicht als erzwungene Höhepunkte, sondern wie logische Konsequenzen. Matzes Stimme klingt nicht größer, sondern näher. Es ist, als würde er weniger in die Menge hinein singen, sondern direkter zu der einzelnen Person, die gerade zuhört. Diese Nähe verleiht der Platte eine Intensität, die nicht von Lautstärke abhängt.
Auch visuell bricht das Album mit Erwartungen: babyblaue Härte, bewusste Irritation, das Spiel mit Symbolen und Zuschreibungen. Es passt zu einer Band, die keine Lust mehr hat, sich in eine Schublade pressen zu lassen. Engst waren nie nur eine Sache – und „Gute Laune“ unterstreicht das eindrucksvoll. Hier steht keine Band, die gefallen will. Hier steht eine Band, die etwas auslösen möchte. Das Schlimmste für Kunst ist Gleichgültigkeit – und dieses Album ist vieles, aber sicher nicht gleichgültig.
„Gute Laune“ ist kein radikaler Neustart und kein kompletter Bruch mit der Vergangenheit. Es ist eine konsequente Weiterentwicklung. Eine Platte, die gelernt hat, dass Haltung nicht zwangsläufig laut sein muss und dass Stärke sich oft in Offenheit zeigt. Sie ist nicht perfekt, sie will es auch nicht sein. Aber sie ist ehrlich, reflektiert und mutig genug, sich selbst nicht zu schonen. Und genau deshalb verdient sie 8 von 10 Punkten – weil sie nicht alles neu erfindet, sondern sich selbst ernst nimmt, ohne verbissen zu wirken, und weil sie beweist, dass Punk auch dann noch relevant ist, wenn er nicht schreit, sondern spricht.
Fotocredit: Offizielles Pressebild
Engst live:
17.04.2026 – Bremen, Modernes
18.04.2026 – Kiel, Die Pumpe
19.04.2026 – Oberhausen, Kulttempel
24.04.2026 – Jena, F-Haus
25.04.2026 – Nürnberg, Hirsch
26.04.2026 – Aschaffenburg, Colos-Saal