Ein Präsident lässt warten. Das gehört zum Amt. Zur Inszenierung. Zur Machtdemonstration. Und so steht man an diesem Abend im ausverkauften Luxor in Köln und wartet. Und wartet. Und wartet noch ein bisschen länger.
Eigentlich sollte es um 20 Uhr losgehen. Stattdessen kommt eine Ansage an die Citizens, dass sich die Ankunft des Präsidenten noch etwas verzögert. Ein paar Minuten. Dann noch einmal. Keine Vorband. Kein Trostprogramm. Nur ein Raum voller Menschen, die gekommen sind, um eine Band zu sehen, die sich bewusst jeder klassischen Rockmechanik entzieht – anonym, maskiert, ohne Gesichter, ohne erklärende Worte.
President sind erst seit Kurzem Teil der britischen Rocklandschaft, haben sich 2025 nahezu aus dem Nichts gezeigt und seitdem ein Mysterium kultiviert, das live konsequent weitergedacht wird. Konzerte heißen bei ihnen Rallies, Fans Citizens, Kommunikation findet kaum statt. Alles ist Inszenierung. Alles ist Kontrolle.
Die Stimmung im Luxor kippt schleichend. Anfangs noch Vorfreude, dann Unruhe. Mit jeder weiteren Durchsage wächst das Gefühl, hier nicht nur Zuschauer*in zu sein, sondern Teil eines Experiments. Erste Buh-Rufe. Erste gehen. Wie in der Politik: Nicht alle halten das Warten aus, nicht alle bleiben loyal.
45 Minuten nach dem geplanten Beginn steigt weißer Rauch auf. Das Licht färbt den Club rot. Der Raum hält den Atem an. Und nach geschlagenen 50 Minuten erscheint er. Der Präsident. Live und in Farbe. Der wahrhafte. Der echte. Wie im echten Leben lässt er auf sich warten – der Unterschied: Er liefert ab. Und zwar richtig.
Was folgt, ist kein klassisches Konzert, sondern eine Machtdemonstration in Zeitlupe. Alle in Schwarz. Maskiert. Keine Ansagen. Keine Erklärungen. Zwischen den Songs herrscht Stille, so dicht und schwer, dass sie fast beängstigend wirkt. Es ist, als würde jede Pause absichtlich gesetzt, um den Raum unter Spannung zu halten – als wolle diese Band beweisen, dass auch Schweigen ein Statement sein kann.
Musikalisch bewegen sich President irgendwo zwischen düsterem Alternative Rock, Industrial-Härte und metallischer Wucht, ohne sich je eindeutig festnageln zu lassen. Die Songs wirken live roh und körperlich, getragen von einer Präsenz, die weniger auf Nähe als auf Wirkung setzt. „Fearless“ hallt durch den Raum, und plötzlich ergibt vieles Sinn: Diese Band will keine Umarmung, sie will Konfrontation.
Der Frontmann wirkt dabei manchmal wie ein seniler alter Mann, dann wieder wie ein verzweifelter Prediger, der auf die Knie geht, als müsse er selbst an das glauben, was er hier beschwört. Es ist unbequem. Es ist intensiv. Und es funktioniert.
Bei jedem einzelnen Song bricht dennoch Jubel aus. Komplett. Ungeteilt. Vielleicht gerade, weil President nicht gefallen wollen. Vielleicht, weil sie etwas riskieren. Vielleicht, weil diese strenge, fast politische Ästhetik im Live-Kontext eine ungeheure Sogwirkung entfaltet.
Nach 40 Minuten ist Schluss. Punkt. Ende. Aus. Um 21:30 Uhr endet diese wilde, extatische Rallye – gefühlt genau in dem Moment, in dem sie gerade erst begonnen hat. Keine Zugabe. Stattdessen ein leiser Abschied: Der Präsident hebt die Hände, formt mit ihnen ein Peace-Zeichen, faltet sie kurz zum Dank. Dann ist er weg. Wie ein Staatsoberhaupt, das den Raum verlässt, sobald es gesagt hat, was gesagt werden musste.
Zurück bleibt ein Publikum, das nicht genau weiß, was es da gerade erlebt hat – aber ziemlich sicher ist, dass es etwas Besonderes war. Ein Konzert, das weniger gefallen wollte als wirken. Das polarisiert, provoziert und Fragen hinterlässt. Über Erwartungshaltungen. Über Macht auf der Bühne. Über das Verhältnis zwischen Publikum und Performance.
President haben an diesem Abend nicht versucht, gemocht zu werden. Sie haben regiert.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum man dieses Konzert so schnell nicht vergisst.
Fotocredit: Offizielles Pressebild