Ehe man sich versah wurde bereits der letzte Tag eines wundervollen Festivalswochenende eingeläutet. Bis hierher erlebte das Scheeßler Publikum zwei Tage, an denen sie gleichermaßen von Sonne und Bands verwöhnt wurden. Nach diesen zwei intensiven Tagen lag eine Mischung aus Vorfreude und Wehmut über dem Gelände, während sich die Besuchenden ein letztes Mal zwischen den Bühnen verteilten, um die verbleibenden Highlights mitzunehmen.
Das Finale startete mit der Band Kafvka in die Vollen. Auf einer der größten Bühnen des Landes war es den Musikern wichtig sich ganz klar für die internationale Solidarität zu positionieren und inhaltliche Tiefe an den Tag zu legen. Trotz der nicht leichten inhaltlichen Kost, blieb ihr Set dabei kurz und knackig, wirkte aber gerade durch diese inhaltliche Komponente umso direkter und eindringlicher. Ihre Fans haben es oder so gefeiert – so wird politischer Deutschpunk richtig gemacht! Für die nötige Portion Energie sorgten im Anschluss Hot Milk, die mit ihrer gewohnt intensiven Performance das Publikum sofort abholten. Wer sie schon einmal live gesehen hat, weiß, dass diese Beschreibung auch zweifelsfrei auf die Jungs von Blackout Problems zutraf, die einmal mehr bewiesen, wie gut sich emotionale Text und druckvoller Sound verbinden lassen. Bei der Band aus München gibt es bekanntermaßen kein Halten mehr und so war es auch dieses Mal. Dafür ging es minimal entspannter, aber nicht weniger stimmungsvoll bei Yellowcard weiter. Zwar blieb die Crowd vor der Bühne überschaubarer, was der Atmosphäre jedoch keinen Abbruch tat. Vielmehr entstand dadurch fast ein intimer Rahmen, in dem sowohl Klassiker als auch neue Songs wie „Better Days“ vom gleichnamigen im Herbst erscheinenden Album einen Platz fanden. Wir fanden, dass sie einen soliden Job absolvierten.
Einen der fabulösesten Auftritte des Tages lieferte Nina Chuba. Mit ihrer enormen Bühnenpräsenz lockte sie jede Menge junges Publikum vor die blaue Bühne, was verdeutlichte wie hoch ihre Zugkraft im Line-Up war. Den Erwartungen ihrer Fans wurde sie mehr als gerecht und lieferte heftig ab. Neben ihren Hits konnte sie zudem mit der Erfüllung eines riesigen Feature-Wunsches seitens ihres Publikums punkten. Da die 102 Boys an diesem Tag ebenfalls in Scheeßel verpflichtet waren, konnte „Ich hass dich“ mit Chapo102 live zelebriert werden. Dafür gab es den Refrain gleich zwei Mal, bevor sich alles im Jubel-Konfetti-Sturm auflösen konnte. Dabei wurde das Set stets von einer ansprechenden Choreografie geleitet, die auch zu der neuen Single „Rage Girl“ nicht fehlen durfte. Von den härteren Seiten inklusive Bengalo und herdbangen bis hin zu dem für TikTok geeigneten Dance wurde alles aus der Showpalette herausgeholt und sorgte gleichsam für visuelle als auch musikalische Reize. Die 26-jährige lieferte somit ein Set, was sich sehen lassen konnte, und auch vom einsetzenden Regen nicht gestoppt werden konnte.
Eigentlich ist man es leid in Scheeßel übers Wetter zu schreiben, aber es gehört traditionellerweise irgendwie einfach dazu, und wird als Teil des Erlebnisses akzeptiert. Vielmehr verlieren alle Besuchenden ihren Humor nicht und feuerten eifrig mit Applaus und Zugerufen einen Mitarbeiter an, der die Bühne trocken fegte. Zwischen den grauen Wolken blitzte dann sogar ein Regenbogen hervor; eine trügerische Idylle, der man auf dem Eichenring erfahrungsgemäß nicht zu lange trauen kann. Damit erfolgte zunächst der Schwenk rüber zur grünen Hauptbühne auf der sich das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld (RTO) im Disco-Outfit, angeführt von Lorenz Rhode, bereit machte. Wer kann zu dieser Aufmachung gut passen? Richtig, Jan Böhmermann, der standesgemäß auf dem E-Scooter mit Fahrradhelm und Regenponcho einzog und die Message verbreitete: „Wir sind gekommen, um euch zu politisieren“. In diesem Sinne wurde in der nächsten Stunde politisches Kabarett gesungen und von einem absolut fantastischen Orchester getragen. Das Hauptelement Unterhaltung wurde hier noch einmal weitergedacht und sorgte damit dafür, dass sich dieser Auftritt von dem aller anderen an diesem Wochenende deutlich unterschied. Wenngleich entstand ein bisschen der Eindruck, dass Jan Böhmermann als Posterboy des RTO fungierte, dessen Name die Leute anzog, aber das Orchester dafür sorgte, dass sie blieben.
Nach dem Auftritt des Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld übernahmen SDP um 20:30 Uhr die Blue Stage und lieferten mit ihrem gewohnt eingängigen Gute-Laune-Mix den passenden Soundtrack für die letzten Festivalstunden. Währenddessen zogen sich, wie sollte es anders sein, jedoch bereits dunkle Wolken über dem Gelände zusammen und zeigten ein Szenario, das wie kein anderes zum Hurricane Festival gehört. Und tatsächlich führte eine Warnung vor starkem Gewitter schließlich zu einer geordneten Evakuierung des gesamten Geländes. Besuchende wurden in ihre Autos geleitet, während das Festivalgeschehen vorübergehend vollständig zum Stillstand kam. Es ist wie verflucht, es gibt kein Hurricane Festival ohne mindestens einen Wetterzwischenfall. Wer sich dazu entschied, nicht vorzeitig abzureisen, wurde im weiteren Verlauf dennoch belohnt. Mit Verzögerung konnte das Programm fortgesetzt werden – und Green Day servierten schlussendlich ihren ersehnten Abschluss. Trotz der Unterbrechung blieb die Stimmung intakt, die Crowd zeigte sich erleichtert und nahm die letzten Momente des Festivals dankbar mit.
Damit endete das Hurricane Festival 2025 zwar nicht ohne Herausforderungen, aber dennoch mit einem versöhnlichen Abschluss für ein überaus fantastisches Wochenende. Zwischen trotzdem noch aufgetretenen Wetterkapriolen, die mittlerweile fast dazugehören, starken Live-Performances und einem insgesamt reibungslosen Ablauf, der sowohl von Veranstaltenden als auch den Einsatzkräften gelobt wurde, blieb am Ende eine weitere erfolgreiche Version des Major-Festivals in Niedersachsen stehen. Nächstes Jahr geht es noch einmal furioser weiter, da mit 30 Jahren am Eichenring Jubiläum gefeiert wird, welches viele Überraschungen verspricht.
Fotocredit: Jan Sebastian Tegelkamp