Das neue Album der italienischen Künstlerin ist weniger eine klassische Song-Sammlung als vielmehr ein Zustand. Ein langsames Eintauchen in ein Klangbild, das irgendwo zwischen Dreampop und minimalistischem Indie schwebt. Nichts drängt sich auf, nichts will sofort gefallen – und genau darin liegt die Stärke dieser Platte.
Es gibt diese Pressemails, die mit Referenzen um sich werfen wie andere mit Konfetti. David Lynch, Lana Del Rey, Chelsea Wolfe, Mazzy Star – alles dabei, alles groß, alles bedeutungsschwer. Und meistens denkt man sich: Ja klar, schon wieder so ein Versuch, Bedeutung zu behaupten, statt sie entstehen zu lassen. Bei Charlie Risso ist das ein bisschen anders.
Denn kaum laufen die ersten Sekunden von „Rituals“, merkt man: Hier geht es nicht um Referenzen. Hier geht es um Atmosphäre.
Schon der Opener „Bad Instincts“ funktioniert wie eine Art Eintrittstor. Pulsierende Synths, eine fast schwerelose Instrumentierung und darüber diese Stimme, die gleichzeitig nah und entrückt wirkt. Risso singt nicht, um zu beeindrucken – sie zieht einen hinein. In eine Welt, die sich irgendwo zwischen Licht und Schatten bewegt. Gleichzeitig geht eine gewisse Bedrohlichkeit von diesem Track aus und ich erweitere die Referenzen nun äußerts gern um Bands und Künstler wie Desire, Johnny Jewel oder Chromatics.
Stimmung das zentrale Element dieses Albums. Viele Songs entfalten sich langsam, fast vorsichtig. Sie wirken wie kleine Übergangsriten – passend zum Titel – in denen sich Emotionen nicht entladen, sondern aufbauen, verdichten und schließlich irgendwo im Raum stehen bleiben. Gleichzeitig haben Tracks immer wieder etwas Cineastisches, als würden sie eher für Bilder als für Playlists geschrieben sein. Man sieht diese Songs förmlich vor sich: verlassene Landschaften, flimmernde Horizonte, ein Gefühl von Einsamkeit, das nicht bedrückt, sondern fast tröstet. Und sollte Nicolas Winding Refn bei einem seiner nächsten Filmprojekt auf der Suche nach einem unverbrauchten Sound mit Neo-Noir und 80er Dreampop-Flair sein, bei Charlie Risso könnte er fündig werden.
Und auch wenn das Album eine einheitliche Stimmung liefert, es gibt denncoh einige Fixpunkte, die man explizit herausstellen sollte. dazu gehört „Let’s Move Somewhere Else“, nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Brian Lopez (Calexico). Seine Stimme und Gitarre geben dem Song eine zusätzliche Tiefe, ohne das fragile Gleichgewicht der Platte zu stören. Oder das zarte und verdammt eingängige „Winter Games“, welches geradezu nach einer Singleauskopplung schreit.
CHARLIE RISSO Live
23.4. Grevenbroich | Kaffee Kultus (DE)
24.4. Saarbrücken | Terminus (DE)
30.4. Wien | Haus der Musik (AT)
02.5. Berlin | Zimmer16 (DE)
03.5. Hamburg | Stellwerk (DE)
08.5. Magdeburg | Volksbad Buckau (DE)
Fotocredit: Pierluigi DeRubertis