Wenn 6euroneunzig sprechen, geht es nicht um vorsichtige Formulierungen oder symbolische Gesten — es geht um Selbstermächtigung, Körperpolitik und den kompromisslosen Anspruch, Räume einzunehmen, die Frauen und queeren Menschen viel zu lange verwehrt wurden. Ihre EP „FOTZEN an die Macht“ ist kein ironisches Augenzwinkern und kein Marketing-Slogan, sondern ein bewusst gewählter Affront gegen patriarchale Strukturen, internalisierte Scham und die Erwartung, dass weibliche Stimmen leise, höflich oder gefällig sein müssen. Ihre Musik verwandelt Clubs in Orte der Selbstbestimmung und Pop in ein Werkzeug gegen gesellschaftliche Normen, die bis heute bestimmen wollen, wie Frauen zu sprechen, zu fühlen und zu existieren haben. Dabei geht es nicht nur um Provokation, sondern um Solidarität, Sichtbarkeit und das Zurückerobern von Begriffen, Körpern und Narrativen. 6euroneunzig liefern damit den Soundtrack für eine Generation, die sich nicht mehr erklären will — sondern handeln. Lest nur hier unser Interview mit 6euroneunzig
Frontstage Magazine: FOTZEN an die Macht‘ klingt nicht nach Metapher, sondern nach Kampfansage. An wen genau richtet sich diese Machtübernahme – das Patriarchat, die Musikindustrie oder eure eigenen inneren Dämonen?
6euroneunzig: Diese Kampfansage richtet sich auf jeden Fall ans Patriarchat und vor allem ist es ne Einladung an alle geile Fotzen da draußen in die Selbstermächtigung und ins Handeln zu kommen.
Frontstage Magazine: Ihr benutzt Pop als Waffe. Glaubt ihr, dass radikale Inhalte überhaupt noch durchdringen können in einer Musikindustrie, die Feminismus inzwischen lieber vermarktet als ernst nimmt?
6euroneunzig: Die Inhalte, über die wir schreiben, behandeln wir hauptsächlich, weil sie uns beschäftigen. Dabei freuen wir uns natürlich über jede einzelne Person, die wir erreichen. Es ist aber auch okay wenn andere unsere Musik einfach nur für die Vibes hören, unterbewusst bleibt eh was hängen! Die Musikindustrie vermarktet Feminismus inzwischen gerne, weil sie sieht dass viele Menschen sich aktiv mit feministischen Themen beschäftigen. Wo viel Resonanz ist, entstehen Möglichkeiten Geld zu machen. Uns betrifft die Industrie, weil wir independent sind und unsere Reichweite selbst über Social Media ausbauen , nur sekundär. Trotzdem spielt uns das an uns steigende Interesse der Industrie in die Karten. Ob man nun von denen ernst genommen wird oder nicht, ändert nichts daran, dass unsere Musik echte Menschen bewegt. Die Musikindustrie, wie jeder andere Arbeitsbereich, muss sich noch stark verändern. Mehr Frauen, mehr queers und vor allem mehr poc Frauen und poc queers an entscheidungstragende Positionen. Dann verändert sich auch die deutsche Musiklandschaft.
Frontstage Magazine: Ihr rappt Scham weg, die Frauen gesellschaftlich anerzogen wird. Was war der Moment, in dem ihr gemerkt habt: Fuck it, ich schulde niemandem mehr Respekt, der mir nie welchen gegeben hat?
6euroneunzig: Wir denken, das war ein schleichender Prozess und kam nicht von heute auf morgen. Kat hatte die Realisation mit ca 19, als sie irgendwann aufgehört hat sich zu rasieren. „Ehm Junge? Warum mach ich das eigentlich? Für wen?“ Auch für Nina gab es nicht den einen Moment, aber ein Wendepunkt war sicherlich, als sie angefangen hat körperliche Übergriffe zu reflektieren und erstmals als solche einzuordnen.
Frontstage Magazine: Hedonismus als Eskapismus: Kritikerinnen sagen, Feiern verändert kein System. Ist eure Party eine Flucht – oder ist sie genau der Ort, an dem Widerstand erst möglich wird?
6euroneunzig: Wahrscheinlich trifft beides zu. Für manche ist Feiern eine Flucht und das sollte in einer Welt, in der Nachrichten immer zugänglicher, immer schneller und krasser werden und in der man alles Negative direkt mitbekommt, okay sein. Manchmal braucht man einfach eine Pause, in der der Kopf aus sein darf. In Pausen entstehen Ideen und neue Wege. Tanzen, Feiern und Kunst gehören zu uns Menschen wie Essen und Kacken. In unserer Musik versuchen wir beides zu verbinden, Spaß haben beim rebellieren sozusagen. Nicht alles muss trocken und ernst sein. Abgesehen davon hat Kunst nicht die Aufgabe Systeme zu stürzen, sondern auf Missstände aufmerksam zu machen. Und manchmal keins von beidem.
Frontstage Magazine: Eure Musik ist laut, vulgär und unangepasst – genau das, was Frauen oft abtrainiert wird. Ist ‚FOTZEN an die Macht‘ auch ein bewusstes Nein zu Respektabilität, Nettsein und Angepasstheit?
6euroneunzig: Ja, auf jeden Fall. Alles, was wir machen, ist auch eine Befreiung von den ungerechten Strukturen die existieren.
Frontstage Magazine: Wenn eure EP ein Manifest wäre: Was müsste konkret brennen, bevor sich wirklich etwas ändert – und wen würdet ihr als Ersten von den Trümmern tanzen sehen?
6euroneunzig: Die Superreichen und Großkonzerne müssten auf jeden Fall als aller erstes abgefackelt – oder im übertragenen Sinne ordentlich besteuert, umstrukturiert und zur Verantwortung gezogen werden. Wir hoffen, dass das alle geilen Fotzen und der Großteil der Menschen irgendwann zusammen zelebrieren können.
6euroneunzig FOTZEN an die Macht Live:
08.03.2026 Hannover – Faust AUSVERKAUFT
09.03.2026 Freiburg – Jazzhaus
13.03.2026 Zürich – Exil
14.03.2026 Bern – Gaskessel
19.03.2026 Köln – Die Kantine (hochverlegt vom CBE)
20.03.2026 Hamburg – Uebel & Gefährlich AUSVERKAUFT
10.04.2026 München – Rote Sonne AUSVERKAUFT
11.04.2026 Wien – FLEX (hochverlegt vom Werk)
15.04.2026 Franfurt – Mousonturm
17.04.2026 Leipzig – Werk2 AUSVERKAUFT
18.04.2024 Erfurt – Kalif Storch
02.05.2026 Berlin – SO36 AUSVERKAUFT
03.05.2026 Berlin – SO36
Tickets hier.
Fotocredit: Barbara Binner