Mit ihrem neuen Album „Bis jetzt ging alles gut“ liefern Blaufuchs nicht nur eine musikalische Momentaufnahme, sondern auch einen sehr persönlichen Einblick in die Gedankenwelt hinter den Songs. Die Platte, die am 6. Februar erschienen ist, verbindet politische Reflexion, autobiografische Erinnerungen und den Blick auf das eigene Leben zwischen Familie, Freundschaft und Bandalltag. Für uns das Frontstage Magazine hat Sänger Johannes jeden Song des Albums im Rahmen eines Track-by-Track-Kommentars eingeordnet. Dabei geht es um Herkunft und Identität, Zweifel und Verantwortung, Beziehungen, gesellschaftliche Entwicklungen und den Zusammenhalt, der sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht. Die Texte entstehen aus konkreten Erfahrungen — von Tourmomenten und politischen Beobachtungen bis hin zu sehr privaten Situationen im Alltag. Das Track-by-Track zeigt, wie eng persönliche Geschichten und gesellschaftliche Themen auf „Bis jetzt ging alles gut“ miteinander verwoben sind. Blaufuchs geben damit einen ehrlichen Blick hinter die Songs und machen deutlich, dass dieses Album nicht nur musikalisch, sondern auch emotional ein wichtiger Schritt für die Band ist.
Strom
Der Song mit dem wir uns Mitte 2025 zurück gemeldet haben, blickt etwas konsterniert auf unsere musikalische und politische Szene. Die Uniformität und das Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein, überlagert Widersprüche und führt zu vereinfachten Weltbildern. Wenn sich diese mit Identitätspolitik vermischen, entstehen verhärtete Fronten und ein Diskurs wird immer schwieriger. Unser Anspruch bleibt, immer ein Stück weit die eigenen Ansichten zu hinterfragen, sich nie zu sicher sein und vor allem in der Lage zu sein die eigenen Werte und Ideale konsequent zu leben.
Mindestens Mozart
Angereichert mit einigen Zitaten aus der Zeit, in der unser Gitarrist sein eigenes Studio betrieben hat, zeichnen wir eine fiktive Bandbiografie, die dem klassischen „fake it til you make it“ Konzept folgt. Ein Stück weit ist die felsenfeste Überzeugung es zu schaffen, (was auch immer das heißt.) schon beeindruckend, gerade, da meine eigene künstlerische Arbeit immer von starken Selbstzweifeln begleitet war und ist. Als ich den Song auf der Testpressung des Albums gegengehört habe, hatte ich meinen 5 Monate alten Sohn auf dem Arm – das kriege ich bei der Hook jetzt nicht mehr aus dem Kopf.
Koordinatensong
Eine Auseinandersetzung mit meiner alten Heimatstadt Stralsund. Hier bin ich aufgewachsen und hier wurde ich politisch geprägt- und es war immer klar, dass ich mit 18 die Stadt verlassen würde. Mittlerweile in Hildesheim gelandet schmerzt der Blick auf die politischen Entwicklungen in Mecklenburg-Vorpommern. Die Menschen, wegen denen ich damals gegangen bin, leben immer noch dort und haben ihre Ansichten nicht signifikant verändert. Mit Georg von SOAB haben wir einen guten Freund auf dem Song dabei, der die Ostseeküste ebenfalls vor Jahren gegen eine süddeutsche Stadt getauscht hat, dementsprechend passt es auch inhaltlich. Musikalisch lehnt sich der Song ein Stück weit an späte 90er Jahre Crossover Ideen an, den die lokalen Bands damals bei uns gespielt haben, aber der Verweis funktioniert vermutlich nur wenn man das miterlebt hat.
In all diesen Jahren
Wir haben mittlerweile das Alter erreicht, in dem Klassentreffen einberufen werden und das ewige Vergleichen einen Höhepunkt erreicht. Die Unbeschwertheit der Jugend wird idealisiert und auch wenn ich persönlich vieles an meiner Jugend und den Begleitumständen kritisch sehe war es aus damaliger Sicht auch eine großartige Zeit. Den eher optimistischen Vibe des Songs bringt Andi von Elfmorgen ganz gut rüber, bevor wir im C Part mal wieder den Teppich wegziehen, und den Konzert und Party-lifestyle komplett einmotten.
Eisberg
Der Moment, wenn eine Beziehung scheitert, vieles bleibt unter der Oberfläche. Die unausgesprochenen Konflikte, die letztlich zum Scheitern führen, sind oft der Unfähigkeit zur Kommunikation geschuldet und daran sind auch schon eigene Beziehungen gescheitert. Durch diese Phasen hat mich auch der Zusammenhalt in unserer Band getragen, ähnlich wie auf dem angesprochenen Schiff, die Band bleibt bis zum Schluss. Das Gitarren Solo von Jan ist einer meiner liebsten Momente der Platte, dadurch wird der Song ein Stück weit pathetisch, was auch zur textlichen Ebene passt, da man dazu neigt, solche Momente zu dramatisieren und sich in Selbstmitleid zu ertränken.
Hinterland
Während es leicht fällt, auf den Osten oder auch manche Regionen im Westen zu zeigen und sich in den bürgerlich geprägten Städten zurückzulehnen, finden wir es wichtig, den Menschen den Rücken zu stärken, die sich dem Wahnsinn vor Ort entgegenstellen. Dafür haben wir mehrere befreundete Künstler*innen dabei, zuallererst Lewia aber auch diverse Bands aus unserem politischen Umfeld wie Dorfterror, Sokae oder von Grambusch. Im Text zeichnen wir unsere eigenen Tour-Erfahrungen nach, die teilweise wirklich gruselig waren. Den Mietwagen nachts mit Planen abdecken, um heil wieder nach Hause zu kommen war ein prägendes Erlebnis. Auch ein Konzert unter massiver Polizeipräsenz zu spielen, bei dem trotzdem Böller aufs Festivalgelände geworfen werden zeigt, dass die Bedrohung von rechts extrem real ist, und leider wird es gerade eher schlimmer als besser. Ein Song kann das nicht verändern, aber vielleicht ein Stück weit Kraft geben. Und 2026 steht im Sommer eine Rückkehr nach Pirna an, mal schauen wie es diesmal wird.
Immer für dich da
Ein Song für den Menschen, der mir geholfen hat, und immer noch dabei hilft, mich nicht für die Außenwelt zu verschließen. Gerade seit wir Eltern sind, sind durchgeschlafene Nächte extremer Luxus und das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und Überwinden der eigenen Unzulänglichkeiten kosten im Alltag viel Kraft. Der Text will nicht clever und künstlerisch sein, sondern so einfach und direkt wie es mir möglich war, und das klingt dann vielleicht an manchen Stellen kitschig, aber das Glück dass ich mit diesen Menschen und trotz und vielleicht wegen der Herausforderungen empfinde, finde ich in dem Song wieder, und ich denke, dass können auch Andere nachempfinden.
Land in Sicht
Für unsere Freunde vom Wild und Fremd Podcast entstand dieser Song, über die Herausforderung, aus der eigenen Komfortzone herauszugehen und Dinge zu versuchen, die auch scheitern können und dürfen. Die Metapher funktioniert auch für das Einlassen auf einen neuen Lebensabschnitt, auf ein Commitment was Risiken mit sich bringt und ist zusammen mit Eisberg das nautische Motiv des Albums, womöglich vermisse ich das Meer doch mehr als ich zugeben will. Wobei die Ostsee natürlich eher gut kartiert ist. Ein weiterer Aspekt ist auch hier, dass der Weg nicht alleine befahren wird, sondern mit Menschen, die da sind, die verlässlich sind und die mit ins Risiko gehen. Das zieht sich auch durch einige Songs, und wird hier noch einmal explizit.
Juno
Ein für uns ziemlich experimenteller Song, da John hier die Hook auf englisch singt. Die Anspielung auf den Juno Beach, an dem am D-Day die kanadischen Truppen landen sollten, nimmt der Song aus zwei Blickwinkeln vor. Die Idee des Songs ist der Blick vom Strand aufs Meer in den Strophen und der Blick vom Landungsboot in der Hook, wobei nicht explizit gemacht wird, ob es historisch gemeint ist, oder auf die Zukunft abzielt. Johns Großvater war an dieser Landung beteiligt und ohne dieses Ereignis hätten wir keinen kanadisch stämmigen Songwriter in der Band. Das so eine Situation nie wieder eintreten darf heißt für uns sich gegen den Rechtsruck in Deutschland stark zu machen, damit sich nicht wieder Menschen an französischen Stränden gegenüberstehen. Das ist vermutlich viel gedanklicher Überbau, aber ich denke es ist uns ganz gut gelungen, dass umzusetzen. Und die Hook kriege ich nach jedem Hören für Tage nicht mehr aus dem Kopf.
Fertig
Einer der vermutlich persönlichsten Momentaufnahmen die wir je veröffentlicht haben. Seit wir mit der Band gestartet sind, haben sich unsere Leben massiv verändert. Die Verantwortlichkeiten im Job und in den eigenen Familien haben zugenommen, und der empfundene Druck ist gestiegen. Und bei all dem Optimismus, den wir in den anderen Songs ausstrahlen, gibt es sie, die Momente der Ohnmacht, des gefühlten Scheiterns. Das Gefühl, der eigenen Familie, der Band und deren Umfeld nicht gerecht werden zu können, sich in Dingen zu verzetteln und Menschen zu enttäuschen. Ich habe im Prozesse dieses Albums gemerkt, dass ich meine persönlichen Ressourcen besser im Blick behalten muss, um diese Momente zu reduzieren, und befreit kreativ sein zu können.
Wir vom Frontstage Magazine präsentieren euch die Tour von Blaufuchs in Zusammenarbeit mit Uncle M.
Blaufuchs 2026:
27.02.26 DE – Düsseldorf – Ratinger Hof
28.02.26 DE – Frankfurt – Ponyhof
07.03.26 DE – Würzburg – B-Hof
13.03.26 DE – Bremen – Zollkantine
14.03.26 DE – Oberhausen – Drucktluft
27.03.26 DE – Berlin – Schokoladen
28.03.26 DE – Hannover – Lux
Fotocredit: Tim Albrecht