Was bleibt uns eigentlich noch, wenn die große Liebe an der Realität zerschellt, der Glauben keine Antworten mehr liefert und unsere gesamte Existenz nur noch in ein flimmerndes 9:16-Hochformat passt? Die Bremer Formation ANNES EX verweigert sich dem bequemen Wegschauen. Nach zwei Jahren akribischer DIY-Arbeit präsentieren Marian Rossol, Sören Hösterey, Raoul Maroldt und Julian Donalies mit „Herz schlägt“ ein Debütalbum, das nicht nur eine musikalische Visitenkarte ist, sondern eine Bestandsaufnahme unserer kollektiven Überforderung. Irgendwo im Spannungsfeld zwischen rotzigem Punk, atmosphärischem Indie und wuchtigem Alternative haben die vier Norddeutschen einen Soundtrack geschaffen, der nicht trösten will – sondern treffen.
Eine Achterbahn aus Wut und Verletzlichkeit
Die Reise beginnt ohne Umschweife: Das Intro „Erster Tag“ peitscht den Hörer in nur 45 Sekunden wach. Es ist kein klassisches Vorgeplänkel, sondern ein geballter Punk-Ausbruch, der den Takt der Platte vorgibt und sofort Appetit auf das Kommende macht. Nahtlos geht es in den Titeltrack „Herz schlägt“ über. Hier dominiert ein treibendes Schlagzeug, das in seiner Energie an die besten Tage von Green Day erinnert. Sänger Marian zeigt sich hier direkt in Bestform – roh, ungeschönt und absolut ehrlich. Die Zeile „Wir kippen Champagner in den Schnee“ brennt sich sofort ein und man sieht den Moshpit vor der Live-Bühne förmlich schon vor sich.
Dass die Band auch textlich scharf schießen kann, beweist „Frau Doktor“. Was mit einer prägnanten Gitarre beginnt, entwickelt sich zu einem hochkarätigen deutschen Punksong über die Paradoxien des Älterwerdens. „Jetzt bin ich erwachsen, aber immer noch nicht reif“ – ein Gefühl, das viele teilen dürften. Besonders stark: Die letzte Zeile „Am besten eine Pille gegen toxisches Geschlecht“ setzt ein klares Statement gegen verkrustete Rollenbilder. Mit „Nah“ nehmen ANNES EX dann zum ersten Mal das Tempo raus. Der Song ist emotionaler, fast schon suchend und stellt die essenzielle Frage nach der wahren Liebe. Besonders in den leisen Passagen glänzt Marians klare, verletzliche Stimme, bevor sich der Track in einem rockigen Finale mit Gänsehaut-Refrain entlädt.
Diesen Faden greift auch „Liebeslied“ auf. Trotz des Titels ist es keine sanfte Ballade, sondern ein waschechter Punksong, der durch ein variantenreiches Instrumental besticht. Der Refrain nistet sich sofort als Ohrwurm ein und zwingt den Hörer zum Mitnicken.
Zwischen Kindergebeten und dem großen Nichts
Doch die Stimmung kippt mit dem Interlude „16_9“: Eine Kinderstimme betet zu Gott, wird gegen Ende jedoch immer undeutlicher und verzerrter, was eine beklemmende Überleitung zum nächsten Highlight schafft.
In „Larven“ setzen sich ANNES EX kritisch mit der Endlichkeit auseinander. Die Botschaft ist hart: Nach dem Tod kommt nichts, wir werden schlichtweg gefressen. Dieser Kreislauf des Lebens wird in einen musikalisch anspruchsvollen Punk-Track verpackt, der für mich eines der absoluten Highlights der Platte darstellt. Mit „Depriode“ folgt ein stimmungsvoller, etwas ruhigerer Song, der die Melancholie des Alltags einfängt („Was für ein schöner Tag, doch wir sind leider nicht da“). Auch wenn er im Vergleich zu den anderen Brettern etwas abfällt, rundet die Rückkehr der Kinderstimme am Ende das Gesamtbild stimmig ab.
Einen kompletten Bruch wagt die Band bei „Sonne aus Pappmache“. Der Einstieg mit Spieluhren-Klängen leitet eine wunderschöne und abwechslungsreiche Ballade ein. Hier wird deutlich, wie viel Liebe zum Detail die Bremer in ihr DIY-Projekt gesteckt haben. Der Song endet hochemotional mit dem Weinen einer Frau und zerbrechlichem Gesang. Es folgt „Lidokain“, benannt nach dem örtlichen Betäubungsmittel. Ein gefühlvoller Song über die emotionale Taubheit der Nacht („Nichts macht uns so schwach wie die Nacht“), der das Thema der Verdrängung perfekt vertont.
ANNES EX liefern ein Herzschlagfinale
Zum Endspurt ziehen ANNES EX das Tempo wieder an: „Gaukler“ ist ein kurzer, rasanter Punk-Feger, der das Adrenalin zurückbringt und den man am liebsten sofort laut aufdrehen möchte – leider ist er fast schon zu schnell wieder vorbei. Mit „Linie 1“ begeben wir uns schließlich auf die Zielgerade. Der Song spielt geschickt mit Tempowechseln und endet passend zum Titel mit einer originalen Straßenbahn-Ansage: „Fahrt Ende, bitte aussteigen“. Doch bevor wir gehen, liefert das große Finale „Gott hat Angst vor mir“ den ultimativen Tiefschlag. Akustikgitarre und rauer Gesang skizzieren ein Bild gesellschaftlicher Abgründe – von der Jagd über häusliche Gewalt bis hin zur digitalen Einsamkeit am Monitor. Ein nachdenklicher, fast verletzlicher Abschluss, der die Brillanz des Albums noch einmal unterstreicht.
Fazit
„Herz schlägt“ ist ein beeindruckendes Zeugnis einer Band, die weiß, was sie will. ANNES EX liefern kein glattpoliertes Produkt, sondern ein ehrliches Stück Musik, in dem in jeder Sekunde Herzblut steckt. Die Mischung aus roher Energie, punkiger Direktheit und mutigen, ruhigen Momenten macht dieses Debüt unglaublich kurzweilig. Man spürt förmlich, dass diese Songs für die Bühne geschrieben wurden. Wer auf deutschen Punk mit Tiefgang und Kante steht, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Von der Bremer Band dürfen wir in Zukunft sicherlich noch Großes erwarten – das Potenzial ist definitiv riesig.
Fotocredit: Albumcover / Artwork