Monchi ist der Sänger der deutschen Punkrock-Band Feine Sahne Fischfilet aus Jarmen, Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem ist Jan Gorkow, so der bürgerliche Name des 34-jährigen, Hansa-Rostock-Ultra und bekennender Antifaschist. Soweit nichts Unbekanntes. Seit gestern ist er außerdem Autor eines eigenen Buches und insgesamt rund 60 kg schlanker. Warum das eine Erwähnung wert ist? „Niemals satt: Über den Hunger aufs Leben und 182 kg auf der Waage“ beschreibt die Reise und Gedankenwelt während seines Gewichtsverlustes, und das, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Ja, es geht irgendwie um ein Modethema, denn der zentrale Handlungsstrang ist nun Mal das Abnehmen. Dennoch liest die geneigte Leserschaft alles andere als ein Lifestyle-„So-wirst-du-schlank-in-100-Tagen“-Schwachsinn. Zumindest kenne ich kein einziges, welches regelmäßig mit Begriffen wie Digger oder Fotze arbeitet. Viel mehr erhalten wir den ungefilterten Blick des Sängers auf seine aktuelle Lebensphase. Das Buch startet im Dezember 2019 mit der Realisierung, dass jede*r Mal eine Pause braucht. Dazu gehören auch Feine Sahne, denn die Jungs waren immer am Start. Später im Buch beschreibt Monchi auch auf sich bezogen, dass er immer maßlos und ohne Grenzen lebt. Es gilt zu jeder Zeit das Motto ganz oder gar nicht; beim Feiern, Saufen, Leben allgemein, Fußball, aber halt auch beim Essen. Das exzessive Tourleben in Verbindung mit kompletter Übertreibung endeten letztendlich in stattlichen 182 kg Körpergewicht – krasse Zahl für einen krassen Typ. Dabei stellt sich Monchi offen und ehrlich seinen Problemen und veranschaulicht, wie es ist, immer mehr zu essen, ohne wirklich ein Hungergefühl zu erleben. Der Titel „Niemals satt“ hätte wirklich nicht passender ausfallen können. Auch ohne Essstörung zu wissen, wie sich eine Essstörung anfühlt, schafft es Monchi mit seinen direkten Worten Verständnis aufzubauen, wie er sich währenddessen fühlt. Immer wieder sorgen Kapitel über „Ich sehe was, was du nicht siehst“ für einen ungeschönten Einblick in die Welt von „Moppis“, wie er sich selbst bezeichnet. So kann nicht nur die Shoppingtour in merkwürdig benannten Läden zur Tortur werden, sondern auch Flugreisen oder Paragliden stellen unüberwindbare Hindernisse dar. Wenn man jetzt denkt, ja gut, dann macht man halt was anderes, beschreibt Monchi unaufgeregt, dass selbst ganz normales Fahrradfahren einem Ding der Unmöglichkeit bleibt.
Während jeder weiteren Seite entwickelt man auf diese Weise eine überragende Sympathie für den Schreiber, denn man kann sich sehr gut in seine Lage versetzen. Er schafft es unfassbar authentisch zu schreiben, ohne dabei zu ausfallend zu werden. Jeder Satz kommt aus tiefsten Herzen und das spürt man beim Lesen. So ist zum Beispiel der Brief seiner Eltern oder viel mehr die Antwort eine recht emotionale Angelegenheit, was ich bei dem Buch eines Prollo-Politpunk-Sängers eher nicht erwartete. Doch gerade bei der Anekdote, wie er seinen Eltern seine Schulden in Höhe von 23.000 Euro zurückzahlte, hatte ich Tränen in den Augen. Das Buch ist echt und hat mich vollkommen abgeholt, da es überhaupt nicht belehrend oder ähnliches ist. Er maßt sich nicht an irgendwelche Ratschläge geben zu wollen, sondern erzählt seine Geschichte ehrlich und reflektiert. Für diese aufrichtige Auseinandersetzung mit seinem Leben, welches sicherlich eine enorme Inspirationsquelle für viele andere sein kann, gibt es von mir eine klare Leseempfehlung. Ich denke, alle sollten sich einmal so schonungslos mit ihren Gefühlen und Ängsten, wie in diesem Fall der Jo-Jo-Effekt, auseinandersetzen, wie Monchi es getan hat, denn er scheint darin seine Erfüllung gefunden zu haben, denn immerhin liest es sich so. Lange habe ich nicht so etwas Empathisches über Erfolge und Rückschläge gelesen. Somit habe ich bis zur letzten Seite von „Niemals satt“ mitgelitten, mich mitgefreut oder gelitten.
Fotocredit: Bastian Bochinski