Dass The Amity Affliction auch nach 20 Jahren im Game zur absoluten Speerspitze des australischen Heavy-Sounds zählen, ist angesichts ihrer fünf Nummer-eins-Alben in den ARIA-Charts und über einer Milliarde Abrufe unbestritten. Mit ihrem aktuellen Werk „House Of Cards“, welches am 24.04.2026 das Licht der Welt erblickt, schlägt die Truppe jedoch ein neues Kapitel auf. Erstmals ist Neuzugang Jonny Reeves als Clean-Sänger zu hören. Der seit 2025 fest zur Band gehörende Musiker steht vor der Herausforderung, das bewährte Wechselspiel aus roher Gewalt und Melodie in eine frische Ära zu überführen.
Zwischen Schmerz und Befreiung
Textlich agiert Joel Birch auf „House Of Cards“ so schonungslos offen wie selten zuvor. Im Zentrum steht die Verarbeitung des Verlusts seiner Mutter (2024) und die Aufarbeitung einer hochkomplexen Familiendynamik. Es ist ein tiefgründiger Blick auf toxische Strukturen und den schmerzhaften, aber notwendigen Prozess der familiären Annäherung nach der Tragödie.
Der Einstieg ist geglückt: Das Intro „Vida Nueva“ schafft eine dichte Stimmung, die sich schlagartig im treibenden „Kickboxer“ entlädt. Hier stellt das Quintett seine technische Reife unter Beweis und untermauert mit brachialen Shouts, dass der Härtegrad keineswegs gedrosselt wurde. Der Titelsong „House Of Cards“ fungiert als Dreh- und Angelpunkt: Ein gewohnt düsteres Grundgerüst trifft auf die glasklaren Vocals von Jonny Reeves. Dass dessen Stimme den Horizont der Band erweitert, zeigt sich eindrucksvoll in „Heaven Sent“. Dieser verbindet die druckvollen, modernen Metalcore-Elemente von The Amity Affliction mit atmosphärischen Synthie-Texturen und eingängigen melodischen Passagen. Während aggressive Shouts und kraftvolle Riffs für die nötige Härte sorgen, schaffen die hymnischen Refrains einen emotionalen Kontrast.
Mut zu neuen Wegen
Im Verlauf des Albums wagen die Australier durchaus Experimente. Das gnadenlose „Bleed“ bricht mit seinen mechanischen Samples und einem extremen Breakdown alle Dämme und zählt zweifellos zum Aggressivsten, was die Band je aufgenommen hat. Davon hebt sich „Break These Chains“ deutlich ab. Wo früher noch die lähmende Schwere der Vergangenheit dominierte, geht es hier konsequent um das Abstreifen alter Fesseln – ein Song, der gerade bei zukünftigen Live-Shows für ekstatische Momente sorgen dürfte.
Nach dem etwas atmosphärisch-verträumten Instrumental „Beso De La Muerte“ findet das Album mit „Swan Dive“ wieder zurück in die Spur und bietet eine gelungene Balance zwischen sanften Melodien und aggressiven Ausbrüchen. „Speaking In Tongues“ überzeugt zudem durch spielerische Finesse und einen Refrain, der sofort ins Ohr geht.
Ein monumentaler Abschluss
Das Finale von „House Of Cards“ zieht noch einmal alle Register. „Afterlife“ entfaltet durch den Einsatz einer weiblichen Stimme und einen wuchtigen Breakdown eine enorme emotionale Schwere. Wer es lieber kompromisslos mag, wird mit „Reap What You Sow“ bedient: Ein elektronischer Auftakt leitet in ein Riff-Gewitter über, bei dem Birch seine gesamte aufgestaute Wut entlädt.
Den krönenden Abschluss bildet „Eternal War“. Der Song verzichtet komplett auf Clean-Vocals und schließt damit den Kreis zum wuchtigen Beginn der Platte. Ein beeindruckendes Ende für ein Werk, das die Auseinandersetzung mit gemeinsamem Trauma in neue, hoffnungsvollere Bahnen lenkt.
Fazit
Mit „House Of Cards“ beweisen The Amity Affliction eindrucksvoll, dass sie sich auch nach zwei Jahrzehnten an der Spitze nicht auf ihrem Status ausruhen. Das Album ist weit mehr als eine bloße Fortsetzung ihrer Erfolgsgeschichte – es ist eine mutige und notwendige Weiterentwicklung. Besonders die Integration von Jonny Reeves am Mikrofon verleiht dem bewährten Sound neue, atmosphärische Tiefe, ohne dabei den gewohnten Härtegrad zu opfern. Joel Birchs schonungslose Offenheit bei der Verarbeitung persönlicher Traumata verleiht der Platte eine emotionale Dichte, die den Hörer von der ersten bis zur letzten Sekunde packt. Zwischen kompromisslosen Riff-Gewittern und ekstatischen, melodischen Ausbrüchen gelingt der Band eine perfekte Balance. „House Of Cards“ ist ein monumentales Werk, das schmerzhafte Vergangenheit in hoffnungsvolle, musikalische Energie übersetzt – The Amity Affliction sind damit endgültig in einer neuen, kreativen Ära angekommen, die Fans und Kritiker gleichermaßen begeistern dürfte.
Fotocredit: Albumcover / Artwork