Mit seinem neuen Album „Hardcore“, das am 10. April erscheint, liefert Salò weit mehr als nur ein musikalisches Statement – es ist eine schonungslose Momentaufnahme unserer Zeit. Zwischen Pop, Punk und Electroclash entsteht ein Sound, der genauso überfordert, widersprüchlich und fragmentiert wirkt wie die Realität, die ihn inspiriert hat. Der Wiener Künstler, der aktuell auch als Teil der Backing Band im Stefanie-Sargnagel-Stück „Opernball“ zu sehen ist, gehört längst zu den spannendsten Stimmen seiner Szene. Auf „Hardcore“ setzt er sich mit Themen wie medialer Überreizung, gesellschaftlicher Abstumpfung und dem Verschwimmen von Realität und digitaler Inszenierung auseinander – ohne dabei einfache Antworten zu liefern. Im Interview spricht Salò über die Entstehung des Albums, den Einfluss von Social Media auf unsere Wahrnehmung und darüber, warum Musik für ihn vor allem eines ist: ein unmittelbarer Kommentar auf das, was gerade passiert.
Frontstage Magazine: Dein neues Album „Hardcore“ beschreibst du eher als Zustandsbeschreibung unserer Zeit als als klassisches Genre-Statement. Wann hast du gemerkt, dass dieses Gefühl von permanenter Eskalation der zentrale Gedanke hinter dem Album werden würde?
Salò: Ich glaube, alles hat damit begonnen als der Genozid in Palästina gerade überall in den Medien und vor allem auf Social Media für alle zugänglich und mitzuverfolgen war. Da kam es schon mal vor, dass sich beim doomscrollen Katzenvideos, tote Kinder und Zalando-Werbungen die sogenannte Klinke in die Hand gegeben haben. Kurze Zeit danach wurde der Genozid sukzessive aus den Algorithmen getilgt und irgendwann durch die Epstein Files ersetzt. Und in dem Moment, wo ich das tippe, ist das Schock-Thema wohl gerade Christian Ulmen.
Frontstage Magazine: Viele Songs auf „Hardcore“ setzen sich mit Abstumpfung gegenüber Gewalt auseinander – besonders in Zeiten von Social Media, wo extreme Inhalte ständig präsent sind. Was hat dich dazu gebracht, dieses Thema so direkt in deiner Musik zu verarbeiten?
Salò: Indem ich bemerkt habe, dass es mich selbst betrifft. Die unglaublichsten Dinge werden zu just another thing, das man irgendwie, irgendwann auf Instagram oder TikTok gesehen hat. Ich glaube das ist die natürliche Reaktion auf die AI-Apokalypse, in der wir uns gerade befinden. Unser Hirn ist auf Social Media ständig damit beschäftigt, abzuschätzen, ob das, was wir gerade sehen, echt oder wieder nur ein AI-Fake ist. Ich glaube, was wir gerade miterleben, ist der Tod der Realität.
Frontstage Magazine: In Songs wie „Rotten.com“ oder „Jello Biafra“ arbeitest du stark mit gesellschaftlichen und politischen Bildern. Verstehst du deine Musik eher als Kommentar auf unsere Gegenwart oder auch als bewusste Provokation, um Menschen aus ihrer Komfortzone zu holen? Und in Bezug auf „Rotten.com“: Glaubst du, viele kennen die Seite heute überhaupt noch? Anfang der 2000er hatte sie ja einen enormen Hype, besonders unter Jugendlichen. Inwiefern hat dich diese Zeit – und die Konfrontation mit solchen Inhalten im frühen Internet – persönlich geprägt?
Salò: Meine Musik soll ein Kommentar auf unsere Zeit sein. Aus ihrer Komfort-Zone müssen sich die Leute schon selbst holen. Ich bin kein Selbstbeweihräucherungs-Kasper, der mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt läuft. Das machen andere viel besser. Die Seite rotten.com steht für mich sinnbildlich für die Grenzen, die jeder junge Mensch für sich selbst ausloten will und muss. Heute braucht man ja nur im richtigen bzw. falschen Algorithmus unterwegs sein, um noch viel schlimmere Dinge zu sehen, wie meine Generation damals auf rotten.com. Rotten.com war natürlich eine prägende Erfahrung der Internet 1.0-Ära, die ich glücklicherweise miterleben durfte. Also die Ära, nicht unbedingt rotten.com.
Frontstage Magazine: Musikalisch vermischt „Hardcore“ Elemente aus Pop, Punk und Electroclash. Wie wichtig ist dir dieser genreübergreifende Ansatz, um die inhaltliche Wucht und Überforderung der Themen auch klanglich greifbar zu machen?
Salò: Wir verfolgen dahingehend eigentlich keinen Ansatz. Jeder Text bekommt den Song, den er verdient und umgekehrt.
Frontstage Magazine: Wenn du auf „Hardcore“ als Gesamtwerk blickst: Soll das Album eher ein Spiegel unserer Gegenwart sein – oder auch eine Art Warnsignal, dass wir uns als Gesellschaft vielleicht schon zu sehr an diese Zustände gewöhnt haben?
Salò: Alles ist retrospektiv ein Spiegel unserer Zeit und Gesellschaft. Die Kunst ist es, das Spiegelbild zeitnah einzufangen.
Fotocredit: Albumcover / Artwork